Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 sah, Ihr hattet alles vorbereitet und saß ruhig da wie die anderen, aber übermorgen werden wir mit allen anderen in die Synagoge gehen." Die alten Leute blickten einander schweigend an. Nachts, als alle zu Bett gegangen waren, saß Hirsch mit seiner Frau vor der Tür und unterhielten sich. „Ja, Chaje-Rachel, die Welt ist eine verkehrte Welt geworden. Ich glaube schon beinahe, daß Amerika unter der Erde liegt. Wer hat jemals von solchen Verrücktheiten gehört, wie wir sie hier sehen? Zuerst hat es mich wütend gemacht, aber jetzt," und er zuckte mit den Schultern, „soll es so oder anders sein, mir ist es egal. Der Herr, sein Name sei gelobt, sagte zu Abraham, unserem Vater: Geh hinaus aus deinem Lande, fort von deinen Verwandten und von deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde. Nun, Abraham ging, und der Herr, sein Name sei gelobt, ging mit ihm. Jona, der Prophet, saß im Rachen des Walfisches. Nun, hat es etwas geschadet? Der Höchste hat ihn nicht vergessen oder übersehen. Ich habe Glauben und Vertrauen genug, daß der Herr, sein Name sei gelobt, uns auch in Amerika behüten wird, wenn nicht unsertwegen, so doch wegen der koscheren Juden, von denen wir abstammen. Was denkst Du, Chaje-Rachel?" »Ja, Hirschleben, Du weißt, ich bin nicht weise, aber es scheint mir, daß wir in Amerika — vielleicht für unsere vielen Sünden — ganz abgeschlossen sind, abgeschnitten sind von der Gemeinde Israels, und daß wir, Gott behüte uns in Gnaden, so werden wie die Christen um uns herum. Hirsch, Hirsch, was kann mit unserem Moische sein? Ich verstehe es nicht. Ich habe seinetwegen große Furcht, obgleich er soviel Gutes für uns getan hat. Cr sieht so christlich aus, er spricht so eigentümlich, er bringt Bücher, die verboten sind, und er spricht über Schabbes am Sonntag, und daß Juden wie Christen sind. Hirschleben, kann mit unserm Moische irgend etwas, behüte Gott, sein?" „Was kann sein? Moische ist ein Amerikaner, und die Juden in Amerika — nun wir haben schon etwas über sie zu Hause gehört." Sonntag morgen nahmHirsch seine Familie mit in die Kirche. Als der Gottesdienst zu Ende war, ging die Familie Lubliner schweigend nach Hause. Hirsch aß kein Mittagbrot und weigerte sich, mit seinem Sohne zu sprechen. Er nahm seinen Stock und ging zur Tür. „Wohin gehst Du?" fragte seine Frau. „Ich will einen Juden in der Stadt suchen, und sollte es den ganzen Tag und die ganze Nacht dauern," erwiderte er und ging fort. Die Straßen waren still, so wie es nur die Straßen von Philadelphia an einem Sommer - Sonntagnachmittag sein können. Sie wohnten weit entfernt von den Fremdenvierteln, wo Sonntag in weniger puritanischer Weise beobachtet wird. Hirsch ging festen Schrittes zur Ecke der Straße, dann blickte er hinauf und hinunter, welchen Weg er nehmen solle, und schließlich ging er die Straße hinauf. Elektrische Wagen jagten an ihm vorbei. Er sah Leute an den Ecken aus- und einsteigen. Warum sollteer nicht auch fahren? Er würde fahren und dabei hinausschauen, ob er nicht einen Inden finden könnte. Er zählte sein Geld, stieg ein und fuhr eine Stunde lang herum. Nirgends ein Jude zu sehen. Die Elektrische erreichte die Endstation am Fairmamt-Park und wurde umgedreht, um zur Stadt zurückznkehren. „Weiter