Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 L hulwerk einen bedeutenden Ausbau erfahren und eine weitere Aus- Haltung erfolgt zu Beginn des Jahres 1907. Zu den zwei Kindergärten in Jerusalem und den Kindergärten n Jaffa und Safed, der Mädchenschule in Jerusalem und dem Lehrersc linar, die im Jahre 1906 bereits bestanden, kamen in demselben ,uhre hinzu ein dritter Kindergarten in Jerusalem und ein zweiter j. Jaffa; ferner ist in Jaffa eine Knabenschule begründet und in bron eine Schule subventioniert worden. Des weiteren wurden die y mstgewerbeschule Bezalel, die Zentralbibliothek in Jerusalem und i-'.i Schulverein in Safed unterstützt. Es wurde alsdann noch beschlossen, am 1. April 1907 eine dreit. ffsige Handelsrealschule im Anschluß an die Lümelschule und in rbindung mit dem Lehrerseminar in Jerusalem zu eröffnen, und e wurden — gleichfalls für das Jahr 1907 — die Mittel zur . gründung von Kindergärten in Beirut und Haifa, sowie ein erheblicher . itrag für die Lümelschule bewilligt. Zu den vier Kindergärten, der Mädchenschnle und dem Lehrer' ’ linar, die wir im Jahre 1905 unterhielten, kommen 1906/7 noch r Kindergärten, die wir ganz oder hauptsächlich unterhalten und ei eigene Schulen. Fünf weiteren Bildungsinstituten gewähren wir ic beträchtliche Beihilfe. Im Jahre 1907 wird der Hilfsverein nunmehr folgende Schulen (erhalten und unterstützen: 9 Kindergärten, 11 Knaben- und Mädchenschulen, 1 kommerzielle Mittelschule, 1 Handelsschule, 1 Haushaltungsschule, 1 Handwerkerschule, 1 Kunstgewerbeschule und 2 Seminare,!-gesamt 27 Institute mit mehr als 3500 Zöglingen. Marokko. Ilnsere Bestrebungen für eine Besserstellung der mrokkanischen Juden, bei denen nur durch die Anglo-Jewish hociation, die Wiener Allianz und hervorragende Einzelpersonen iderer Länder, namentlich durch Herrn Jacob H. Schiff-New Uork rterstützt wurden, hatten den Erfolg, daß die Mächte auf der, ^nferenz zu Algeeiras eirunütig eine Resolution zugunsten der arokkanischen Juden annahmen. Rußland. Unsere Haupttätigkeit mußte sich infolge der trüben crhältnisse naturgemäß wieder Rußland zuwenden. Die traurige ge der Juden Rußlands hat auch im abgelausenen Jahre keine ilderung erfahren. Die schwere Leidensgeschichte der letzten Jahre i vielmehr um manches traurige Kapitel bereichert worden. Die ohepunkte der Verfolgungen bezeichnen die Namen Homel, Bialhstok ld Siedlce. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat auch in diesenl Jahre t seinen Mitteln und mit seinen Arbeiten an der Durchführung - großen russischen Hilsswerks in hervorragender Weise teilgenommenm das Hilfswerk zu fördern, war unser Geschäftsführer im Ehrenut Herr Dr. Paul Nathan wie beim Beginn des Hilfswerkes auch i einem Abschluß in diesem Jahre in Rußland und wurde bei dieser clegenheit sowohl von dem Ministerpräsidenten Stolhpin als auch 'n dem Finanzminister Kokowzew empfangen. Neben den 1 000 000 Mark, die wir vom Oktober bis zum Schluß s. vorigen Jahres für Rußland überwiesen haben, haben wir im ahre 1906 weitere 1 476 000 Mark aufgewendet, so daß der Hilfsverein ut dem Ausbruch der Massenpogrome rund 21/2 Millionen für ußland verausgabt hat. Neben der notwendigen Unterstützung der direkten Opfer der udenmetzeleien mußten wir unsere Hilfe auch in zahlreichen anderen allen gewähren. Infolge der russischen Wirren haben mir viele notleidende wische Gemeinden, die ihre Unterrichts- und Wohltätigkeitsanstalten icht mehr zu unterhalten in der Lage waren, unterstützt, ferner rbeitlose in großer Anzahl. Erhebliche Summen mußten ausgewendet werden, um Kranke nd Verwundete zu heilen. Es war uns auch möglich, eine Anzahl on Christen, darunter in Rußland ansässige Deutsche, welche während er Judenmetzeleien in anerkennenswertester, zum Teil heldenhafter Weise die Juden zu verteidigen suchten und dabei Schädigungen erlitten hatten, zu unterstützen. Als ein Teil des russischen Hilfswerks ist die Organisierung des Liebeswerkes für die