Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228756--63360-3297248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i>> dem sie aufgefordert wurden, die Schulunterhaltungspflicht r>iT jüdischen Gemeinden nach Maßgabe des neuen Schulunterl, :ltungsgesetzes bis spätestens zum 1. April 1908 zu regeln. s zu diesem Termin müssen die erforderlichen Maßnahmen rossen sein. Es ist bekannt und oft hervorgehoben worden, daß d jüdischen Gemeinden zum Teil unter geradezu ungei--streit Schullasten seufzen. Ein besonders hervorstechendes . ispiel dafür bietet die Synagogengemeinde Siemianowitz- - urahütte. Dort werden 11 jüdische Schulkinder durch zwei - yrer unterrichtet und die Schullasten betragen unter Abi hnnng der geringen Regierungsbeihilfe gegen 5000 Mark. 'lche Fälle schreien förmlich nach einer anderen Regelung,! d es ist endlich an der Zeit, daß solche gänzlich unmotivier-! re Belastungen einen Ausgleich erfahren, zumal die! nschen Bürger in genau derselben Weise zu den Gemeinde- . gaben herangezogen werden, aus denen die Schullasten für christliche Einwohnerschaft bestritten werden. Es ist jetzt die it gekommen, wo die preußischen Juden, besonders die bischen Gemeinden, ihr gutes Recht unter allen Umständen tendnrachen müssen. Sie werden darin nicht allein stehen. Denn Mängel, die sich jetzt allenthalben Herausstellen, erheischen ■ iirgend eine Aenderung der einschlägigen Verordnungen d Gesetzesparagraphen. So ist vor allem die Klage über n Mangel an tüchtig vorgebildeten Lehrpersonen eine alte, e Zahl der in Preußen unbesetzten Lehrerstellen wird auf nd 3000 geschätzt. Die Berliner Schulverwaltung ist zwar .her in der Lage gewesen, alle frei werdenden Stellen zu setzen, aber jetzt stellen sich doch auch Schwierigkeiten bei der esorgung von Vertretungen. Dies kann nicht überraschen, i Berlin wird in den Gemeindeschulen allein in 5000 Klassen verrichtet. Die Zahl der tätigen, im städtischen Schuldienst sindlichen Lehrkräfte beträgt mehr als 6000. Bei einer so oßen Zahl von Personen sind Vertretungen zahlreich, und > sind sie plötzlich und ganz unvorhergesehen notwendig in- 'ge von Erkrankungen, Beurlaubungen usw. Da kann es nn, besonders wenn auch noch Erkrankungen oder andere nstände einen Wechsel in den Vertretungen erforderlich rchen, Vorkommen, daß einmal eine Klasse kurze Zeit unbet bleibt! Die städtische Schulverwaltung ist stets bemüht, -ort Abhilfe zu schaffen. Die Schwierigkeiten sind aber oßer als man glaubt. So ist es bekanntlich infolge einer Verging des Provinzial-Schulkollegiums hier nicht mehr anngig, jüdischen und katholischen Lehrpersonen rtretungen zu übertragen. Die Schuldeputation und Magistrat haben sich deshalb an das Kultusministerium wandt. Dieses hat aber bestimmt, daß es auch fernerhin . der Verfügung des Provinzial-Schulkollegiums zu vergib en hat, wodurch die Schwierigkeiten der Beschaffung rügender Lehrkräfte in Vertretungsfällen nicht beseitigt rden. Ehe also ein jüdischer oder katholischer Lehrer die -gend einer Volksschule in die Geheimnisse des Einmaleins uveiht, ist es besser, daß ganze Klassen ohne Lehrer bleiben, erden unsere Abgeordneten auch diese Gelegenheit vorüber- : Yen lassen, ohne ein kräftig Wörtlein über die Schulverhältüe zu sprechen? Diese Gelegenheit wird sich ihnen übrigens beim Kultus- * t noch einmal eröffnen. Denn in der Budgetkommission! s Abgeordnetenhauses sagte am 26. v. M. beim Kapitel >ü'ovinzialichutkollegium" die Regierung Prüfung der Frage uaer Organisation des jüdischen Religionsunterrichts