Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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und daß wir Seine Majestät dein Herrn und Kaiser und Selbstherrscher aller Reußen die Treue bewahren und nur um das Wohl und den Nutzen Rußlands bedacht sein werden, zur Bestätigung dessen wir eigenhändig unterzeichnen." Hier haben wir's schwarz auf weiß, daß der Zar gar nicht, im Sinne hat, seiner Selbstherrlichkeit zu entsagen und daß das Ganze nur ein Rumpf-Parlame.nt ist. Damit in Verbindung steht die Meldung, daß der Zar das vom Ministerium gut geheißene Projekt der Lösung der Judensrage nicht akzeptiert hat, angeblich, um die Erbitterung der christlichen Bevölkerung nicht zu schüren. Wer schürt diese noch so methodisch wie die russische Regierung selbst? Es sollen den Juden die Wohnsitze erweitert und gleichzeitig Einschränkungen auferlegt werden. Das sieht nicht nach einer Besserung, sondern im Gegenteil nach einer Verschlechterung aus. Der Jude soll also geradezu als Paria in den Augen der rechtgläubigen russischen Bevölkerung erscheinen und vermutlich auch unter ihre Aufsicht gestellt werden. Also in optima forma ein Wiederaufleben der unseligen Kantonierungszeit Nikolaus I. in revidierter Auflage. Ein avi3 au lecteur auch an die Dumamitglieder, die Judenemanzipation nicht zu diskutieren, da sie die kaiserliche Genehmigung nicht besitzt, mithin ihre Vornahme gegen den abgeleisteten Eid verstößt. Wir werden noch manche Proben moskowitischer Schlauheit da erleben. Vorläufig umgeht man die Klippe sachte, um in den rettenden Hafen der.Anleihe zu gelangen. Bis dahin aber mag noch so manches geschehen, was das ganze Kartenhaus der russischen Politik lind den Koloß auf tönernen Füßen endlich doch Umstürzen könnte .... * Das neue am erikanische Einwanderergesetz, das auf Betreiben des Präsidenten von beiden Häusern des Kongresses angenommen wnrde und daher auch unverzüglich in Kraft treten wird, bedeutet für die Juden des Ostens eine aberinalige wesentliche Erschwerung der Einwanderung durch die erhöhten Kosten, die dem Einwanderer aufgebürdet werden. Ohne weiteres leuchtet das aus der Verordnung ein, wonach die Kopftaxe von zwei Dollar auf vier Dollar erhöht wird, während noch vor wenigen Jahren die Belastung in Höhe von einein Dollar ausreichend erschien. Aber auch die künftige Wohltat eines größeren Luftraums auf den Einwandererschiffen, die das neue Gesetz vorschreibt, wird der inittellose Reisende schwer genug empfinden, denn er wird sie mit einer entsprechenden Preiserhöhung seiner Fahrkarte erkaufen müssen. Dabei hat der Kongreß beschlossen, eine Untersuchung der ganzen Einwanderungsfrage durch eine aus drei Senatoren, drei Repräsentanten und drei Vertrauenspersonen bestehende Kommission erfolgen zu lassen, die womöglich schon dem nächsten Kongresse ihren Bericht abstatten soll. Endlich soll der Präsident ermächtigt sein, mit anderen Nationen hinsichtlich der Regulierung der Einwanderung in Verhandlung zu treten oder eine internationale Konferenz zusammen zu bringen. Sowohl die Untersuchung wie die internationale Behandlung des Einwandererproblems sind als Mittel gedacht, dem Einwandererstrom weitere Hindernisse in den Weg zu legen, und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß sie in diesem Sinne auch ausgeführt werden. Die nativistische Strömung hat dermalen entschieden Ueberwasser. Sie äußert sich nicht nur in der Feindschaft gegen die „fremden Eindringlinge", sondern auch in der Tendenz, die veralteten Sonntagsgesetze wieder zu beleben und verschiedenen anderen Momenten. Demgegenüber sucht ein New Porker Telegramm von Boesmanns Telegraphenbureau die Dinge allerdings so darzustellen, als bedeutete das Gesetz eigentlich nur eine Verbesserung längst zugegebener Mißstände. Das Telegramm lautet: „Die Schiffahrtsgesellschasten hätten eigentlich ein Gesetz