russischen Waisenkinder zu erwähnen, die uns gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland oblag. Voll den 1650 Kindern, die durch die Judenmetzeleien verlvaist lvurdeu, konnte der größte Teil in Rußlarld versorgt werden. Für 120 der Aermsten aber wurde durch unsere und der Großloge Vernlittlung in Westeuropa und in überseeischen Ländern eine neue Heimat geschaffen. Die Berichte, die wir über diese Kinder erhalten, lauten sehr günstig, so daß die Hoffnung berechtigt ist, daß diese Opfer der Pogrome, die Waisenkinder, einer helleren Zukunft entgegengehen. Soweit bei der Lage in Rußland der Hilfstätigkeit für Rußland Grenzen überhaupt gesetzt werden können, ist das Hilfswerk jetzt zum Abschluß gebracht. Nicht jeder einzelne Wunsch konnte berücksichtigt lverden, nicht jeder Schaden ersetzt werden. Das Riesenwerk als Ganzes aber ist zu Ende geführt worden ohne Störung, ohne berechtigte Beschwerden, ohne Mißklang und Enttäuschung, wie sie Unterstützungsaktionen sonst so reichlich nachzufolgen pflegen. Wir haben uns nicht damit begnügt, unser Scherflein zu dem großen Werke beizusteuern, hier und dort Gelder auszuteilen, sondern lvir haben im Verein mit dem Russo-Jewish-Committee in London und dem Petersburger Komitee jede Einzelheit geprüft, die Organisation bis ins kleinste durchgeführt und überwacht, den ganzen großen Komplex von Fragen, der tagtäglich an uns herantrat, aufs sorgfältigste durchgearbeitet. Auswanderung. Im engen Anschluß an das Hilfswerk für Rußland vollzog sich die Fürsorge, die wir den jüdischen Auslvalldererlr durch unser Zentralbureau für jüdische Auswandernngsangelegenheiteir angedeihen ließen. 132 000 jüdische Auswanderer, zum größten Teil russische, haben ihren Weg durch Deutschland genommen, und wenn auch nicht alle unserer Fürsorge bedurften, so wurden nur doch vor die Ausgabe gestellt, diesen Strom, der sich durch Deutsch taub ergoß, so zu lenken, daß die Durckwandermrg durch Deutschland sich glatt und ohne Störung vollziehe, batnit nicht, wie in früheren Jahren starker Auswanderungen Unordnung und Hast die Massen über die deutsche Grenze kamen und für sich, für die deutsche Judenheit Katastrophen herbeiführen, die ein Einschreiten der Behörden notwendig machten. Dank der starken Organisation, dank der aufopfernden Tätigkeit unserer Vertrauensmänner an der Grenze und im Reich ist es uns gelungen, die Massen in Ordnung durch Deutschland hindurchzuführen. Durch Einrichtung und Unterhaltung voll bejoudereu Herbergen cur der Grenze boten wir den Auswanderern Nahrung und Obdach und schützten sie vor Ausbeutung, Uebervorteilung und körperlichen und moralischen Schädigungen, denen sie in ihrer Unbeholseuheit und llnwissenheit ausgesetzt sind. Wir haben den unglücklichen Flüchtlingen ihren schlverell Weg zu erleichtern versucht, indem lvir an den Haupteisenbahllpunkten Verpflegungsstellen unterstützten oder einrichteten, an denen die Durchwanderer, namentlich Frauen und Kinder, verpflegt wurden und lvo sie auch Rat einholen konnten. 60 751 Auswanderern haben lvir in dieser Weise unsere Fürsorge j znwenden können. 2265 Auswanderer, die auf der Reise erkrankten, lunrbeu durch J die Anstalten unserer Organisation geheilt, urld ihnen und ihren Familien wurde damit die Möglichkeit gegeben, ihr Reiseziel zu erreichen. Konnten die durch Deutschland ziehenden 132 000 Auswanderer natürlich eine mehr ins einzelne gehende Fürsorge erhalterl, so arbeitet unser Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten nach den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz auch für die Gesamtheit der jüdischen Auswanderer. Die Herausgabe des Korrespondenzblattes lvnrde fortgesetzt. In diesem Jahre sind sechs Nummern erschienen, in dem die wichtigsten Auswanderungsangelegenheiten besprochen wurden. Sie wirkten aufklärend auf die Presse, gaben den Organisationen und Komitees und den einzelnen Auswanderern Belehrung und Förderung und stifteten so reichen Nutzen.