Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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völkerte Umgegend deckt ihren Bedarf ebenfalls in den hiesigen Geschäften. Seit Jahren war das Verhältnis unserer zu 90 v. H. katholischen Bevölkerung zu diesen israelitischen Geschäftsleuten das denkbar beste. Durch die letzte Reichstagswahl ist es jedoch gründlich zerstört worden. Unser Wahlkreis gehört zum Wahlkreise St. Wendel- Ottweiler-Meisenheim, in dem sich bei der letzten Reichstagswahl der Zentrumskandidat Marx und der Nationalliberale v. Schubert gegenüberstanden. Die Wahl endete mit der Niederlage des Zentrums, das aus einen sicheren Sieg gerechnet hatte und durch den Ausgang doppelt enttäuscht worden ist. Es war leicht festzustellen, daß die israelitischen Geschäftsleute nicht für das Zentrum gestimmt haben tonnten. Schon gleich nach der Hauptwahl setzte die Agitation gegen die israelitischen Geschäftsleute ein; es wurden ihnen Drohbriefe zugesandt. Der Ausgang der Stichwahl brachte die Judenhetze offen zum Ausbruch. Die Drohungen mehrten sich. In der Nacht wurden aufhetzerische Flugblätter in die Häuser geworfen, die „an die katholischen Glaubensgenossen" gerichtet waren, und in denen es hieß, es sei festgestellt, daß die Juden in Saarbrücken, Neunkirchen und Illingen liberal gewählt hätten. Die Juden hätten damit gegen die Katholiken, die ihnen das ganze Jahr hindurch ihren Verdienst zutrügen, gestimmt. Es folgte dann die Aufforderung, nichts mehr bei den Juden zu kausen, sondern nur bei katholischen Geschäftsleuten. Am Fastnachtsdienstag folgten große Kundgebungen gegen die Juden. Auf einem Wagen sammelten sich mehrere Personen mit die Israeliten verhöhnenden Masken, und, gefolgt von einer mehr als tausendköpfigen Menge, zog man durch die Straßen; vor den Häusern der israelitischen Geschäftsinhaber machte man Halt und sang Spottlieder auf die Juden. In einem heißt es: Die Reichstagswahl, die wäre jetzt vorüber, Geschlagen ist die fürchterliche Schlacht, Ein Zentrumsmann, der ging uns hinüber, Die Juden haben es soweit gebracht! Das ist ein Streich, den muß man jetzt parieren, usw. usw. Die Spott- und Hetzlieder wurden in den Wirtschaften gesungen, die Kinder riefen sie auf der Straße vorübergehenden Israeliten zu. Der geschäftliche Boykott aber wird seit vier Wochen streng durchgeführt, ja, immer schärfer gehandhabt, da nach und nach auch die Kundschaft in der Umgegend mitaufgehetzt wird. Jüdische Metzger, die seit Jahren ihrer Kundschaft das Fleisch ins Haus trugen, finden die Türen verschlossen. „Verkauft das Fleisch an Schubert," so lauten die Zurufe. Die großen Geschäftshäuser hier am Platze, die besonders Sonntags nach dem Kirchgang gedrängt voll waren, sind jetzt leer, kein Kunde kommt. Einen schärferen wirtschaftlichen Boykott kann es kaum geben." Wird die Leitung der Zentrumspartei diesem Unfug schweigend zusehen? Wird sie dulden, was sie entschieden mißbilligen würde, falls Parteigenossen wegen ihrer politischen Haltung geboykottet würden? Wie war doch die Erregung in der Zentrumspresse groß, als es unbegründeterweise hieß, die katholischen Geschäftshäuser in Duisburg seien in Verruf erklärt worden! cd. Mainz, 9. März. Am 5. d. M. ist hier im 68. Lebensjahre der Geheime Kommerzienrat und Konsul Friedrich Feldheim gestorben, der sich nicht nur in der jüdischen Gemeinde großen Ansehens erfreute, sondern in der ganzen Stadt. Feldheim hat durch seine persönlichen Eigenschaften seine Weinfirma aus bescheidenen Anfängen zu einer der ersten gemacht. Einer seiner treuesten Kunden war ein Menschenalter hindurch Fürst Bismarck. Bei diesem verkehrte Feldheim als Hausfreund. Wenn er von seinen eigenen Weinen nicht allzuviel trinken wollte, wurde der alte Kanzler böse und rief wohl über den Tisch hinüber: „Na, Ihnen schmeckt der Wein wohl nicht? Bringt dem Herrn Geheimrat mal 'ne Flasche Kupserberg." Donnerndes Gelächter folgte dem Spaß, und Bismarck leerte sein Glas „Feldheimer". Auch bei Caprivi, Hohenlohe und zuletzt noch bei Bülow war Feldheim wohlgelitten. Die Fürsten fast sämtlicher deutschen Staaten zählte er zu seinen Kunden, und die Wände seiner ausgedehnten Bureaus sind von der Decke bis zum Boden mit Diplomen und Ernennungen aller Art bedeckt. Er begnügte sich aber nicht mit seinen staatenlenkenden Kunden. Sein besonderer Ehrgeiz war aus die Männer der Kunst und