Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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bringt und nicht nur anregend' und fördernd, sondern auch bahnbrechend wirkt. Während der Verfasser im ersten Band direkt von den Tatsachen des musikalischen Lebens ausgehend, die allgemeinsten Anschauungen vom Wesen der Musik entwickelt und sodann das Material der Musik und die Stilgesetze, nach denen dieses verarbeitet wird, allseitig betrachtet, gibt er im zweiten Band den gewonnenen Kenntnissen eine breitere und festere Grundlage, indem das Wesen und die Gesetze der Kunst überhaupt nach allen wesentlichen Richtungen festgelegt werden und das Verhältnis der Musik zu den anderen Künsten hohen Ranges beleuchtet wird. Ferner geht er auf die, wie wir es nennen, „konkrete" Welt ein, das heißt, er betrachtet und begründet die überaus reiche Zahl von Kunstformen und Kunstgattungen, in denen sich der musikalische Inhalt zur Darstellung bringt. Den Schluß des monumentalen Werkes bildet eine Darlegung der musikalischen Vortragsgesetze. Welch ungeheure Fülle des Wissenswerten, zu Erörternden und in Betracht zu Ziehenden William Wolf in seiner Musikästhetik aufgestapelt und welch reichen Stoff er verarbeitet hat, beweist schon eine flüchtige Inhaltsangabe dieses zweibändigen Opus, wovon freilich nur einiges Wenige hier mitgeteilt werden soll: Wesen und Inhalt der Musik. — Die Doppelnatur des Tones. . — Die musikalische Logik. — Das Material der Musik und ihre allgemeinen Stilgesetze (der Ton, der Rhythmus, die Harmonie, die Melodie, Polyphonie, der gemischte Musikstil, Klangstärke und Klangfarbe). — Das Wesen der Kunst und der Kunstschönheit und das musikalisch Schöne. — Umfang des Schönheitsbegriffs und Grundsätze der Kunst bezüglich der einzelnen Arten des Schönen. — Die Bedingungen der körperlichen Seite der Musik für die Darstellung und Entfaltung ihres Inhaltes. — Die Stellung der Musik im Gesamtbereich der Kunst. — Irrige Anschauungen vom Wesen der Kunst und speziell der Musik. — Die Gattungen der reinen Jnstrumental- und der Programmusik. — Aesthetik des musikalischen Vortrages. Der Verfasser bekennt sich als eifrigen, ja begeisterten Anhänger der Gefühls- und Gemütspoesie, im Gegensatz zu der formalistischen Lehre, die in der Musik in erster Linie die tönend bewegte Form erblickt, deren schöne und kunstvolle Gliederung und Ausgestaltung als obersten Grundsatz hinstellt, während das, was sie ausdrücken soll oder will, etwas sehr Dehnbares ist, den verschiedensten Deutungen unterliegt und somit nicht als ihr wirkliches Endziel angesehen werden kann. Er tritt für das reine Gefühlsmoment in der Musik ein. für die seelischen Erregungen, die sie weckt, und für die zündende Wirkung, die sie auf das Gemüt ausübt. Mit dem ihm eigenen idealen Enthusiasmus für alles Schöne, Gute und Edle, für das wahrhaft Ethische und Sittlich-Religiöse sagt er anläßlich der Vergleichung der Musik mit anderen Künsten über das Wesen der Tonkunst das Folgende: „Die Musik gibt die Darstellung jener zentralen Welt (des Gemüts) unmittelbar. Sie verkörpert diesen rein geistigen Inhalt in einer lebens- und schönheitsreichen Sinnenwelt, aber nicht in derjenigen Wirklichkeit, sondern in einer jelbstgeschaffenen, neuen Welt, der Tonwelt. Sie stellt das Leben des Gefühls dar. wie es lediglich nach seinen eigenen Lebensgesetzen sich entwickelt Das Gefühl tut sich in der Musik in seinem eigensten Wesen uns auf, voll und klar, ohne alle jene Einschränkungen, welche es im wirklichen Leben erfährt. Die Eemütswelt, die Kernwelt unter den Daseinsgebieten, soll in einer der hohen Künste rein, von allen Hüllen befreit, hervortreten; sie, das Hauptgebiet, verlangt der Kunstgeist irgendwie in absoluter Form, in seiner eigensten, unangetastetsten Erscheinung dargestellt zu sehen. Diese hohe Ausgabe fällt der Musik zu. Die Musik gibt den Kerngehalt aller