Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ging, erregte seine Aufmerksamkeit. Hirsch blickte ihm neugierig nach. Er trug einen Zylinder und einen schwarzen Alpakarock und hatte einen Regenschirm in der Hand, und — der Mann trug Peies! Hirsch rannte über die Straße in die, Arme des Mannes. „Guter Freund!" rief Hirsch, „guter Freund, retten Sie »üch und meine Familie. Sie sind ein Jude — ich sehe. Sie sind ein Jude!" „Nu, nu, Jude, was machen Sie hier für ein Geschrei auf der Straße? Beruhigen Sie sich und lassen Sie mich hören!" Als Hirsch wieder das bekannte Jüdisch hörte, begann er zu schluchzen: „Kommen Sie, mein Freund," sagte der Fremde, „ich werde Sie in das Haus eines Freundes führen, wo wir ini Schatten sitzen und uns etwas abkühlen können. Mir scheint, Sic haben einen Sonnenstich bekommen." Sie gingen einige Schritte und traten dann in eine Seitentür einer der South Street-Läden ein. Der Freund, ein jovialer Mann mit rotem Bart, begrüßte den Fremden mit ansgestreckten Armen. „Ah, Rabbi, es ist gut, daß Sie kommen, ich wollte . .." „Still! Zuerst geben Sie diesem Inden etwas Kühles zu trinken nnd lassen Sie uns niedersitzen." Der Rotbärtige führte Hirsch in den Laden, der den ganzen Tag geschlossen und deshalb der kühlste Platz im Hause war, und dann brachte er Eiswasser, Whisky nnd einen Fächer. Nachdem Hirsch sich etwas erfrischt hatte, sagte der Schwarzbärtige zn ihm: „Wie heißen Sie!" „Zewi Hirsch Lubliner aus Winniza." „Lubliiier. Das ist kein guter Name in Philadelphia." „Was sagen Sie, kein guter Name? Ich bin nur wenige Tage hier und kenne hier niemand." „Verzeihen Sie. Ich meinte natürlich nicht Sie. Es gibt noch andere Lubliners in der Welt. Haben Sie Frau nnd Kinder?" „Ich habe eine Frau nnd sechs Kinder. Fünf habe ich mit mir ans Winniza gebracht; einer lebt schon viele Jahre hier. Und jetzt, guter Freund, sagen Sie mir Ihren Namen und den Namen dieses guten Juden hier." „Ich heiße Nahum Reuben Rederovitsch und bin der Rabbiner der Gemeinde „Sohne von Ezekiel, Männer von Smolensk". Und dieser gute Freund ist Herr Wolf Tannenbanm, ein Freund aller guten Leute in der Stadt." „O, gute Freunde, rettet mich und meine Familie. Ich bin ins Unglück gefallen, so tief wie das Meer. Mein ältester Sohn, der hier schon mehrere Jahre lebt — hier," fügte er, hinzu, indem er ein Bild aus seiner Tasche zog, „hier — ist sein Bild..." „Moses Lubliner, der Apostat, ist Ihr Sohn?" schrie der entsetzte Rabbi. „Mein Sohn ein Apostat, sagen Sie? Woher kennen Sie ihn?" Und der alte Mann sank in seinen Stuhl. „Ihn kennen? Wer kennt ihn nicht? Den Apostaten. Vergeben Sie, guter Freund, ich werde heftig, wenn ich seinen Namen nennen muß. Er ist der Fluch nnd die Schande der Juden von Philadelphia." Armer alter Hirsch, armer alter Vater! Das ist das Ende deines Traumes. ... Langsam, mit großer Anstrengung, erhob sich der alte Mann ans seinem Stuhl, öffnete seinen Rock, nahm ihn zwischen seine Hände und riß ihn vorn herunter aus, indem er sagte „Gelobt sei der gerechte Richter!" Er setzte sich auf den Fußboden, ein Trauernder für den Sohn, der tot war. Die Freunde benmhten sich, ihm Trostesnwrte zu sagen, aber er