Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Liberalismus ging er aus, aber lang ist es her, daß er als Liberaler erglänzte; er hat diese Richtung aufgegeben, als er es für opportun hielt und sah, was man für Geschäfte mit dem antisemitisch-christlichen Sozialismus bei uns machen könne; so wurde aus dem liberalen Saulus der klerikal-soziale Paulus. Der Mann, den nan nun zum Nachfolger Luegers designiert, ist der Magistrats- Direktor und gewesene Reichsratsabgeordnete Weißkirchner, ielen allerdings eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit. Aber vielleicht wünschen die Mächtigen der Partei gerade einen olchen Mann, der leicht ein Spielball in ihren Händen werden ann und soll. Wer wird sich auch den Kopf dieser Leute zerrechen wollen? Kein Zweifel, es werden sich noch manche lnwärter auf den Posten des Wiener Bürgermeisters, eine in der Tat nicht zu verachtende Stellung, finden, es wird ein Wettrennen und Wettkriechen um diese stattfinden; siegen wird ebenfalls der Klügste, der Geschmeidigste, der es versteht, den Mantel nach den Winden zu drehen — das ist Luegers hohe schule! Und er hat Schule gemacht, er, der jetzt auf seinem Krankenlager sehen muß, wie die Ehrgeizlinge seiner Partei sich am das kostbare Erbe des Führers streiten. Hat Lueger gesündigt — und er hat es getan —, so büßt er schon jetzt einen Leil seiner Schuld. Soeben bemerke ich, daß in diesem Briefe von den Juden -wch gar nichts gesagt wurde. Biel ist von ihrer Tätigkeit n Wahlangelegenheiten nicht zu bemerken. Doch halt! Da >>at in diesen Februartagen sogar eine jüdische Wählerversammlung in Wien stattgefunden. Es handelt sich um das Mandat im erstenWahlkreise des zweitenBezirkes derRestdenz. Und in der Tat: Sie stehen einander feindlich gegenüber, die jüdischen Parteien. Hier der bewährte Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", Dr. Bloch, hier die vereinigten Nationalen und Zionisten. Man könnte darob Tränen weinen. Was wird die Folge dieses Bruderkrieges sein? Stimmenzersplitterung. Eines von den zwei Mandaten, die vielleicht die Juden Wiens \u vergeben haben, wird in die Hände der sich freuenden Dritten fallen. Und das werden nicht die Sozialdemokraten ein, die von sich selbst sagen, daß sie „zufällig Juden" seien, ondern die Freunde Luegers, die allgewaltigen, weil in der Gefahr immer einigen Christlich-Sozialen. hvri. Lin jüdischer Mulik-Aetthetiker. Von Dr. Adolf Kohut. den seit Jahrzehnten mit Erfolg tätigen, feinsinnigen und t/ geistreichen Musikästhetikern Deutschlands, dessen zahlreiche Schriften und Aussätze das Gebiet der Musikästhetik mit neuen schöpferischen Ideen und Anschauungen bereichert haben, '.ühlt auch der geschätzte Tvnkünstler und Forscher William Wolf, der erst kürzlich in Anerkennung seiner Verdienste, die er sich als praktisch ausübender Klaviervirtuose wie als Theoretiker und Gelehrter erworben, mit dem Titel eines Professors ausgezeichnet worden ist. Soeben ist auch sein auf jahrzehntelangen ernsten Studien und Untersuchungen beruhendes großes und erschöpfendes zweibändiges Werk „Musikästhetik in kurzer und gemeinfaßlicher Darstellung", mit zahlreichen Notenbeilagen (Stuttgart 1907, Karl Grüninger) zum Abschluß gelommen, und man kann sagen, daß der Meister uns goldene Früchte in silberne» Schalen darbietet. Sein Lebensbuch ist gleichsam ein Standardwork und sichert dem Verfasser einen bleibenden Platz in der Musikliteratur. Die hochgeachtete und einflußreiche Stellung, die Professor William Wolf im Kultusleben