Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228756--63371-3297259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ehen zwischen Personen von verschiedenem Glaubensbekenntnisse zu erteilenden Religionsunterricht können daher nicht schlechthin aus Kinder aus Ehen zwischen Christen und Juden angewendet werden. Mithin müsse angenommen werden, daß Kinder einer Christin und eines Juden, welche mit Zustimmung des jüdischen Vaters die christliche Taufe erhalten haben, nach Ableben ihres jüdischen Vaters während der Zeit, wo sie religionsmündig seien, in der christlichen Religion erzogen werden müssen. Die Erziehung der Kinder im jüdischen Glauben würde in diesem Falle auch nicht den allgemeinen Rechtsanschauungen und dem Rechtsgefühl des Volkes entsprechen!! (So!) Im übrigen bedarf dieser Entscheid noch einer ergänzenden Berichtigung dahin, daß die Aufnahme der Kinder in das Judentum mit Zustimmung der Eltern auch ohne den gleichzeitigen Uebertritt der letzteren vollzogen werden darf, daß aber in diesem Falle den Kindern nach Erlangung der religiösen Mündigkeit das Recht zusteht, diese Aufnahme als nicht vollzogen zu erklären. s. Charlotteriburg, 8. März. Aus der Generalversammlung des „Israelitischen Frauenvereins Charlottenburg" im Februar wird berichtet, daß der Verein im letzten Jahr einen bedeutenden Aufschwung genommen. Obwohl der Verein einige Mitglieder durch den Tod und durch Austritt verloren, ist doch die Gesamtzahl der Mitglieder eine wesentlich höhere als im Vorjahre. Der Vereinskasse sind größere Zuwendungen gemacht worden, durch die es ermöglicht wurde, den Umfang der Vereinstütigkeit auszudehnen. Im ganzen wurden 1162,50 Barunterstützungen, für 100,35 Mark Lebensmittel und Brennmaterial verteilt. Im Vorstand sind einige Aenderungen zu verzeichnen, da sich derselbe aus Frau Professor Dessau und Frau Tr. Feilchenfeld als Vorsitzende, Frau Dr. Mosse und Frau Beerenson als Kassiererinnen, Frau Schachne und Frau Goldmann als Schriftführerinnen, Frau Frank als Beisitzerin zusammensetzt. g. Königsberg, im März. Das Israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz Königsberg i. Pr. versendet soeben seinen 46. Jahresbericht. Der Bericht enthält als Vorwort einen warm gehaltenen Nachruf auf den im Laufe des vorigen Verwaltungsjahres verstorbenen Vorsteher der Anstalt, das Ehrenmitglied derselben, Herrn Dr. Adolf Friedländer. Die Anstalt zählt 35 Zöglinge (22 schulpflichtige Knaben, 8 schulpflichtige Mädchen, 3 Knaben und 2 Mädchen in beruflicher Ausbildung). Die im Berichtsjahre entlassenen Zöglinge wurden sämtlich Handwerker; ein Mädchen wurde zur Kindergärtnerin ausgebildet. Die Kinder besuchen höhere und niedere Schulen je nach Begabung. Im Sommer nehmen die größeren Knaben und Mädchen an einem gärtnerischen Kursus teil; im Winter besuchten sie die öffentlichen Handfertigkeitsschulen. Musikbegabten Kindern wurde auch Gelegenheit zum Musikunterricht geboten. Die Ausgaben des Jahres beliefen sich im abgelaufenen Jahre auf 25 374 Mark. Dabei machten die Verpflegungskosten pro Kopf und Tag einschließlich der Erwachsenen 55 Pfennig aus, die Gesamtausgaben für ein Kind durchschnittlich pro Jahr 736 Mark- Das Vermögen der Anstalt beläuft sich zurzeit auf 261 318 Mark. Zwei Ehrendamen, Frau Friederike Behrendt und Frau Rahel Joseph so hn, legten aus Gesundheitsrücksichten ihr Amt bei der Anstalt nieder. Der Vorstand dankt beiden Damen im Bericht für ihre hingebende Tätigkeit bei der Anstalt. Der Vorstand des Waisenhauses besteht zurzeit aus den Herren: Professor Dr. Saalschütz. Vorsitzender; Stadtrat Professor Dr. Lassar-Cohn, stellv. Vorsitzender; Alexander Magnus, Kassierer; Ascher Aron, Julius Lazar, Konsul Max Minkowski, sämtlich in Königsberg, und Dr. med. Kamnitzer-Allenstein und Stadtrat Otto Eichelbaum-Insterburg. Ehrendamen bei der Anstalt sind die Damen: Frau Emilie Magnus, Frau Clara Lazar, Frau Professor Saalschütz und Frau Doris Cohn. Die Leitung der Anstalt liegt in den Händen des Herrn Inspektors Adolf Peritz. r. Danzig, 4. März. Der Vorsitzende des Vorstandes der hiesigen Shnagogengemeinde, der Kaufmann und Stadtverordnete Philipp Simson, ist nach längerem Leiden gestorben. Sein Leichenbegängnis fand am 24. v. M. statt und gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. Zu dem engen Familienkreise gesellte sich eine hochansehnlich'e Versammlung. Die städtischen Behörden waren vertreten