Literatur gerichtet. Hier kam es ihm weniger auf das Geschäft an. So war zum Beispiel Richard Wagner schon sein Kunde, als es ihm noch recht schlecht ging. Paul Heyse hat Feldheim einmal in einer Stunde übermütiger Laune mit Kreide porträtiert. Das Bild ist im Empsangssalon der Firma zu sehen. Bon Bodenstedt besau Feldheim dessen Werke mit vielen handschriftlichen Widmungen, und Liszt soll ihm einmal eine Komposition gewidmet haben. Auch Fontane, Spielhagen, Ebers haben sehr gern die Feldheimschen Weine geschlürft. Daß Feldheim alle möglichen Titel imfc> hohen Orden bekam, braucht hier kaum mehr erwähnt zu werden. Bemerkt sei noch, daß er Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Deutschen Weinbau-Vereins gewesen und auch in philanthropischen und sozialpolitischen Vereinigungen sich mehrfach betätigt hat. Gesterretch-Anggrn. A Wien, 18. März. Das kann man bei Ihnen im Reich doch nicht erleben, daß ein angestellter Pfarrer öffentlich es auszusprechen! wagt, man müsse für die nächsten Reichsiagswahlen den reinen Rasse'n-! Antisemitismus mobil machen. Dieser Diener der Religion der Liebe j ist der hiesige christlich-soziale Pfarrer Dittrich, einer der ärgsten! Rufer im Streit gegen die Juden, mit welchen er aber nichtsdeftoj weniger, wie in den hiesigen Zeitungen unwiderrufeu berichtet wird.! zu gleicher Zeit gern gute Geschäfte gemacht hat! — Es scheint doch, als ob die Bemühungen unserer Religionslehrer, eine Verbesserung ihrer Stellung zu erreichen, auch bei uns endlich einen gewissen Erfolg haben sollten. Am 7. d. M. war wieder eine Deputation der Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen, bestehend aus den Herren Prof. Weiß, Prof. Kanitz und Rabbiner Dr. Rosenmann, bei dem Unterrichtsminister Dr. March et und überreichte ein Promemoria in j betreff der Remuneration und der Qninquennien für die nicht j definitiven Religionslehrer. Der Minister erklärte, daß zwar die Durchsetzung der Forderung nicht von ihm allein abhänge, er also auch nichts versprechen könne, daß er jedoch versuchen wolle, damit durchzudringen. — Endlich ist es dem trefflichen Professor Dr. Ernst Sellin, dank der Unterstützung des österreich-ungarischen Konsulates in Jerusalem und der Direktion des Ottomanischeu Museums, gelungen, ein Jrade des Sultans zu erwirken, welches! ihm Ausgrabungen auf dem Trümmerfelde des alten Jericho gej stattet. Die Expedition verspricht bei der hervorragenden Bedeutung I Jerichos, besonders für die vorisraelitische Geschichte, ein außerj ordentlich reiches und interessantes Ergebnis. Die Unternehmung wird! vorläufig unterstützt vom österreichischen Ministerium für Kultus und j Unterricht, den Herren Arthur Krupp in Verndorf, Anton Dreher, Philipp und Paul Schoeller hier. Professor Sellin wird sich in der i nächsten Woche zu einer ersten Probegrabung auf das Arbeitsfeld j begeben. — Wie uns mitgeteilt wird, hat der Gemeinderat von Czernowitz in der Sitzung vom 5. d. M. beschlossen, die bisherige Fleischergasse nach dem Dichter Karl Emil Franzos „Franzosgasse" zu nennen. In der neuen Franzosgasse steht das vor kurzem errichtete! israelitische Waisenhaus, ein imposanter Bau mit Gartenanlagen und! schöner Fernsicht in das Pauschtal. So hat der vor drei Jahren j dahingeschiedene Dichter im Herzen der Bukowina, seines „Jugend-! landes", dem er mit seinem Herzen diente, eine dauernde und würdige Erinnerungsstätte gefunden. — In Prag ist am 15. d. M. Herr Gottlieb Bondy, einer der verdienstvollsten und besten Männer des österreichischen Judentums, hochbetagt gestorben. Sein letztes Lebenswerk war die Herausgabe der Regesten zur Geschichte der Juden! in Böhmen. Ehre seinem Andenken! Von jstah und Lern. — Dr. Paul Brönnle hat vom Kaiser die Summe von 12 000 Mark erhalten für eine Reise nach dem Orient (Aegypten, Palästina, Syrien, Türkei), um sein Werk „Denkmäler arabischer Philologie" abzuschließen. Es soll acht Bände umschließen und in Beirut gedruckt werden. - Eine Vereinigung jüdischer Korporationen, der sämtliche an den Berliner Hochschulen bestehenden jüdischen Stndentenvereinigungen beigetreten sind, ist dieser Tage hier ins Leben getreten. Der Zweck der Vereinigung ist, unter Wahrung der Eigenart und Selbständigkeit der einzelnen Korporationen, die gemeinsamen Interessen der jüdischen Studenten zu vertreten und namentlich Angriffe von antisemitischer Seite abzuwehren.