Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1.28 Jude, als der Schwache, muß so lange bearbeitet werden, bis er aus Selbsterhaltungstrieb unters Joch kriecht. Da dachte Gabriel Rießer anders. Der kannte die Juden auch; aber seine Donnerworte galten dein Staate, den er aufrüttelte, »veil aus seiner Stirnme das Erz der Rechtsgrundsätze tönte. Der Jude kann sich betten wie er will, »venu Staat und Gesellschaft ihrn sein Recht nicht geben wollen, ist er verloren. In der andern Hinsicht bemerkt Dr. Alexander richtig: Die neue Lage des Judentun»s hat gerade für die jüdische Religion eigentümliche Folgen; es müsse sich jetzt zeigen, »vie stark das religiöse Band sei. Dieses Band soll die zersprengten Glieder des Judentnins zusainmen suchen und den eigentüinlich zerhackten Körper »vieder lebendig machen. Dr. Alexander fordert da »virklich viel, und die jüdische Theologie »vird sich mit den neuen Problen»en »vacker abplagen nrüssen. Indessen »vird sich die Religion doch nicht ganz so recken und strecken lassen, »vie es der Soziologie paßt. Ich »veiß nicht, was in dieser Wissenschaft die Religion bedeutet, »vas sie aber fürs Jttdentuin bedeutet, ist doch über jede»» Zweifel klar: den Lebensnerv. Juden ohne Judentum sind ein Widersinn. Die Religion »nuß bei»»» Juden auch in der sozialen Gruppierung ein gewichtiges Wort mitsprechen, und selbst die Gefahr einer gewisien, von andern »»»ehr als von n»»s selbst e>i»pf»n»del»en lluriche »licht scheuen. Auch ich halte den selbständigen Staat für die Juden »veder für erreichbar, noch für nötig; ich hoffe, da-s Judentum »vird sich auch im modernen Staate durchsetzen. Dieser Glaube schließt ein anderes Programm in sich, an dem auch heute schon gearbeitet »vird. Der neue, seit etlva 15 Jahren glänzend geführte Ansturm der Juden zur Eroberung einer volle» Emanzipation ist in» tiefsten Grunde kein bloßer politischer oder »virtschaftlicher Kampf; er bedeutet auch ein Ringe»» um die idealen Güter des J»»dentuii»s, seine ethischen Ideen, feilte religiösen Ueberzeugungen. Die Religion des Judentums ist eine geistige Macht, die sich die realen Faktoren des Lebens dienstbar zu machen, mindestens sie zu durchdringen sucht. Die j»mge Wissenschaft der Soziologie mag sich trösten, »venn ihr das Judentum noch ^ine inkommensurable Größe ist; älteren Wissenschaften geht es ähnlich. Die Darlegungen Dr. Alexanders »verden daher erklärend, vielleicht aufklärend wirken, nicht aber richtunggebend und fruchtbar. Sie »verden in dankenswerter Weise die Gärung in den Geistern befördern, das Dunkel des Problems aber nur schlvach erhellen. ioSSsi Lh. I. D. Mulm. lZu seinem 100. Sterbetag, 21. März 1907.1 Von Dr. S. Bernseld. as vor wenigen Wochen erfolgte Ableben des greisen Bibliographen Moritz Steinschneider hat auch in weiteren jüdischen Kreisen das, leider nur augenblickliche, Interesse für die hebräische Bibliographie »vachgerufen. Es darf vielleicht jetzt des ersten »vissenschaftlichen Bibliographen, Chajim Joseph David Asula», anläßlich seines hundertsten Sterbetages gedacht »verden, zurnal die Wissenschaft des Judentuins diesem Manne viel zu verdanken hat. Asulai', der um das Jahr 1725 in Jerusalein geboren »vurde, stai»»n»te ans einer berühmten sephardischen Gelehrtenfamilie. Bon frühester Jugend an zeigte er große Begabung und vielen Fleiß, den er in den damals berühmten Talmudschulen des heiligen Landes zu bekunden Gelegenheit hatte. Asulai »var der Lieblingsschüler der bedeutendsten Männer jener Zeit. Es kann dabei erwähnt »verden, daß die sephardische: Juden niemals Sinn und Neigung für die haarspaltend