schüttelte den Kopf. „Er ist ein Apostat, er ist tot. Jetzt verstehe ich alles. Hört, meine Freunde. Er brachte uns hierher und sagte, daß in Amerika Juden und Christen ganz gleich wären. Er ließ uns in einer Straße wohnen, Watkins und 22. Street, wo rundum kein Jude wohnt. Er brachte seine Freunde, die Christen in unser Haus, damit sie unsere Freunde und Gesellschaft sein sollten. Er gab das Buch des Nazareners mir und meinen Kindern, und er nahm uns heute morgen in die Kirche und sagte zu uns: „Es ist Sabbat, wir wollen in die Synagoge gehen." Und ich und meine Frau saßen nebeneinander auf der Bank, und die Kinder ganz in unserer Nähe, und alle Männer nahmen ihre Hüte ab. Und sie sangen, und der Mann, den er ins Haus gebracht hatte, predigte sehr lange, und ich verstand nur ein Wort: Gott. Und als alles vorüber war, gingen meine Frau, ich und die Kinder aus der Kirche heraus zwischen zwei Reihen von Leuten, und alle faßten unsere Hände und drückten sie. Und ich war wie im Traume, und Chaje-Rachel schwankte nnd siel beinahe hin. Sie konnte nicht vor sich sehen. Und als ich nach Hause zurückgekehrt war, rannte ich weg, um einen Juden zn finden — v Herr der Welt — einen Juden, dem ich mein Herz ausschütten konnte." Und der Trauernde schluchzte und rutschte aus dem Boden des Ladens hin und her. Die Freunde saßen schweigend dabei und warteten, das; sich sein Schmerz etwas beruhige. Er saß eine lange Weile dort und sprach zu sich selbst. Endlich erhob er sich und sagte zum Rabbi: „Guter Freund, wollen Sie mit mir nach meinem Hause gehen?" „Gewiß, und Herr Tannenbaum wird auch mitgehen." Sie nahmen eine Elektrische und fuhren nach Watkinstreet. Es war ungefähr 6 Uhr, als sie das Haus erreichten. Chase Rachel lag im Bett, ihre Töchter waren bei ihr und pflegten sie, die Söhne waren nicht zu Hause. Hirsch dankte seinen Begleitern und ging hinauf zu seiner Frau. Sie brauchten einander nichts zu sagen; sie weinten nur stumm zusammen. Die Knaben kamen nicht nach Hause, obgleich die Eltern auf sie warteten, bis der Morgen dämmerte. Mit der Post kam ein Brief von Moses: „Teure Eltern! Ich habe heute gesehen, daß Ihr nicht imstande seid, einzusehen, was ich für Euch getan habe. Ich habe es nur um Euretwillen und der Kinder wegen getan. Der Höchste, sein Name sei gelobt, gab mir Freunde in diesem Lande, diemeine Augen öffneten und mich lehrten, daß, wenn mau ein Mensch sein will, man zuerst ein Anhänger Christi sein muß. Unsere Vorfahren waren blind und erkannten ihn nicht. Ihr, liebe Eltern, seid leider auch blind und könnt ihn nicht sehen. Ich habe seine wirklichen Wunder, die er in meinem Herzen getan hat, gesehen, und ich umarme ihn, küsse ihn und rufe aus: Vater ini Himmel! Josua, der Nazarener ist Dein Sohn, und um Seinetwillen und in Seiner Gnade werden wir alle leben. Die Kinder führe ich zu guten Freunden. Dort werden sie die wahre Lehre des Messias von Israel lernen. Bis ich Euch wieder von Angesicht zu Angesicht sehe, lebet wohl, seid gesund und möget Ihr beschützt werden von den schützenden Flügeln von Gottes heiligem Kinde, dem Gott der Liebe und Gnade. Euer Sohn Moische." Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.