beunnt zu. * Wie uns mitgeteilt wird, hat der verdienstvolle Präsident der Alliance Israelite Universelle, Herr Narcisse Leven, am 12. v. M. an den französischen Minister des Auswärtigen nachstehendes Schreiben gerichtet: Herr Minister! Wir haben die Ehre, Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit auf die i Lage hinzulenken, die unseren Glaubensgenossen in Jspa ha n bereitet j worden ist. Ein Telegramm, das wir soeben von dem Direktor 1 unserer Schulen in dieser Stadt erhalten haben, meldet uns, daß die Geistlichkeit die Juden gezwungen hat, sich zum Tragen unter- , scheidender Gewänder und zum Verzicht ans den Handel im Umherziehen zu verpflichten. Zu jeder Zeit haben die Vertreter Frankreichs in Persien sich! bemüht, die Israeliten gegen ähnliche Angriffe auf ihre Menichenj würde in Schutz zu nehmen, und die Intervention der französischen s Vertretung bei der Regierung des Schah ist stets wirksam gewesen; und mit Entgegenkommen ausgenommen worden. Wir würden Ihnen i zu tiefer Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie die Güte haben wollte», möglichst auf telegraphischem Wege der französiichen Ge-; sandtschaft in Teheran anfzugeben, daß sie bei den hauptstäotischen ' Behörden die Rücknahme der gegen die Israeliten von Jspahan erlassenen Befehle erwirke. Wir richten diesen Appell an Ihren Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus und sind überzeugt, daß Sie diesen durch Gewährung unseres Ersuchens aufs neue beiveisen werden. Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung unserer Hochachtung. Der Prüsioent Narcisse Leven. Hierauf ist die folgende wichtige und interessante Antwort an Herrn Leven gelangt: Republique Francaise Ministers des affaires etrangeres. Paris, den 18. Februar 1907. Geehrter Herr! Durch einen Brief vom 12. Februar haben Sie die Güte gehabt, meine Ausmerksamkeit auf gewisse Verfolgungen zu lenken, denen Ihre Glaubensgenossen in Jspahan von seiten der Ortsgeistlichkeit dieser Stadt ausgesetzt werden. In diesem Schreiben drückten Sie mir zugleich den Wunsch aus, daß die Gesandtschaft der Republik in Teheran bei den hauptstädtischen Behörden aus die Rücknahme der gegen die Israeliten von Jspahan erlassenen Verfügungen wirke. Ich habe die Ehre Ihnen mitzuteile», daß ich soeben unserm Gesandten in Persien telegraph sch die Weisung habe zugehen lasse», er möchte in dem von Ihnen angegebenen Sinne bei der Regierung des Schah die erforderlichen Schritte tun, die, w>e ich hoffe, wirksam sein werden und im übrigen dem Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus der Regierung der Republik entsprechen, an den Sie neuerdings appelliert haben. Empfangen Sie, geehrter Herr, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. S. Pichon. Was hat das russische Judentum nunmehr zu gewärtigen? Diese Frage schwebt jetzt wieder auf aller Lippen. Unser mit den russischen Verhältnissen sehr vertrauter SW- Korrespondent schreibt uns darüber: Die Duma-Eröffnung hat ohne störenden Zwischenfall stattgcsunden,; doch allzu freudiger Erwartung können wir uns da nicht hingeben.! Mord und Raub ist an der Tagesordnung, und der Hunger grinst uns unheimlich aus vielen Teilen Rußlands entgegen. Bezeichnet die Reichsduuia eine neue Aera, einen Bruch in t dem Absolutismus? Mit Nichten. Tie Eiaesiormel der Lnuiamitgl ebcr lautet: «Wir Endesunterzeichneten versprechen vor dem alimäetuigen Gott, die uns als Mitgl.eder der Goss d rstweuskaja-Duma auferlegten Pflichten nach bestem Wissen und unsere» Kräften zu ersüllen