Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Eingeborenen und zahlreichen Europäern eine Genealogie verlesen, in welcher „nachgewiesen" wurde, daß derUr-Urgroßvater Sr. Majestät Adam, sein Urgroßvater David, sein Großvater Salomo und sein und aller früheren Kaiser Aethiopiens Vater Menelik war." Doch niehr als die abessinischen Christen, selbst wenn sie wirklich jüdischen Ursprungs sein sollten, interessieren uns die Falascha, die trotz allen Versuchungen, die an sie herantraten, sich als treue Söhne des jüdischen Stammes bewährt haben. Freilich verstehen sie weder hebräisch, noch haben sie irgend welche Kenntnis vom talmudischen Schrifttum und von den rabbinischen Einrichtungen und Lebensregeln; allein sie besitzen das Buch der Bücher, die Grundlage des Judentums, und' vereinigen sich in ihren Wünschen und Hoffnungen mit den Juden der ganzen Welt. Allerdings behaupten die christlichen Reisenden und ganz besonders der schon wiederholt erwähnte Flad, das; die Falascha von der Hoffnung eines zukünftigen Messias nichts wissen, allein er selbst berichtet über einen Vorfall, der das Gegenteil seiner Behauptung bekundet: „In; Jahre 1862 durchzog ein angeblicher Prophet, Aba Sirach, die von den Falascha bewohnten Provinzen und verkündete, Gott sei ihm im Traume erschienen und habe ihm folgenden Auftrag an die Falascha gegeben: Wie ich mein Volk Israel durch Mose aus Aegypten geführt habe, so will ich durch dich, Sirach, meine Kinder, die Falascha, in diesem Jahre aus diesem Lande ausführen und sie in das Land Kanaan bringen, wo ich sie über alle Völker der Erde segnen will. Aba Mahari (ein von den Falascha verehrter Heiliger) wird mit seinem Stab das rote Meer spalten und euch trockenen Fußes durch dasselbe führen. — — — Und von dir, o Sirach, wird der Messias kommen, der wird Israel richten in Gerechtigkeit, aber alle Heiden wird er um- . bringen." Doch wie dem auch sei, das Eine ist gewiß: die Falascha, die in ihrer Kopfbildung und Hautfarbe sich von den abessinischen Christen nicht unterscheiden, unterscheiden sich von! diesen nicht bloß durch strenge Beobachtung und Heilighaltung! der mosaischen Vorschriften, sondern auch, wie selbst die Mrssionare zugeben, durch mannigfache Tugenden, die Merkmale des jüdischen Volkes sind. „Ihre strengen Reinlichkeitsregeln — bemerkt Flad — üben einen wohltuenden Einfluß auf ihr Hauswesen aus, was besonders einem Europäer hinsichtlich der Bereitung ihrer Speisen auffällt, während es sonst unter den Europäern als Sprichwort gilt: Wer sich in Abessinien den Appetit nicht verderben will, der halte sich soweit als möglich von der Küche fern." Auch hinsichtlich der Behandlung der Sklaven, die die Falascha ebenso wie die übrigen Eingeborenen halten, unterscheiden sie sich vorteilhaft von diesen: „Nachdem Eintritt in ihre Familien werden sie zu Juden gemacht; sie gelten dann als Fanrilienglieder, werden nicht wieder verkauft und überhaupt viel milder und nachsichtiger behandelt als bei den Mohammedanern." Auch der den Juden im allgemeinen mit Recht nachgerühmte Erwerbssinn ist bei den Falascha in hohen: Grade zu merken. „Unter der verschiedenartigsten Bevölkerung des weiten Abessiniens," berichten alle Reisenden übereinstimmend, „sind die Falascha die Betriebsamsten und Gewerbefleißigsten. Es gibt unter ihnen Maurer, Weber, Schmiede, Zimmerleute und Ackerbauer, und auch die Priester und Gelehrten, obwohl sie die