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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-22 · Heft 12 (22.3.1907) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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138 die vom Vorstand ernannt werde»: soll, mit der Becirbeitmig des gesamten Materials der Ehegesetze 311 betrauen. 5. Wahlen. Zn Mitgliedern der Prüfungsko»n»nission werden ernannt: Vogelstein-Stettin, Bloch, Winter, Porges. — In den Vorstand »verden gewählt: Vogelstein-Stettin (Vorsitzender), Bloch, Guttmann-Breslau, Steckelmacher und Winter, und als Stellvertreter: Frendenthal, Rülf »md Seliglnann. 6. Ein Antrag Rosenzweig »vird dem Vorsta»»de zur »veiteren Erledigung übergeben: „Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands »volle ihr Augenmerk auf die Begründung resp. Fort. setzu»»g einer Zeitschrift für Wissenschaft und Leber» in dem Geiste der Geigerschen Zeitschrift richten, da innerhalb der deutschen Judenheit keine Zeitschrift vorhanden ist, in der biblische Wissenschaft ihre Pflege findet." Der Vorsitzende faßt die Tätigkeit der Sitzung zusammen und bemerkt dabei, daß es notwendig sei, den liberalen Gedanken zu stärken, da jetzt ein religiöser Zug durch die Judenheit gehe. Wenn die liberalen Rabbiner jetzt nicht eingriffei», »vürder» sie den geeigneten Zeitpunkt verpassen und eine große Verantrvortnng auf sich laben; »venu sie jetzt auf den: Platze sind und dein »viedererlvachten religiösen Leben Richtung und Ziel gebe»», »uachen sie sich um das Judenturn »vohl verdient und erwerben sich den Dank kom»nender Geschlechter. Schluß der Sitzrmg 7 Uhr. Vogel stein-Stettin, Baro n-Hoppstädten, Vorsitzender. Schriftführer. Lrikk aus Lrltrrrrich. Ende Februarie wenn ein mächtiger Herrscher erkrankt, über den Verlauf seiner Krankheit Bulletins ausgegeben werden, so erscheinen in unseren, auch in den sehr „freien und neuen" Zeitungen spaltenlange Artikel und Berichte, die uns mit allen Details der Krankheit Dr. Luegers, der, wie es scheint, sehr schwer krank ist, aber doch genesen dürfte, bekannt machen. Der allmächtige Bürgermeister, der „Herr von Wien", hat nun auch seinen Herrn gefunden. Er empfing bereits die letzte Wegzehrung und den Segen des Papstes, er machte sein Testament und seine Rechnung mit dein Himmel. Wir erfahren sehr Genaues über sein Leiden. Ueber seinen Schlaf, Appetit und sein Menu wird mit historischer Genauigkeit referiert. Aber noch manches aridere erfahren »vir von diesem interessanten Krankenbette. Es ist das, wenn mau will, tragische Geschick Luegers, daß er es sehen muß, wie bereits über sein Erbe gestritten wird. Noch hat er die müden Augen nicht geschlossen, und schon erhebt sich in den Reihen seiner Marrnen, dieser merkwürdig zum Leben erwachten „Barrierestöcke", der Ruf: „Wer soll Bürgermeister von Wien, wer der Nachfolger des mächtigen und jetzt so machtlosen Lueger werden?" In der Tat eine sehr viele interessierende Frage. Lueger war ein absoluter Herrscher, und diese lassen bekanntlich nicht gerrr andere einpor komrnen. An seine Frackschöße hefteten sich sehr, sehr viele; aber von diesen Erkorenen des Herrn von Wien sind doch nur wenige auserwählt. Man hat vviri Krankenbette Luegers manches bisher in ein absichtliches Dunkel gehüllte Geheimnis gehört, was ein ziemlich helles Licht auf die Partei unserer Antisemiten wirft. Es scheint, daß es in dieser Elemente gibt, die doch nicht gewillt sind, mit dem Klerikalismus durch dick und dünn zu gehen. Sie nennen sich zwar Christlich-Soziale, aber das Christenturn, schreibe rrnd sprich: der Klerikalismns, ist ihnen nicht so ans Herz gewachsen wie der Sozialismus, der natürlich von dem der Sozialdemokraten soweit entfernt ist wie der Himmel von der Erde. An der Spitze der rein Klerikalen steht der jüngst zrinr