der Berliner israelitischen Gemeinde einnimmt, aber auch die Bedeutung der in ihrer Art einzig dastehenden so vorzüglichen Arbeit verdient es, daß wir uns mit dieser Musikästhetik eingehender befassen. Der Autor verfügt über eine vornehme, klare und lichtvolle Schreibweise, eine außerordentliche Belesenheit, nicht allein in der musikalischen, sondern auch in der deutschen National- und in der Weltliteratur, einen kühlen, kritisch abwägenden Geist, und vor allem ein ungewöhnliches Maß ruhiger Objektivität. Der Grundsatz, von dein er sich leiten läßt, ist der alte und bewährte: „8ine ira'et studio". Ihm geht die Wahrheit, die Wissenschaft und die freie Forschung über alles. Das gerade auf dem Felde der Musik so arg grassierende und manche Giftblüte treibende Gebaren des Parteifanatismus und der Parteieinseitigkeit berührt nicht im geringsten sein scharfes, stets den Nagel ans den Kops treffendes Urteil. Er steht eben auf einer höheren Zinne als der der Partei, und deshalb machen auch seine Ausführungen einen so wohltuenden Eindruck. Was er in der Einleitung zum ersten Bande seiner Musikästhetik sagt, muß jeder Kenner der Tonkunst unterschreiben. nämlich, daß der Verfasser einem wahren und tiefen Bedürfnis des Publikums entgegengekommen ist. Das Interesse, die Liebe, die Begeisterung für die Musik habe in unserer Zeit eine Höhe und Verbreitung gewonnen, die ähnliche Erscheinungen früherer Epochen weit hinter sich lasse. Zugleich sei aber unsere Zeit charakterisiert durch ein Streben nach Klarheit, nach Erkenntnis, nach Rechtfertigung aller Dinge vor der Vernunft, nach einem bewußten und begründeten Urteil über gut und schlecht, über wahr oder falsch, über schön und häßlich, und dies sei auch in der Musik der Fall. Die Mehrzahl der gebildeten Musikfreunde wolle heutzutage nicht mehr bei dem bloßen Gefühlsgenusse stehen bleiben, sondern wolle sich Rechenschaft geben über die Quelle, aus denen er entspringe, und über die Faktoren, die solche wunderbaren Wirkungen erzeugen. Auch wolle man nicht auf dem Standpunkt des bloß subjektiven Gefallens verbleiben. Daher werde jede wissenschaftliche Belehrung über Wesen, Kunstprinzipien, Schönheitsgesetze der Tonkunst, die den Inhalt der Musikästhetik bilde, viel und lebhaft begehrt. Doch sei die Ausbildung der Musikästhetik noch keineswegs zu einem Grade der Vollkommenheit gediehen, der den Bedürfnissen nach wirklicher Aufklärung Genüge leisten könnte. Es seien zwar eine Reihe von Musikästhetiken geschrieben, auch zum Teil vortreffliche Beiträge zu einem System dieser Wissenschaft darin geliefert worden, doch seien dies eben nur Beiträge, Anläufe, indem sich keines der vorhandenen Systeme als ein genügend fundiertes und fest in sich geschlossenes Ganzes erwiesen. Der Verfasser hat nun den mit großem Geschick und Geschmack durchgeführten, durchaus gelungenen Versuch gemacht, den gebildeten Musikfreund durch eine volkstümliche Darstellung über die bisher gewonnenen Ergebnisse und Untersuchungen auf musikästhetischem Gebiet zu unterrichten, ohne ihn dabei mit trockenem, gelehrtem, theoretischem Ballast zu beschweren und zu verwirren. In lichtvoller, übersichtlicher und anziehender Darstellung, in angenehm fließender und oft packender Schreibweise behandelt Professor William Wolf die wichtigsten einschlägigen Fragen. In seinen Untersuchungen bezüglich des Wesens, Sinns und Inhalts der musikalischen Kunst und der in ihr waltenden Gesetze zeigt er sich als ein Forscher ersten Ranges, der viel Neues und Interessantes