Kunst. Sie gibt nur diesen, aber eben, um ihn rein und voll zu geben." William Wolf zieht auch die hohen Künste Architektur Skulptur, Malerei und Dichtkunst zum Vergleiche zu seine,! Theorien heran, wobei das verwandtschaftliche Verhältnis de, Poesie zur Vokalmusik in besonders lehrreicher Weise betont wird. Der Verfaffer ist ein Denker und ein Systematiker. Alles, was über die Grundsätze und Schönheitsregeln der Tonkunst gesagt werden kann, alle seit Jahrhunderten gewonnene, und feststehenden Anschauungen werden unter einem einheit lichen Gesichtspunkt zusammengefaßt, und es wird von der ganzen bisherigen Entwicklung ein scharfsinniges Resümee ge geben. Er hütet sich vor Konjekturen, Kombinationen, geist reich sein sollenden, aber unerwiesenen, weil auf keiner wissen schaftlichen Grundlage beruhenden Behauptungen, nirgendverleugnet sich der Kritiker, der Licht und Schattenseiten mi: gleicher Genauigkeit und Gewiffenhaftigkeit abwägt und der bei aller Begeisterung, die er für die unsterblichen Werke der Klassiker in der Musik hegt, bei aller Anerkennung des Großen und Schönen, das sie geschaffen, nie vergißt, die kritische Sonde anzulegen. Wie er die großen Komponisten der Vergangenheit berücksichtigt, so wird er auch nach Kräften den lebenden Tondichtern gerecht, und wenn man auch nicht alle Ausführungen des Autors unterschreiben kann, so wird man doch von seiner Wahrheitsliebe, seinem wohlwollenden Sinn und seinem feinen Gefühl für das musikalisch Wahre und Schöne mit aufrichtiger Hochachtung erfüllt werden. Bei aller Objektivität, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe geht aber William Wolf doch mit dem heutzutage von dem Troß seiner Freunde, Verehrer und Vergötterern fanatisch an gebeteten Verfasser des „Judentums in der Musik", mit Richard Wagner, scharf ins Gericht. Man lese nur im zweiten Band (S. 249 ff.) in den, Kapitel über die Oper, was William Wolf über das Wagnersche System sagt. Hier und da tritt auch das religiöse Gefühl des gemütvollen und sinnigen Verfassers mit elementarer Wucht zutage, besonders in dem Kapitel über die Stellung der Musik im Gesamtbereich der Kunst (Band 2, S. 101 ff.). Dort führt er aus, daß die Kunst uns am liebsten den Gemütsinhalt direkt, d. h. die Schilderung des Gemüts selbst biete. Das Gemüt aber existiere nur innerhalb des Menschen. Daher sei die Schilderung des Menschen die nächste und am liebsten ergriffene Aufgabe der Kunst und diejenige, die das Ziel des Kunstbestrebens an, unmittelbarsten erreiche. Nur die Architektur habe nicht den Menschen zum Gegenstand, aber sie gebe das, was größer sei als der Mensch, sie veranschauliche den Allgeist, von dem der Mensch erst eine Emanation sei. „Der Allgeist, die Quelle, ans der das menschliche Geinüt stammt, wird vom religiösen Menschen selbst als Gemüt gedacht, als höchste Form des Gemüts reine und allumfassende Liebe. Hierzu tritt die Vorstellung der Erhabenheit Gottes als des Weltschöpfers und Weltherrschers und aus dem Zusammenfluß von beiden die Vorstellung der alles Irdische überragenden, unsichtbaren Hoheit, welche wir Heiligkeit nennen. In den letzteren beiden Momenten hauptsächlich findet die Architektur ihre Aufgabe, indem sie uns durch ihre groß artigen, wunderbaren und einer überirdischen Hoheit entsprechender Formgebilde das Wesen und Walten des Weltgeiftes fühlen läßt." Unser Musikästhetiker bekundet auf jeder Seite seine! fundamentalen Arbeit einen gesunden Sinn und einen ge läuterten Geschmack; jede pedantische Rechthaberei und Tüftele: ist ihm zuwider. Seine feinen und espritvollen Bemerkungei und Betrachtungen verleihen dem sonst dem Laienverständnisich nicht so leicht erschließenden Werk einen eigenartigen Reiz dessen Eindruck sich niemand erwehren wird, und so können wir diese Musikästhetik William Wolfs nicht allein den nnisikalischen Fachleuten und dem gebildeten Musikverständigen,