Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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143 Lin Maturdind. Bo» Fritz Stürmer. ^^^r. Friedrich Haller war kaum 26 Jahre alt und war doch schon mit seinem Leben fertig. Er kam sich überflüssig, heimatlos, verlassen vor. Ihm fehlte das Reich der Hoffnung, die eigentliche Burg der Daseinsfreude. Wie war dieser schwärmerische Idealist früher so glücklich! Wie konnte er sich kindlich über jede kleinste Schönheit freuen! Aber seitdem er von Berlin zurückgekehrt war, war er wie umgewandelt. Träumerisch und grüblerisch, ohne Arbeitslust und ohne Mut ging er den ganzerr Tag umher. Er mied jede Gesellschaft, als wenn jede Berührung mit Menschen ihnr schmerzlich wäre. Ihm war seine Sonne untergegangen. Nein, noch schlimmer: sie hatte sich in eine papierene Sonne verwandelt, sie hatte sich als ein trügerisches, häßliches Ding erwiesen, das weder Licht noch Warme zu spenden vermag. Nun glaubte er, alles Schöne sei für immer geschwunden. Es war ihm, als wenn alles über ihn: zusannnenbrechen würde, rmd die Trümmer seines Glückes drohten, den inneren Menschen ganz zu begraben. Nun schaute er, wie jeder, der die Zukunft verneint, immer wieder auf die Vergangenheit zurück, gleichsam als wollte er das Fazit des Daseins ziehen. Doch — er mochte rechnen wie er wollte, das Resultat blieb traurig. Und immer wieder ließ er fein ganzes Leben vor dem geistigen Auge vorüberziehen, und die Erkenntnis, daß alles betrogen hat, daß alles nur Lüge und Einbildung war, wollte ihm das Herz zusammenschnüren. Haller war aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, er war ein self-made man im edlen Sinne des Wortes. Er mußte um alles int Leben kämpfen und ringen. Doch schien ihm früher dieser Kampf von großem Reiz, voll Poesie und Lebenskraft. Die Bitternis des Kämpfens tarn ihnr nie recht zum Bewußtsein. Es war eine Art edler Sport, ein Probieren der inneren Kräfte. Der Vater war Hauptlehrer, früher auf dein Lande und später in der kleinen Residenz. Sein Gehalt war karg, und er mußte jeden Pfennig zusammenhalten, um für die Erziehung des einzigen Sohnes etwas zu erübrigen. Denn das war das höchste Ideal. Der Sohn sollte studieren, sollte es besser haben als er, sollte mehr bedeuten und alles das zur Wahrheit machen, was ihm ein unerreichbarer Traum geblieben ist. Es war ein seltsames kleines Männchen, lebhaft und zufrieden, den Blick stets himmelwärts gerichtet, stets voll Glaube und Güte. Die Mutter war eine bescheidene, stets sorgsam arbeitende Frau, die in ihrem Manne das Höchste erblickte und darin ihr Glück fand, für ihn und den lieben Buben zu schaffen. Der Haushalt war sehr bescheiden, fast armselig, die Möbel primitiv, die Kleider altmodisch, die Manieren altväterlich. Und doch, wieviel Harmonie und Schönheit herrschte in dieser Familie! Einer ging in der Liebe für den andern auf, und es war rührend, wie besorgt der Mann für die Frau und sie für den Mann und dann beide für den Sohn waren. Hier war noch die alte Romantik des 18. Jahrhunderts zu Hause. Eine patriarchalische Atmosphäre füllte die schlichten Räunie, eine eigenartige altmodische Poesie mit keuschen Reizen führte in diesem Heim das Szepter. Das ganze Innen- und Außenleben war idealistisch zugeschnjtten. Die Bildung galt als die Krone des Lebens, als der Gipfel des Glückes, und die Familie war