fahren wir nicht," sagte der Kondukteur. „Ich verstehe nicht," sagte Hirsch jüdisch. Der Kondukteur hatte diese Phrase oft gehört und versuchte nun Hirsch zu erklären, daß er nicht weiter fahre; endlich verstand dieser. Plötzlich entschloß sich Hirsch, den Kondukteur zu bitten, ihm zu helfen. „Wo wohnen Juden?" fragte er ihn. Der Kondukteur lächelte und schüttelte mit dem Kopfe. Seine Kenntnis des Jüdischen war jedenfalls begrenzt. Die Elektrische begann jetzt zurückzusahren und nahm einen anderen Weg durch die Stadt. Plötzlich sprang Hirsch mit einem Schrei in die Höhe und wäre fast von der dahinrasenden Elektrischen hinuntergesprungen. Zum Glück für ihn ergriff ihn ein Passagier beim Arm und hielt ihn fest, bis der Wagen an der nächsten Ecke anhielt. Er stieg aus und rannte einige Häuser zurück, wo auf einem großen Schaufensterglas englisch die Worte standen: „Delikatessen und feine Materialwaren". Nicht diese Worte waren für Hirsch, aber darunter standen die ihm so wohlbekannten Worte: “fiPD „Gott sei gelobt, Gott sei gedankt!" murmelte Hirsch, „ich habe einen gefunden!" Er klopfte an die verschlossene Tür. Keine Antwort. Noch einmal. Keine Antwort. Er stand und wartete, der Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er blickte aus das heilige Wort NV2 und klopfte wieder. Keine Antwort. Eine Nachbartür öffnete sich und eine ältere Frau trat heraus und ' fragte: „Was wünschen Sie? Es ist niemand zu Hause. Alle sind in den Park gegangen. Die ganze Familie ist aus." Als die Frau seinen hilflosen Blick bemerkte, sagte sic deutsch: „Verstehen Sie deutsch?" „Ach ach?" stöhnte er. Und dann murmelte er: „Eine deutsche Frau. Vielleicht wird sie wissen." Dann nahm er sich zusammen und sagte in seinem besten Deutsch, d. h. jüdisch, frei von so viel wie möglich hebräisch, russisch und anderen Zutaten: „Ist er ein Jude? „Ja, ein Jude." antwortete sie. „Ist er der einzige?" Sie lachte. „O nein, es gibt sehr viele." „Wo sind sie?" „O, sie wohnen überall, in allen Straßen." „Zeigen Sie mir, wo, gute Frau, zeigen Sie mir!" Sie fühlte Mitleid mit ihm, er sah so elend aus. „Ich will Sie zu den russischen Juden schicken; das sind die, die Sie brauchen. Nicht wahr?" „Ja, ja, russische Juden. Keine Amerikaner," sagte Hirsch ängstlich. Sie ging in ihr Haus zurück, rief mehrmals Johnny, und als der Knabe den sie gerufen, sich zeigte, gab sie ihm den Auftrag, auf einem Stück Papier aufzuschreiben, daß dieser Mann nach South Street zwischen der zehnten und elften Street wolle. Johnny tat wie ihm geheißen, dann nahm sie das Papier, begleitete Hirsch bis zur Ecke der Straße und sagte: „Steigen Sie in die Elektrische und zeigen Sie das dem Kondukteur, das heißt dem Manne, der das Geld einnimmt." Er bückte sich nieder und küßte ihre Hand. Sie errötete und zog sie rasch weg. Es war augenscheinlich nicht Sitte in Philadelphia. Sie rief eine Elektrische für ihn an, und er lvinkte ihr mit der Hand Lebewohl zu. Mit Hilfe seines Zettels wurde er von dieser Elektrischen auf eine andere gesetzt und langte bald in South Street an. Ruhe, überall, kein Zeichen von Juden. Er ging langsam die Straße hinunter und schützte sich, sogut er konnte, vor der brennenden Sonne. Ein großer Mann mit einem langen Bart, der ans der anderen Seite der Straße