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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-22 · Heft 12 (22.3.1907) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 o Gott, Amen. Du gibst allem Fleisch Speise zur rechten Zeit, Du tust Deine Hand auf und sättigst alles, waS da lebt, mit Wohlwollen. O Gott, gib allen, die ihre Hände zu Dir erheben, Speise, Trank und Kleidung. Amen. Gott, der Du in Deinem Worte wahr, in Deinem Tun heilig und barmherzig bist, segne uns. Amen. Erlöse Dein Volk und segne Dein Erbteil. Amen. Friede über Israel. Amen!" (Flad.) Obwohl die Falascha, wie allgemein behauptet wird, nur das biblische Gesetz kennen und vom Talmud keine Ahnung haben, so beobachten sie doch einige Vorschriften, die in der Bibel nicht erwähnt sind und die nur der Talmud, auf eine alte Tradition sich stützend, als „mosaisches Gesetz" bezeichnet. Wir nennen vor allein das Schächten der Tiere, das auf folgende Weise geschieht: Mit einen: äußerst scharfen Messer, das zu nichts anderem verwendet werden darf, wird das Vieh vom Kähen (Priester), der auch die Funktion des Schächters verrichtet, durch einen geschickten Schnitt in den Hals geschlachtet, wobei er die Worte: „Gelobt sei der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" spricht. Dann wird dem Tiere, nach eingetretenem Tode, das Fell abgezogen, der Bauch ausgeschnitten und Magen und Eingeweide sorgfältig untersucht, und ist nichts „Unreines" gefunden, worden, so erfolgt die Beseitigung der auch von ihnen als Heran la Israel betrachteten Venen, und der Genuß des Fleisches wird als erlaubt erklärt. Sie glauben an die Unsterblichkeit der Seele und an Lohn und Strafe nach dem Tode. Wie die meisten Juden der Welt, trauern auch sie sieben Tage lang um einen Toten, versammeln sich an diesen Tagen jeden Morgen im Sterbehaus zum Gebet und enthalten sich während dieser Zeit jeglicher Arbeit. Freunde, Verwandte und Bekannte sorgen die Zeit über für den Lebensunterhalt der Trauernden und verabschieden sich von ihnen mit den Worten: „Gott tröste euch!" Ob sie das Kaddisch- Gebet kennen und verrichten, wissen wir nicht; vermutlich nicht, obwohl viele ihrer Gebete Anklänge an das Kaddisch- Gebet verraten. Was wir indes bestimmt wissen, ist, daß sie am dritten und siebenten der Trauertage sowie am ersten Jahrestag ein Opfer, „Taskar" (Andenken) genannt, darbringen und in der Nacht vorher in der „Mesgid" Gebete für die Seele des Hingeschiedenen verrichten. Ueber den Ursprung dieses „Taskar" wissen, wie Flad mitteilt, ihre Mönche — denn auch solche gibt es unter ihnen, wie wir weiter unten noch berichten werden — folgende interessante Auskunft zu geben. „Dieser Brauch, sagen sie, rühre von Mose her. Als er nämlich die Kinder Israel aus Aegypten führte, nahm er auch die Gebeine der zwölf Söhne Jakobs mit. Bei näherer Untersuchung stellte es sich heraus, daß die Gebeine Rubens schwarz waren. Moses trauerte darüber und betete, worauf ihm Gott in einem Gesicht erschien und ihm befahl, ein Taskar zu machen. Moses gehorchte dem Befehl Gottes, und siehe, dieGebeine Rubens waren nach dem „Taskar" so weiß, wie die seiner Brüder." Auch folgendes Märchen erzählen sie, um den „Taskar" - Brauch zu rechtfertigen: „Ein Mann starb und hinterließ seine Frau in gesegneten Umstünden. Als seine Seele in Begleitung guter Engel in die Ewigkeit kam, machte der Satan seinen Anspruch auf sie. Darüber entstand ein Streit zwischen den Engeln und dem Satan — und als sie vor Gott traten und ihn zum Schiedsrichter anriefen, bekamen sie folgenden Bescheid: Die Seele solle im Hades bleiben, bis das Kind geboren und erwachsen sei; werde dasselbe dem Vater ein „Taskar" machen, so solle die Seele in den Himmel, im Nichtfalle aber in die