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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-15 · Heft 11 (15.3.1907) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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127 streben, in eine höhere Schicht, in eine andere Lebenssphäre lUlszusteigen. Jeder Ladenjüngling glaubte, die Anwartschaft ns einen Wertheim in der Tasche zu haben. Das nennt r. Alexander den mangelnden Blick für die Distanz. Wir 'vagen, hatte er jene Anwartschaft etwa nicht? Der Handelsand hat den Vorzug, daß in ihm nicht Geburt und Erbchaft, nicht Vetterschaft oder Körperlänge ausschlaggebend sind, mdern persönliche Tüchtigkeit. Für Dr. Alexander gilt aber ie eines Junkers würdige Auffassung: „Nur wer in gewissen historischen Kategorien geboren ist, nimmt ihre Anschauungen >ie eine Erbschaft an." Ihre eigene soziale Unruhe teilten die Juden nicht etwa n: ihnen nahestehenden Kreisen, nein, dem gesamten modernen »esellschastskörper mit. Das ist Sombartsche Weisheit, gegen :e man im Punkte der Juden einigen Verdacht haben darf, lso, weil es den paar Juden am sozialen Gleichgewicht hlte, deshalb trat die soziale Unruhe als Massenerscheinung ns? „Sie waren als Fremdlinge in die Gesellschaft aufenommen worden und hatten es nicht vermocht, in den lassen und Ständen, in die Veranlagung oder auch der Zuall sie trieb, Wurzel zu fassen. Sie blieben Fremde, die die Gesellschaft gewissermaßen nur als Stufenleiter benutzten, um n ihr emporzusteigen." Das sind harte Worte, mit einem iörnlein Wahrheit; aber sind hier die Parteien mit gleichem >taße gemessen? Da die Juden nun in keinem sozialen Kreise wurzelten, o bekamen sie nicht nur jene Haltlosigkeit, die die typische Ercheinung des Parvenü schuf, sondern auch ihre Moral war schlecht bewurzelt. Moral ist nämlich nach der Kirchenlehre H'i Soziologie nur die Richtschnur des Handelns, die die engere Zruppe in ihrem Interesse erfindet und ihren Mitgliedern nitteilt. Kantianisch ist diese Ansicht nicht; religiös noch 'eniger. Die Juden luden das Verbrechen auf sich, die Um- «andlung in die kapitalistische Organisation anzustreben, und ogen sich dadurch den Haß aller wirtschaftlich Besiegten zu. m ihrem geschäftlichen Treiben waren sie frei von allen Behränkungen, die ihnen Stand oder Klasse auferlegt hätten, der waren sie denn nicht im Mittelalter Handelsleute geesen? Hatten sie als solche, wenn auch keine Standesmoral, ineAei allgemeingültige Moral? Die Geschichte des jüdischen aufmanns ist noch nicht geschrieben. Aber was Dr. Grunald vor einiger Zeit über die kaufmännische Ehre bei den »den schrieb, klang doch ein wenig anders. Aber der Wucher, er leidige Wucher?! Niemand hat mehr den Wucher verammt als das Judentum, niemand die jüdischen Wucherer ’ groß gezogen als die mittelalterliche christlich-germanische Wirtschaftsordnung. Genug, die Juden wurden die gefürchtetsten Gegner. Sie aren Meister der Reklame, bar jedes echten Solldaritätsefühls. Dr. Alexander verlangt ein solches schon heute zum eispiel von den ausgehungerten russisch-polnischen Emigranten >t Eastend von London! Nun werden wir am Ende darüber belehrt, daß die trübste poche der sozialen Unruhe vorbei ist, ja hundert Jahre zurückegt. Inzwischen hat sich vieles gebessert; die Erscheinungen mgen an, zu verblassen. Man fühlt sich etwas irregeführt, da mn gerade vom modernen Juden am meisten zu hören erwartet hatte. Aber auch dieser ist noch ein übles Zwitterwesen. An ihm ist noch immer zu beklagen seine Zugehörigst zur demokratischen Parteis?) und sein Zug in die großen wtädte. Herr Dr. Alexander ist aber auch lieber in Berlin als in Pinne. Ferner das Einströlnen in den Handelsstand! .lon anderer Seite wird uns bekanntlich der Zudrang zum ärztlichen und juristischen