Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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-126 Die zum Gebrauch der Auswanderer herausgegebenen Wörterbücher sind bereits in einer zweiten Auflage erschienen. Die Beantwortung der Briefe von Auswanderungslustigen hat sich in diesem Jahre erheblich gegen das Vorjahr gesteigert. 1858 Anfragen von 8200 Personen, darunter 100 von christlichen Auswanderungslustigen, liefen ein und wurden von nnserm Bureau erledigt. Durch Verhandlungen mit Behörden und Schiffahrtsgesellschaften und privaten Organisationen wurden neben den Reiseverbilligungen und Erleichterungen und sonstigen Bequemlichkeiten aller Art, die für die Auswanderer geschaffen wurden, die Grundsätze für eine planmüßige Regelung der jüdischen Auswanderung festgesetzt. Unsere besondere Aufmerksamkeit hatte der Plan, die jüdische Auswanderung von New Jork und den großen Zentren abzulenken. In erfreulicher Weise sind die Vorarbeiten darüber zum Abschluß gekommen. Tie gesamte jüdische Auswanderung dürfte im vergangenen Jahre über 200 000 Seelen betragen haben. Sie ist also viermal so groß als im Jahre 1881/82 und dreimal so groß als im Jahre 1891 92, und doch vollzog sich diese jüdische Auswanderung ohne jene Störungen, Unbequemlichkeiten und Mißbelligkeiten namentlich für die deutsche Jndenheit und die deutschen Reichsbehörden, die in früheren Jahren die Begleiterscheinungen jeder starken Auswanderung waren und die sich oftmals zu Katastrophen steigerten. So ist der Nutzen unserer Organisation auch für die Leitung einer geregelten Auswanderung in Deutschland nicht zu verkennen. Dieses philantropijche und soziale Hilfswerk, aus das der Hilfsverein der deutschen Juden auch in diesem Jahre zurückblicken kann, ist nur möglich gewesen durch die freudige und opferwillige Unterstützung, die der Hilfsverein der Deutschen Juden bei den deutschen Glaubensgenossen gefunden hat. In welch hohem Maße diese uns zuteil geworden ist, das zeigen die Ausgaben, die wir seit unserem Bestehen für unsere humanitären Zwecke haben machen können. Im ersten Jahre. 51 152,67 Mark „ zweiten „ 317 618,82 „ „ dritten „ 146 756,04 „ „ vierten „ .1110 214,21 „ „ fünften „ . 1476 138,47 „ 3 081 874,21 Mark Die gesamte deutsche Zudenheit hat dieses Werk geschaffen. Es ist ihre Pflicht, es zu erhalten und zum Segen der notleidenden Juden in der ganzen Welt immer weiter auszubauen. Soziologie und Judentum. Von Dr. S. Samuel-Essen. 3 in Januarheft 1907 der Preußischen Jahrbücher, Treitschkeschen Andenkens, sagt Dr. Kurt Alexander in einem Aufsatz: „Die soziale Unruhe der modernen Juden", diesen gar bittere Wahrheiten. Ob auch ganze und einwandfreie, dafür mögen die folgenden Bemerkungen einen Beitrag bilden. Nachdem aus das Judentum jüngst der Refraktor der Religionswissenschaft eingestellt worden, pflanzt man jetzt das schwere Geschütz der Soziologie auf und traktiert die Juden mit Spencer, Gumplovicz, Sombart. Das ist modern und wir wollen zufrieden sein, wenn nicht nur die Methode, also die Beleuchtung und Gruppierung, sondern auch die Ergebnisse neu sind. Dr. Alexander sagt uns, daß der Begriff der sozialen Unruhe dem Seelenleben des Einzelindividuums entnommen und pathologisch sei. nämlich andeute, daß das seelische Gleichgewicht gestört oder beeinträchtigt ist. Um die gesellschaftlichen Verhältnisse der Juden zu studieren, müsse man nicht Blutuntersuchungen oder Schädelmessungen vornehmen, sondern in das Dunkel seiner geschichtlichen Zusammenhänge leuchten. Ganz wie es seit Zunz die jüdische