Hölle wandern." Wie naiv und fremdartig diese Märchen uns auch anmuten, so spricht doch aus ihnen der den Inden von jeher innewohnende Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, wie nicht minder die Pietät für die Seelen der Hingeschiedenen, eine sehr beredte Sprache. Im übrigen sei hier darauf hingewiesen, daß ähnliche Sagen sich auch im talmudischen Schrifttum vorfinden, die freilich nicht das „Taskar" — denn das kennt unser Schrifttum nicht —, aber das Gebet des Sohnes für die Seelen der Eltern hoch anschlagen, und daß die Juden im allgemeinen sich noch bis heute vom Kaddisch- Gebet eine beseligende Wirkung für die Seele des Hingeschiedenen versprechen. Indessen dürfen wir nicht verschweigen, daß die Falascha, an deren jüdischer Abstammung absolut nicht zu zweifeln ist, so manche Bräuche und Einrichtungen haben, die dem jüdischen Geist und insbesondere dem mosaischen Gesetz geradezu Hohn sprechen. Sie vollziehen am achten Tage die Zirkumzision, doch nicht bloß an Knaben, sondern auch an Mädchen, was doch ein rein heidnischer Brauch und schon aus diesem Grunde den Juden strengstens untersagt ist. Sie teilen mit den abessinischen Christen auch ihren Aberglauben, fürchten die Macht des Satans und glauben an die Gaukeleien der Zauberer und die verblendenden Künste angeblicher Propheten. Eine besonders trübe Erscheinung bilden ihre Mönche. „Der Gründer dieses Ordens, „Aba Zebra", lebte im vierten Jahrhundert nach Christi Geburt in der Provinz Armatschoho in einer Höhle „Hoharewa" genannt. Dort widmete er seine ganze Zeit dem Gebet und der Betrachtung des Gesetzes. Es wird von ihm erzählt, daß er Kranke durch Gebet und Händeauflegen geheilt habe. Große Scharen seien zu ihm gekommen, denen habe er das Wort Gottes gepredigt und sie zur Gottesfurcht, zu einem heiligen und reinen Lebenswandel ermahnt. Die vielen Geschenke, die ihm von Besuchenden gebracht wurden, habe er unter Arme und Notleidende verteilt, während er selbst sich von Kräutern und Wurzeln des Feldes ernährt hätte. Die Verehrung, die ihn: von allen Falascha zuteil wurde, übte bald einen unwiderstehlichen Reiz auf junge Gemüter aus, und viele Jünglinge verließen ihre Heiinat und scharten sich um den angebeteten heiligen Greis. Allein gar bald mußte Aba Zebra die traurige Erfahrung machen, daß durch dieses äußere Sichzurückziehen von der Welt die Lust und Liebe zu derselben in den Herzen seiner Jünger nicht überwunden war, denn es kamen unter ihnen grobe Ausbrüche fleischlichen Vergehens vor, und so befahl er, daß alle, die sich diesem Orden anschließen wollten, vorher kastriert werden sollten." Die Höhle „Hoharewa" ist ein Wallfahrtsort für die Falascha geblieben, und ihre Mönche unterziehen sich noch bis heute dieser Operation mit der größten Bereitwilligkeit. Sie verteidigen dieses gottlose Verfahren, indem sie auf Jes. 54, l und 56, 3 verweisen, welche Stellen sie irrigerweise auf sich beziehen. Sonst führen sie einen streng heiligen Lebenswandel, genießen nur, was sie selbst zubereiten; kein Laie, sei es Mann oder Weib, darf ihre Wohnung betreten, und neben dem Dienst in der Mesgid beschäftigen sie sich mit Ackerbau, Vieh- und Bienenzucht und Holzschnitzerei. Sie widmen sich in selbstloser Weise der Erziehung und dem Unterricht der Knaben — Mädchen erhalten keinen Unterricht — und führen die Oberaufsicht über den Kultus, der hauptsächlich von den Priestern und Debtera (Gelehrten) versehen wird. Letztere bekleiden kein besonderes Amt, doch unterstütze» sie in der Mesgid die Kohanim beim Gebet, Gesang und Vorlesen des Gesetzes; auch unter diesen sind manche vorhanden, die gegen geringe Bezahlung die Knaben unterrichten. (Fortsetzung folgt.!

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