talmudische Dialektik zeigten; den Talinud und das rabbinisch Schrifttum studierten sie in einer Art, die damals in de: Augen der deutschen und Polnischen Juden als oberflächlich galt. Das war zuin Teil ihr Glück, denn dadurch wahrte sie sich den Blick für Geradheit und Logik, zum Teil ab, schadete es ihnen auch, denn sie verfielen oft in eine schrecklich Verflachung und Seichtheit. Was jüdisch-spanische Gelehr-? ans den» Gebiete der Talmudforschung und der Homiletik a > Banalitäten bieten, kann n»an sich kaum vorstellen. B-? unseren» Asulai schlug glücklicherweise die sephardische Lch? Methode gut an; er wurde in der Folge ein vorzügliche: durch kritischen Sinn und wissenschaftliches Verständnis sic? auszeichnender hebräischer Bibliograph. In jungen Jahren genoß er bereits bei der Jndenheit in heiligen Lande großes Ansehen. Er wurde deshalb im Jahr 1752 nach dem Abendlande geschickt, um da bei den »vohl habenden Glaubensgenossen milde Gaben für die in Rv lebenden palästinensischen Inden einzusamineln. In Italien Frankreich, Deutschland und Holland fand er »vege»» seine» liebenswürdigen Persönlichkeit und seines umfangreiche» Wissens eine überaus freundliche Aufnahme. In Livorno nahm ihn ein jüdischer Mäcen, der Arzt Michael Pereira dc Lion, gastfreundlich auf und sorgte auch in der hochherzigste» Weise für die Drucklegung von Asulavs Schriften. Denn de» palästinensische Sendbote hatte nämlich, seiner angeborene» Begabung und Neigung folgend, die Gelegenheit benutzt, au der Reise überall die Bibliotheken nach seltenen hebräische» Drucken und Handschriften durchzustöbern und den Grundstei» z»l einer »vissenschaftlichen hebräischen Bibliographie zu lege»» Er »var meines Wissens der erste Jude, der a»»s die wertvolle» Bttcherschütze der damals königlichen Bibliothek in Paris ans merksam »nachte. Auch in anderen Städten, wo sich größer, Sammlungen hebräischer Bücher befanden, trug er das Matern» zu einer hebräischen Bibliographie mit großem Fleiß und mb kritischem Verständnis zusainmen. Unzweifelhaft gebührt Asulai der Ruhm, daß er nicht »vie manche sogenannte Bibliographen, ein gewöhnliche Katalvganfertiger war, sondern die Bücher, die er beschriebe» auch gelesen und verstanden hat. Er ist deshalb vor allen» i» seinen Angaben sehr zuverlässig, sowohl bezüglich der Hand schriften, deren Inhalt er angab, wie auch in den biographische» Notizen jüdischer Gelehrter. Da seine Forschungen im Lauf» der Zeit das Ge»»teingut der jüdischen Wissenschaft geworde», sind, so erfährt die Welt oft sehr wenig von dem, »vas die Wissenschaft ihm zu verdanken hat. In der ersten Zeit »var es freilich noch Brauch, Ch. I. D. Asulai, oder, wie er kur; bezeichnet »vurde, „CHJDA" häufig zu zitieren. Er war unstreitig der Führer vieler jüdischen Forscher auf dem Gebiet der hebräischen Literaturgeschichte. Asulä», der in späteren Jahren eine zweite große Reis, durch das Abendland unternommen hat und ebenfalls über«! freundlich ausgenommen wurde, entwickelte bis in sein hohe Alter eine ungewöhnliche literarische Fruchtbarkeit. Mehr ab? 50 Schriften rühren von seiner Feder her; ein großer Teil is noch handschriftlich vorhanden und unveröffentlicht. Sei: Hauptiverk ist das Gelehrten-Lexikvn (Schern ha-Gedolim) i» zwei Teilen, das über viele jüdische Gelehrte und ihre Schriftei Aufschluß gibt. Es bietet eine Fülle von kritischen Forschunge» und Bemerkungen und »vurde in seinem wissenschaftliche» Wert d»»rch die Bearbeitung, die ihm der ausgezeichnet» Bibliograph Ben Jakob ans Wilna später zuteil »verden ließ noch vervollständigt. Bon den «»»deren Schriften Asulais iß