Wissenscha,, und seit Jahren selbst die jüdischen populären Geschicht - vereine mit bestem Erfolge tun. Die mittelalterlichen sozialen Zustände waren es, die im Verein mit dem schroffen Uebergang in ganz andere Verhüt nisse und dem ungünstigen Verhalten der Gesellschaft Unsoziale Unruhe herbeiführten. Denn wie sah es einst a> und wie kam der unerfreuliche Gärungsprozeß zustande? - Der Jude des Mittelalters befand sich in einem steten Kriegszustände; der Krieg aber demokratisiert. Die gemeinsam » Gefahren schweißten die Juden des Ghetto zusammen. Da g> h es nicht Vorrechte der Geburt oder des Standes; selbst Gc und Grundbesitz (?) nützten nichts, weil man morgen so: gejagt werden konnte. Aller Tätigkeit war gleich: Hand, Schacher, Wucher. Die soziale Gruppenbildung kam dahm nicht über die Familie oder die „Horde" hinaus; wie bei de - Nomaden, gab es unter ihnen nicht Stand noch Rang. In dieser Darstellung ist Wahres mit Falschem unter mischt. Hat nicht der Handelsbetrieb selbst bedeutende Al stufungen? Hat es ferner im Ghetto keine Handwerker un Arbeiter gegeben? Dr. Alexander will ja selbst das russisch galizische Ghetto von heute zur Aufhellung der älteren Bei hältnisse heranziehen; nun, in Rußland und Galizien gibt e sogar ein vieltausendköpfiges Proletariat. Aber das Ghett hatte auch seine Gelehrten, Lehrer, Aerzte, Schreiber, Künstler kurz die Intellektuellen. Ganz wie heute, bildeten sie natürln nur eine dünne, obere Schicht. In die angeblich ungegliederte, ohne soziale Differenziermi, dahinlebende Horde brachte die französische Revolution de» Explosivstoff der Emanzipation. Die Vorkämpfer der letztere, ein Mendelssohn, Friedländer, Zunz, Heine, Börne, Franke Rießer, Philippson, haben also umsonst gelebt? Vermög einer gewissen chemischen Affinität suchten die zersprengte» Elemente zunächst Anschluß an den im dritten, dem bürge» lichen, eingegliederten Handelsstand. Das hatte aber nach Dr. Alexander seine großen Gefahre, wegen der mangelnden Kohäsionskrast des beweglichen Kapital und der übrigen üblen Eigenschaften des Geldes. Im Gegen satz zu Grundeigentum und Handwerk beherrscht das Geld bei Menschen nur äußerlich, nicht in seinem ganzen Denken un- Fühlen; es hat die Tendenz, „zu entpersonalisieren und z, entnationalisieren". Die Wirksamkeit der zahllosen Vereiln zur Förderung des Handwerks unter den Juden übersieh Dr. Alexander völlig. „Hätten sie (so. die Juden von 1800) sich," sagt er, „der Landwirtschaft oder dem Handwerk zugewandt, ihr Ei» gliederungsprozeß hatte sich ganz anders gestaltet." Da-, lautet so ähnlich wie der Vorwurf, den Georg Liebe den Jude, von 800 machte: „Solange sich die mittelalterliche Wirtschafts ordnung mit ihrer ständischen Scheidung noch nicht ausgebilde? hatte, wäre den Juden der Uebergang in andere Berufe (al-, des Handels) und damit ein Ausgehen im Volke ihrer Gast freunde wohl möglich gewesen." Beide Autoren übersehen, daß di bestorganisierte Gesellschaft Ausnahmeerscheinungen gegenübe am leichtesten versagt. Wohin gehört z. B. heute der Poet Dorthin, wo man im Mittelalter den als wandernden Ahasve gebrandmarkten Juden stieß. Am wenigsten Poetisches findet Dr. Alexander am Juden der gemäß der „Psychologie der Gefangenschaft" ein fast un überwindliches Hemmnis und eine Art Entschuldigung dafü fand, um in der Gesellschaft nicht zur Ruhe und Stetigkeit z> gelangen. Er schleppte eben die Fesseln des Sklaventums noci mit sich. Jetzt begann ein Jagen nach den goldenen Gütern die Gier, den Becher der Freude bis zur Neige zu leeren, da»-