Studium vorgeworfen, als ob soziale Differenzierung nach unten löblich, nach oben aber verfänglich wäre. Gewiß haben hierbei falscher Ehrgeiz, Reiz des Neuen, törichter Dünkel mitgespielt. Aber die jüdischen Aerzte, Juristen, Philologen, die sich vor siebzig und mehr Jahren zu den Wissenschaften drängten und oft unter unsäglichen Entbehrungen studierten, haben in Praxis und Wissenschaft Vorzügliches geleistet, nicht aus Standesbewußtsein, sondern aus Pflichtgefühl und idealem Streben. Was wollen da einige Outsider oder gar Schädlinge bedeuten? Die Gefahr hat nicht der Stand, die Gefahr trifft das Judentum. Und sie würde zunehmen, wenn die Atomisierung der Juden mit ihren: Einströmen in sänftliche der tausend Verzweigungen unaufhörlich zunähme. Ich glaube fast, die geschichtliche Entwicklung gibt an die Hand, daß die eigentliche Masse der Juden im Handelsstande verbleiben solle. Oder kennt Dr. Alexander einen geivissen Prozeß nicht, der im Christentum endet. Der Vater war Landjude, man wohnt im Städtchen, der Sohn besucht das Gymnasium und studiert, der Enkel wird Regierungsrat, aber nicht mehr als Jude. So mancher fühlte sich, wenn er irgend ein Rat geworden war, durch den rnangelnden Blick für Distanz bei seinen alten Glaubensgenossen so indigniert und in seinem Dünkel verletzt, daß er nur noch Anschluß bei den ihm ebenbürtigen, meist christlichen Standesgenossen suchte. Da wurde denn die Assimilation mit oder ohne Taufe vollständig, die Einordnung in den sozialen Volkskörper ist geschehen, Deutschland kann ruhig sein. Aber das Judentum? Wohii: Dr. Alexander steuert, offenbart er in den Worten, daß man unter den Juden schon jetzt bewußte Klassen- und Berufsvertreter fände. Ja, Geburt, Beruf und vor allem Bildung fingen an, große Unterschiede unter ihnen selbst zu eröffnen. Die wenigsten Juden werden sich für einen solchen Klassen- und Zukunstsstaat begeistern, wie er dem Autor vorzuschweben scheint, für ein modernes Kasinesien, wo Aegyptens und Indiens Moderdüfte wehen. Auch soll ja nach Dr. Alexander jede Gruppe nichts so sehr scheuen, als die Jagd nach erborgten Idealen, an Stelle der von Natur und Geschichte ihr vorgezeichneten. Nichts wäre aber dem Juden fremder als exklusiver Korps- und Kastengeist, hypertrophisches Ctandesgesühl, Ersterben vor der Amtsrobe oder den: bunten Tuch. Was könnte Dr. Alexander dem Zionismus entgegenhalten, wenn dieser argumentierte: Aus deinen eigenen Prämissen folgere ich, daß der Jude als Jude in die deutsche Wirtschaftsordnung niemals eingehen kann! Soll er sich treu bleiben, sich nur jüdisch-völkisch, sozial-angemessen, religiös-schöpferisch ausleben, dann braucht er ein selbständiges Staatswesen, ein Land, eine Nation. Von dieser Folgerung ist Dr. Alexander himmelweit entfernt: der Jude soll sich rückhaltlos assimilieren, aber doch Jude bleiben. Wie das zu machen, hätte er andeuten sollen. Er gibt das tröstliche Zitat wieder: „§: le juif n’existait pas, il faudrait l’inventer.“ Aber doch nicht etwa, um eiue handvoll verwässerter Neophyten zu bekommen? Deutschland deckt seinen Bedarf an Teutomanen selbst. Ich finde, daß Dr. Alexander gerade da, wo er auf das eigentliche Problem stößt, versagt. Und das aus zwei Gründen: Weil er keine mannhafte Stellung zum deutschen Staat und seiner Gesellschaft nimmt und weil er kein inneres Verhältnis zum Judeutnm als Religio:: offenbart. Für den Staat, die Regierung, die Verwaltung, die Gesellschaft und ihre Stände hat Dr. Alexander nur einige zarttadelude Fingerzeige. Er scheint zu glauben, mit dem Starken muß man sein säuberlich umgehen; den ehernen Gesetzen gegenüber, die er zur Anwendung bringen muß. weil es die Soziologie so will, hilft ja doch kein Schelten. Der

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