Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 144 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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m ' Auch die Zionistett, die ihn für ihre Ideen zu gewinnen suchten, wies er energisch zurück. Er hielt ihren Pessimismus für übertrieben und ihre Verneinung des Fortschritts für krankhaft und schädlich. Als er einmal einer zionistischen Versammlung beiwohnte, kam ihm die Sache wie ein Gespenst aus einer fremden Welt vor. Er hörte hier eine Sprache, die er nicht verstand, Bestrebungen, die ihm zuwider waren. Es war ihm, als wenn das Mittelalter erwachte und das ganze moderne Leben verdrängen wollte. Er wehrte sich dagegen wie gegen einen inneren Feind. Sich selbst absondern? Sein Deutschtum aufgeben? — Nein, das wäre Verbrechen. Noch ist die deutsche Kultur nicht gestorben, noch lebt der Fortschritt der Menschheit, der die Bahn zum Licht und zur Freiheit zeigt. So überwand er mit seinem gesunden Optimismus auch diese Bitternis, und mit dem Glauben des Idealismus vertraute er der Zukunft, für die er schaffen und kämpfen wollte. Ein jeder tue seine Pflicht, fülle seinen Posten im Dienste der Menschheit aus, dann würde es schon besser werden. Schließlich sei doch mehr Dummheit als Bosheit bei der ganzen Geschichte und die Sonne der Kultur wird schon diese Wolken verscheuchen. Als. die „Finken" aufkamen, freute er sich aufrichtig über diesen studentischen Fortschritt. Mit Heller Begeisterung trat er für die neuen Ideen ein, und ohne sich vorzudrängen, setzte er seine ganze Kraft für die Sache ein. Ja, das feudale Verbindungswesen mit seinen häßlichen Schrullen ist eben veraltet, es passe nicht inehr in unsere Zeit hinein. Neue Bahnen müßten für die Entwicklung geschaffen werden. Und als es gelang, diese neuen Organisationen zu gründen, und als sich, ohne zu saufen und zu raufen, eine edle Geselligkeit und ein würdiges akademisches Leben zu bilden anfing, da jubelte er. Die Sache der Wahrheit und der Gerechtigkeit siegte ja über alles. Man muß nur Ausdauer haben und nicht gleich den Mut verlieren. Und dann fand er sie, seine Herta, das weibliche Juwel. Sie war die Tochter eines kleineren Beamten, und er hat sie als Verkäuferin in einem Laden kennen gelernt. Sie war nicht besonders schön, aber von einer seltenen Anmut, und ihre echte Kindlichkeit entzückte ihn. Es war ihm, als wenn sie wie eine organische Ergänzung zu seinem Leben gehöre. Er behandelte sie mit der Anbetung eines romantischen Ritters, und jeden Tag entdeckte er neue Schönheiten und neue Tugenden an ihr. Er war bemüht, sie durch Lektüre, Theater. Konzerte, Besuch von Galerien zu bilden und zu veredlen und war glücklich über ihre Fortschritte. Und als sie zu ihm in Verehrung hinaufschaute, fühlte er sich als Gott und war dankbar für das große Los, das ihm zuteil wurde. So verflossen zwei Jahre des Glückes, reich an Schönheit, an Poesie und an rührenden kleinen Freuden. Sie verwuchs immer mehr mit seiner Natur, verstand ihn bis in die innersten Wünsche hinein und war seine treue kleine Kameradin. Ihre Eltern kannte er nur flüchtig, aber nie dachte er sich, daß sie sein Glück hindern könnten. Er konnte sich überhaupt das Leben ohne seine kleine Herta gar nicht mehr ausmalen. Und als er seine Staatsprüfung glücklich bestand und durch die Protektion seines alten lieben Gymnasialdirektors eine Stelle als Hilfsbibliothekar in der kleinen süddeutschen Residenz fand, da hatte er bereits alle Bausteine zu seinem Glücke, und jeden Tag zimmerte er sich mit neuer Architektur den Tempel seiner Zukunft. Klein, aber reizend, intim und voller Harmonie soll sein neues Heim sein. Und darin soll sie als kleine