gefürctsti!, das den Bildungsnachweis (education-test) fordern würde, wodn ch die Einwanderung auf mindestens 30 Prozent heruntergedr!; worden wäre. Um den enormen Agitationen der Union-Korporati n ein Ende zu machen, mußte irgend etwas geschehen. Da kam je Vorschrift, einen größeren Raum für den einzelnen A - Wanderer zur Verfügung zu stellen, eine Bestimmung, ,e allerdings für die Schiffahrtsgesellschaften die Bedeutung I daß sie 15 bis 20 Prozent weniger Passagiere pro Damfier befördern können. Allein die Direktionen der Schiffahrtsgesellschasten, I insbesondere der deutschen, waren sich schon lange darüber klar,; ,r I etwas zur Verbesserung der Unterbringung der Zwischende iet geschehen müsse, so daß also gesetzlich etwas vorgeschrieben winiij was zu tun eigentlich die Schiffahrtsgesellschasten schon lange i Inhalten. Es ist erfreulicherweise nun aber festzustellen, daß in Ne? amerika eine große Liga gegründet wurde, die alles aufbietet, m weitere, die Einwanderung beschränkende Gesetzesvorlagen zu bekämpf : so daß solche für eine Reihe von Jahren nicht mehr zu erwarten sin. Was die Liga, deren Bildung das Telegramm nnkündi l, leisten wird, muß man abwarten. Vom hilksoerein der Deutschen Juden us dem Jahresbericht des Hilssvereins der Deutschen Jud n wird uns der folgende Auszug mitgeteilt. Der Hilssverein der Deutschen Juden vollendete mit di n Schluß von 1906 das fünfte Geschäftsjahr seiner Tätigkeit. £ 'v Bericht über diese Tätigkeit füllt bei den großen, zahlreichen Aufgab n, die der Hilfsverein zu erfüllen hatte, einen stattlichen Band. H er seien nur die Hauptarbeiten in kurzen Umrissen skizziert. Propaganda. Es ist gelungen, die Organisation des Hi! Vereins der Deutschen Juden in umfassender Weise auszubauen ii-ie» so im ganzen Reiche wertvolle Stützpunkte der Durchführung feu ev vielfältigen Aufgaben zu gewinnen. Die Zahl seiner Mitglieder ist rasch in erfreulicher Weise gewachst t; im letzten Jahre allein um etwa 4500 von 9500 auf rund 14 0 Die Mitgliederbeiträge und die Spenden für die allgemeinen Zwe!c des Vereins haben sich entsprechend von 107 000 Mark auf ru d 140 000 Mark erhöht. Galizien. Von den Arbeiten dieses Jahres sei zuerst das Hil - werk für Galizien genannt, das wir in Gemeinschaft mit der Gn; löge für Deutschland und dem Hilfsverein für die notleidende jüdis e Bevölkerung in Galizien in zweckentsprechender Weise auszubauen u?-? bestreben. Durch Einführung von Hausindustrien, wie die Erzeugu § irischer Spitzen, Spitzenklöppelei, Haarnetzerei, Kleiderkonfektion, n d durch Unterstützung von Kreditgenossenschaften suchen wir das Ele d der galizischen Juden zu bannen. Es sind durch diese Tätigkeit bere sieben Hausindustrien in Galizien neu eingeführt worden, und ül v 2500 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen finden in diesen Jndustri it einen ehrlichen Erwerb. Nachdem sich im Laufe der Zeit das Bedürfnis herausgestellt h. eine zentrale Instanz in Galizien zu schaffen, die die Verhältnisse üb« - blicken, Unternehmungen überwachen und als Jnformationssü e dienen kann, wurde in einer von den interessierten Jnstitutioi n beschickten Konferenz beschlossen, einen ständigen Sekretär in Galiz> n zu stationieren, wofür der Hilfsverein die nötigen Mittel bewill P hat. Die Anstellung ist bereits erfolgt. Durch die Gründung von Analphabetenschulen soll demnä st zur intellektuellen Hebung der breiten Volksschichten in Galizien! > getragen werden. Schulen. In den Ländern des Orients, in Rumänien, Bulgari n. der europäischen und asiatischen Türkei sorgt der Hilfsverein Deutschen Juden für die Hebung der Bildung der Juden und -."it die Förderung ihres wirtschaftlichen Fortkommens durch Schgrün düngen in von Jahr zu Jahr immer steigender Zahl. Im Jahre 1906 sind die Subventionen der meisten von mi* unterstützten Institute erhöht worden. Speziell in Palästina hat M