Hofrate ernannte Dr. Geßmann. Dieser Mann hat eine großartige Karriere gemacht; vom eiisachen Bibliotheksbeamten avancierte er infolge seines agitv torischen Talents zürn einflußreichsten Manne Niederösterreich:., und es ist kein Zweifel, daß er bei den bevorstehenden Reich ratswahlen eine führende Rolle spielen wird. Was man n '* Antisemit und Schildknappe Luegers in Oesterreich werden konnte, dafür ist Geßnrann ein Schulbeispiel. Dieser He r Hvfrat ist, nanrentlich als Referent in Schulangelegenheite >, jetzt der mächtigste Marrn in Niederösterreich, rrnd er hofft, u ii Hilfe des Klerus, aber auch mancher Liberalen, seine Führ,!»- zu behaupten. Daß die Partei der Antisemiten und Klerikal » im künftigen Parlament eine führende Rolle spielen iwivb, weiß jeder, der mit den Parteiverhältnissen in Oesterreich v- >- traut ist. Geßmann strebt nun nichts weniger an, als d.» Haupt dieser antisemitisch-klerikalen Fraktion zu werden, rn:d seine mächtigen Freimde sollen ihm dazu verhelfen. Wir werderr sehen. Freilich, allgemeiner Sympathien im Kreise der Part» scheint sich dieser Emporkömmling mit dem schreienden Org, n nicht zu erfrerren, und wenn nicht alles täuscht, wird er aii dem kurulischen Stuhle des Wiener Bürgermeisters kaum Pl, i: nehmen. Da hat schon ein anderer mehr Aussicht. Das >t derjenige, welcher gleichsam den linken Flügel der christli,»- sozialen Partei vertritt, der Volksmann rrnd Landesansschi >: Steiner. Auch dieser Mann karn in rascher Weise ernpor, u>. & so sehr auch er den Antisernitismus für sich nutzbar machte, rühmt man ihm, vielleicht mit Recht, eine große Begabm >, nach. Er ist jedenfalls sympathischer als der ganz in schwarz» Wolle gefärbte Geßnranu, der ihn allerdings an agitatorisch»!» Geschick weit überragt. Beim Landvolke Niederösterreichs, d>:- heißt insbesondere: auf dessen Pfarrhöfen, ist Geßmann best» bekannt als Steiner. Nun scheint es aber, daß sich auch bei dem Streite Gest mann-Steirrer das alte Sprichwort bewähren wird: „Wev» zwei sich streiten, freut sich der dritte!" Und dieser dritte it niemand anderes als Seine Durchlaucht der „schwarze Prinz , wie er im Volksmunde genannt wird, das ist der Fürst Alv-- von Lichtenstein. Dieser fürstliche Volksmann, der in die „heurigen" Stuben zu Hernals hinabsteigt, um hier dern Vv! r von Wien soziale und christliche Weisheit zrr verzapfen, hü naturgemäß auch sehr bedeutende Beziehungerr nach „oben das sind die bei uns noch immer mächtigen adligen Kreis : ja seine Verbindungen reichen noch viel höher hinauf. T r Abt Schmolk hat diesem Prinzen, den die Wiener gemütl: l> „Loisl" nennen, weichen müssen und ihm nolens volens d, ■: Amt eines Landmarschalls von Niederösterreich abgetrete Und so wird es auch geschehen, daß der fürstliche Volksmai t und Landmarschall die Führung der vereinigten Christlic - Sozialen, Antisemiten und Klerikalen — es wird deren ei: e stattliche Zahl sein — im neuen Reichsrat antreten wirx Ihm mutet man die Autorität rrnd Energie zu, diese Führe - schaff nicht nur zu übernehmen, sondern auch zu behaupte n er wird, so meint man, gleich Lueger den Parteienknän > Zusammenhalten können, auf daß er sich nicht löse, der dr» - fach gewundene Strick. Damit aber wird die christlich-sozü » und antisemitische Partei ihre Schwenkung zuin schwärzest» Klerikalismus vollzogen haben, und auch wir werden un » allmächtiges „Zentrunr" irn neuen Reichsrat besitzen. D ie man sieht, wappnen sich „die Schwarzen" in bedenklicher A : werden „die Roten" mit gleicher Macht ihre Phalanx aimarschieren lassen? Sie werden es wenigstens versuchen; >v aber werden sie gegen eine Partei vermögen, die seit Jahr i> sich, namentlich beim Landvolke, den gewaltigsten Einflirß n kämpft hat? Doch damit ist noch immer die Frage nicnt

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