anderen durch ihr Wissen überragen, verdienen sich ihren Lebensunterhalt im Schweiße ihres Angesichts." Obgleich das mosaische Gesetz die Polygamie nicht verbietet, so kommt es doch äußerst selten vor, daß ein Falascha sich den Luxus einer zweiten Frau gestattet. Zwar redet die Frau den Mann nie mit Du, sondern immer mit Sie an, und wäscht ihm auch, als Zeichen der Unterwürfigkeit, von Zeit zu Zeit die Füße, doch tut dies ihrer Liebe keinen Abbruch: Mann, Frau und Familie bilden eine häusliche Gemeinschaft ehrwürdigster Art. Die Frauen, deren Sittsamkeit von allen Reisenden gerühmt wird, gehen nicht verschleiert, sondern bewegen sich frei und nehmen regen Anteil an dem Gewerksleben der Männer. Mann und Frau aber sind sehr streng in der Erziehung ihrer Kinder, für die sie leben und streben und in deren Gedeihen und Vollkommenheit sie, wie die meisten Juden, ihre höchste Glückseligkeit sehen. Die Falascha hüten sich vor jeder Berührung mit Andersgläubigen und wohnen daher meistens in abgesonderten Dörfern. Wo sie aber ihres Gewerbes wegen unter Andersgläubigen ansässig sind, wählen sie gewöhnlich einen Teil außerhalb des Dorfes oder der Stadt und umgeben mit Gehegen und Hecken ihre Häuser, um sie so vor Verunreinigung durch das Betreten eines Andersgläubigen zu schützen. Gerhard Rohlfs erzählt: „Ebenso freundlich und gefällig, wie die übrigen Abessinier, kamen auch sie mit ihrem Schum (Richter), um mich zu besuchen. Als ich aber Miene machte, ihre Kirche zu betreten, baten sie mich, davon Abstand zu nehmen, auch von dem Besuch ihrer Häuser, „sie würden sie sonst nicht wieder bewohnen können". All diesen Unsinn äußerten sie so freundlich und liebenswürdig, daß ich selbstverständlich meine Bitte nicht wiederholte." (Fortsetzung folgt. Die Schlinge des Vogrlltrllrrs. Von David Felsberg.j IV. m nächsten Tage gingen die Kinder wieder aus und. blieben den ganzen Tag weg. Der alte Mann wagte sich auch hinaus, er ging ein paar Straßen weit, aber die Häuser sahen alle egal aus und die Straßen waren ruhig. Er begegnete keinem, mit dem er hätte sprechen können, und nichts zeigte an, daß rund herum Juden wohnten. Watkinsstreet in der Nähe der zweiundzwanzigsten Straße liegt in: äußersten südwestlichen Teil der Stadt. Die Häuser sind hier zu Ende, und weiterhin gibt es große Strecken Landes, das mit Gras und Unkraut bedeckt ist. Von weitem sieht man die Gaswerke und Petroleumtanks von Point Breeze und den Schuilkill-River. Als Moses am Abend zurückkehrte, fand er den Tisch vorbereitet für das Sabbat-Abendbrot und seine Eltern nnd Geschwister in ihren besten Kleidern. Er und seine Brüder kleideten sich schnell um. Nach dem Essen sagte der alte Mann: „Moische, ich muß unter Juden kommen. Warum hast Du mich nicht in die Synagoge geführt? Ich kann es nicht länger aushalten. Sieh Deine Mutter an. sie weint über ihrem Gebetbuch. Warum soll ich nicht in die Synagoge gehen am Freitag abend?" „Lieber Vater, übermorgen wollen wir in die Synagoge gehen." „Uebermorgeu?" wiederholte der Vater erstaunt. „Uebermorgen?" rief auch die Mutter. „Uebermorgeu wird die Sonne ebenso scheinen wie morgen, und der Herr, dessen Name gelobt sei, läßt uns Freude haben an dem Lichte seines Tages, einen Tag wie den andern. In Amerika ist der erste Tag der Woche der Sabbat und nicht der siebente, wie in Rußland. Heute ist nicht der richtige Abend, den Sabbat zu begrüßet;. Ich sagte nichts, weil ich