der Hort des Friedens und des schlichten, innigen, kindlichen Glaubens. Als Friedrich auf dem Gymnasium gut lernte und stets als einer der ersten versetzt wurde, sonnte sich der alte Vater in diesern Glücke, und es war, als wenn sein Leben einen höheren Schwung, einen tieferen Sinn dadurch erlangt hätte. Jedesmal, wenn der Bub heim kam, war es für den Vater eine Wonne, ihn über alles, was er gelernt, auszufragen, und wenn er ein gutes Zeugnis brachte, war dieser Tag ein Festtag. Friedrich fühlte sich glücklich geborgen bei seinen Eltern, und sein höchster Wunsch war, später einmal den Eltern ihre Liebe vergelten zu köunen. Auf dem Gymnasium ging alles gut, und nie hatte er Ursache, zu klagen. Das Lernen siel ihm leicht, einige Fächer bereiteten ihm sogar innige Freude. Er war Jude, das wußte er, aber nie hatte er darunter irgendwie zu leiden. Er ging an den Feiertagen mit seinem Vater in den Tempel statt in die Kirche und lernte im Religionsunterricht statt des Neuen das Alte Testament. Das war aber auch der ganze Unterschied. Er fühlte sich, seitdem er denken konnte, als deutscher Jüngling unter deutschell Jünglingen, und von feinem Vater her, der Gedichte auf Bisrnarck und die deutsche Einheit für alle Kriegervereinssestlichkeiten »nachte, hatte er die Schwärmerei für derltsches Wesen und deutsche Poesie. Bon Klassen- und Rassenhaß war auf der Schule nichts zll merken. Die Lehrer lvaren alle gut zu ihin, und die Mitschüler liebten ihn, weil er tapfer, gefällig und bescheiden tvar. Von Untersekunda ab erteilte er gegen geringes Honorar Nachhilfestunden, um sich etwas jtt verdienen. Er gab seine Stunden fast durchweg in christlichen Häusern, und überall wurde er freundlich empfangen. Nirgends merkte er irgendwelche Schranken, niemals spürte er Zurücksetzung oder gar Feindseligkeit. So floß das Leben voller Erwartungen und Träume dahin, in treuer Kameradschaft, im Frieden einer reinen Jugend. Achtzehn Jahre alt, bezog er die Universität, um Germanistik und deutsche Literatur zu studieren. Vvllgepropft von idealistischen Ueberschwenglichkeiten, mit eiltet» jugendlichen Heißhunger nach Bildung, nach Tätigkeit und nach Liebe kam er nach Berlin. Doch da bot sich plötzlich seinem Auge ein anderes Bild: Antisemitische Verbindungen, jüdische Verbindungen, Agitationen und Kämpfe wie in den politischen Parteien, und zwischen den Studenten verschiedener Konfessionen nur ein kalter, geschäftsmäßiger Verkehr. Das schmerzte die erste Zeit sehr, und es gab Stunden, in denen er schier an allen» verzweifelte. „Wartun? warum?" schrie es itt ihm, „sind wir nicht Söhne eines Volkes? Haben wir uns nicht an denselben Mitteln gebildet, für dieselben Ideale begeistert? Arbeiten wir nicht für dasselbe hohe Ziel? Er wurde so mißtrauisch, daß er sich fast niemand anschloß, und er lebte meisteits ganz einsam. Aber er hatte schließlich sein Studium als Lebensziel, und der jugendliche Jdealisntus war stark genug, um diesen Stoß vertragen zu können. Wahrheit bleibt doch Wahrheit, und der Glaube an den Sieg des Rechtes und der Fortschritt der Kultur ist doch kein leerer Wahn. Das alles kann ja nur eine häßliche Episode, eine bedauernswerte vorübergehende Zeitkrankheit sein. Bald wird eine lichtvollere Periode kommen und die Idee der Menschlichkeit wird wieder zum Leitstern eines jeden edlen Menschen lverden. So dachte und so hoffte er.