durch Oberbürgermeister Ehlers, Bürgermeister Trampe, Stadtschulrat Dr. Damns, die Mehrzahl der Magistratsmitglieder und eine Anzahl Stadtverordnete. Vollzählig waren erschienen der Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde. Ferner waren anwesend Vertreter der Kaufmannschaft, der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, des Casper Lachmannschen Waisenhauses in Graudenz, der Direktor und das Lehrer- Kollegium der Oberrealschule zu St. Petri, an der ein Sohn des Verstorbenen. Herr Professor Dr. Simson, als Oberlehrer angestellt ist. Sie alle hatten sich in der Leichenhalle des jüdischen Friedhofes um den inmitten eines Haines von hochstämmigen Blattpflanzen aufgebahrten Sarg vereinigt, um das Anerkenntnis ihrer Hochschätzung und Verehrung für den Dahingeschiedenen an dessen Bahre niederzulegen. Der Synagogenchor? leitete die Feier mit dem stimmungsvollen „Enosch kechozir jomow“ von Lewandowski ein. Dann hielt unser allverehrter Rabbiner Dr. Freudenthal eine tiefergreifende und formvollendete Gedächtnisrede unter Zugrundelegung des Schriftwortes aus der am letzten Sabbat verlesenen Haphtarah: „Fürwahr, gewichen ist die Bitternis des Todes!" Mit warmen Worten schilderte der verehrte Redner das Leben und das Wirken Simsons. An der Seite einer trefflichen, verständnisinnigen Gattin, die Vier- Jahrzehnte hindurch in Treue mit ihm verbunden war, umgeben und verehrungsvoll geliebt von seinen Kindern, denen er eine vornehme Erziehung angedeihen ließ und die sich nun in geachteten und ehrungsvollen Stellungen befinden, war sein Familienleben vom Sonnenblicke der günstigsten Fügungen begleitet. In seiner Häuslichkeit suchte und fand der Heimgegangene Erhebung und Verklärung durch die reiche Liebe und Treue, die er darbot und wieder empfing. Und gekrönt wurde dieses herrliche Glück durch die in hohem Greisenalter stehende Urgroßmutter, die jüngst noch ihren 80. Geburtstag voller Frische und Rüstigkeit beging, und an dessen Feier der Verblichene noch teilnahm. Sein Glaube an die sittliche Anlage der menschlichen Natur, seine Zuversicht aus die fortschreitende Entwicklung der Gesamtheit, seine Hoffnung auf eine an Liebe reichere Zukunft sind die Triebkräfte feines öffentlichen Wirkens gewesen. Er hat sich dabei aber niemals in den Vordergrund gestellt; sein bescheidener Sinn begnügte sich an der stillen Mitarbeit. Ein köstlicher Optimismus und sonnige Heiterkeit des Gemüts sind niemals von ihm gewichen und haben seine Mitarbeit überall sympathisch gemacht. Nach dem Tode seines Freundes Gustav Davidsohn hat er den Vorsitz des Vorstandes in unserer Gemeinde übernommen und sich trotz seines hohen Alters jederzeit bemüht, den schweren Anforderungen, die mit diesem Amte verbunden sind, gerecht zu werden. Der Prediger sprach dem Verstorbenen im Namen der Gemeinde, der vielen Körperschaften und Vereine, in denen er mit an der Spitze stand, unter anderem im Aufträge des Hilfsvereins der Deutschen Juden, seinen Dank aus für die rastlose Hingabe, mit der er allezeit ihre Bestrebungen unterstützt, für den unermüdlichen Eifer, mit dem er ihre Entwicklung gefördert hat. Die Feier fand mit dem Chorgesang „Ma jokor chasdecho" von William Wolfs ihren würdigen Abschluß. Dann trug man den von Blumen bedeckten Sarg hinaus zu dem ganz nahe der Halle bereiteten Grabe, in das er mit kurzem Gebete des Predigers eingesenkt wurde. Ep. tzlus der Provinz Posen, im März. Bankdirektor Hamburger in Posen hat zur Gründung eines Taubstummenheims 500 Mark gespendet. — Im Alter von 106 Jahren ist neulich die älteste Bewohnerin des Kreises Czar n ikau, Witwe Rosen bäum, daselbst gestorben. — Kaufmann H. Levy in Schönlanke hat sein Stadtverordnetenmandat aus Gesundheitsrücksichten niedergelegt, nachdem er dasselbe 25 Jahre hindurch gewissenhaft versehen. — Lehrer Hope an der israelitischen Volksschule zu Schrimm ist als Lehrer an die Gemeindeschule nach Posen berufen worden. — Der Rentier S. B. Fürst in Deutsch - Eylau, ein langjähriges Vorstandsmitglied der dortigen Synagogengemeinde, ist im Alter von 78 Jahren gestorben. —- Zum Stadtverordnetenvorsteher in Gnesen ist Kaufmann Salo Wreszynski daselbst gewählt worden. — In Posen ist der wohlgeachtete Kaufmann Wolfs Guttmann im Alter von 73 Jahren gestorben; derselbe war Vorstandsmitglied der dortigen Synagogengemeinde seit dem Jahre 1891. — Bankier I. Strelitz in Pleschen beging neulich sein 25jähriges