Fee walten und mit ihrem heiteren Wesen sein Leben bestrahlen. Und es waren ja keine leeren Phantasien, der Weg zur Wirklichkeit ist ja da, er führt langsam aber sicher. Nur noch zwei Jahre und feine Wnittve. Anstellung , ermögiichk itziMeiüWhr anständiges Leben. Das Warten ist freilich schmerzlich, aber — wenn man stets an die Zukunft denkt, dann ist es nicht gar zu schwer. Zu Hause fand er manches verändert. Es wollte ihm scheinen, als wenn seine früheren Schulkameraden kalt und förmlich geworden sind. Sie vermieden das Du in der Ansprache und gingen ihm sogar manchmal aus dem Wege. Die Mode des „vornehmen" Antisemitismus hat inzwischen auch in die kleine Residenz ihren Einzug gehalten und die verrückten Raffentheorien haben viele Köpfe verwirrt. Auch im Vaterhause hat sich vieles geändert. Die gute Mutter war inzwischen gestorben und der Vater war seitdem traurig und finster geworden. Er besaß nicht mehr den frischen Idealismus von ehemals, und er verriet im Gespräch einen Hang zum Skeptizismus. Persönliche Erfahrungen haben in ihm den Optimismus erschüttert und ihn trüb und einsam gestimmt. Wenn Friedrich, um den Vater zu erheitern, von seinem Glück phantasierte und seine Auserwählte in überschwenglichen Worten pries, dann schwieg der Vater und lächelte manchmal trübselig dazu. „Lieber Vater, ich verstehe Dich nicht mehr. Gefällt Dir meine Wahl nicht? Bist Du beunruhigt, weil Herta eine Christin ist?" „Mein Junge, wir Juden sind tolerant, glaube ich. Wir müssen tolerant sein, weil die Toleranz unser Lebenselement ist. Ich würde also Deine Braut mit Freuden als meine geliebte Tochter begrüßen, wenn ich die Ueberzeugung hätte, daß sie Dich glücklich zu machen vermag. Aber — die Zeiten haben sich geändert, neue Ideale tauchen auf, der Haß wird an Stelle der Liebe als Prinzip aufgestellt. Ich alter Mann kenne mich nicht mehr aus, ich konrme mir wie ein Fremder vor. Ich wünsche vom Herzen, daß Du keine Täuschung erlebst." «Schluß folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. . Das Jahrbuch des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland ist soeben erschienen und. durch den Verlag von M. Poppelauer in Berlin zu beziehen. Wir geben im nachfolgenden nur das Inhaltsverzeichnis wieder, das uns jeder Kritik überhebt und von neuem beweist, daß das Jahrbuch sür 1907 sich seinen Vorgängern in jeder Beziehung ebenbürtig erweist. Es enthält folgende Aufsätze: Rückblick auf das Jahr 5666, von Professor Dr. Martin Philippson; Literarische Jahresrevue, von Dr. Gustav Karpeles; Buddhismus und Judentum, von Rabbiner Dr. E. David in Wien; Parallelen zwischen jüdischem und deutschem Recht, von Justizrat Bernhard Breslauer; Religion und Sittlichkeit, eine Betrachtung zur Grundlegung der Religionsphilosophie, von Geh. Rat Professor Hermann Cohen; Mose Halm Luzzatto. (1707—1847), von Dr. Simon Bernfeld; Mischpoche, eine Novelle, von Ulrich Frank; Mitteilungen aus dem Verband der Vereine fürjüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. Die Zahl der Literaturvereine in Deutschland beträgt jetzt 210. Joses Bruchsaler: Hebräische und hebräisch-deutsche Lesefibel nach methodischen Grundsätzen. Mit neuenTypen und verstärktenVokalen gedruckt. Ridelheim 1907. S. Lehrberger & Comp. Diese Fibel ist nach streng pädagogischen Grundsätzen aufgebaut und in allen ihren Einzelheiten aufs sorgfältigste durchgearbeitet. - Der Uebergang vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten ist glücklich durchgeführt, die Methode eine leichtfaßliche und das Büchlein zum raschen, sicheren Erlernen des Hebräischlesens ein gutes Hilfsmittel. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bin chwitz in Berlin.