Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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5! 1 Aber diese Ablehnung wird zum großen Teil bedingt durch die Statuten der Privatstistungen, aus denen vielfach die Mittel der Armenkommission fließen. 80 000 Mark sind für würdige Arme bestimmt, und es lohnt wohl, die Eigenheiten der verlangten Würdigkeit zu prüfen. Besonders ist dies der Fall bei solchen Institutionen und Vereinen, welche von Mitgliederbeiträgen herrühren. Unter diesen Mitgliedern können sich sehr wohl auch im Sinne der Verwalter Unwürdige befinden. Diese Unwürdigen sind, auch wenn sie jahrelang zu den Vereinsmitteln beigetragen haben, falls sie in Not geraten, von der Unterstützung ausgeschlossen. Bei Nr. 92 (im grünen Heft) ist die Bestimmung „würdig" eben deshalb besonders interessant. Es handelt sich um den „Verein ebemaliger Schüler der jüdischen Gemeinde-Knabenschule". Dieser Verein nimmt alle ehemaligen Schüler der jüdischen Knabenschule aus; darf er da die von und durch alle gesammelten Beiträge nur den Würdigen gegebenenfalls zuwenden? Dies ist ja allerdings, wie die vielen Provinzialvereine (die zum Teil dieselben Bestimmungen haben) privater Natur, aber der Fonds für verschämte Arme, der 1905 über 33 000 Mark verteilt hat (1903 sogar 40 000), ist nur für „würdige" Arme. Zwar sagt das Statut der jüdischen Armenkommission nichts von „Würdigkeit" bei dieser Rubrik, aber die Bezeichnung „verschämte" Arme hat in den Kommissionsmitgliedern eine so prägnante Vorstellung von „Würdigkeit" hervorgernsen, daß es Engelszungen bedürfte, um zu beweisen, daß auch ein den Gesetzen nach als Verbrecher Geltender ein verschämter Armer sein kann. Stößt den sozial empfindenden Menschen bei Wohltätigkeitsstiftungen (im Gegensatz zu solchen für Wissenschaft und Kunst usw.) schon der beschränkende Zusatz „würdig" ab, so noch mehr bei Rubrik III des grünen Heftes: „Fürsorge für Kranke!" Allerdings finden sich hier nur drei solcher Stistungeu mit über 4000 Mark Zinsen, welcher privater Initiative zu danken und durch die Armenkommission verwaltet werden, und ist diese Härte, im Gegensatz zu denen öffentlicher Natur, bei Privatstiftungen eher zu entschuldigen. Daß es auch schon „würdige" Kinder gibt, erhellt aus Nr. 247 (leider trügt diese Stiftung auch noch den Namen Lasters). Aber gerade dieser Fall des „würdigen" und bedürftigen Zöglings der Knabenschule, der die Zinsen von 1000 Mark erhalten soll, müßte uns vor solchen Zusätzen fernerhin behüten. Aber alle diese besonderen Zwecken dienenden Mittel können auch besonders bestimmten Personen dienen — diejenigen Summen aber, die nur der Not der Aermsten steuern sollen, sollten nur und überall ohne Ansehen der Würdigkeit verwandt werden. Das jüdische Ghetto (das Hirtenviertel) wird jetzt abgerissen, den meisten unserer jüdischen Mitbürger vollständig unbekannt. Tausende gehen ihrer wenn auch jammervollen Unterkunft verlustig. Die Aermsten und die den Lastern am meisten Ausgesetzten werden im Osten und Südosten neue Zufluchtsstätten finde». Sorgen wir durch reichliche Unterstützungen für gute, gesunde Räume. Die alten in der Mulack-, Koblanck-, Amalienstraße usw. waren die traurigen Brutstätten von Unzucht, Schmutz und ansteckenden Krankheiten; es waren aber auch vielfach keine menschenwürdigen Wohnstätten; zusammengepfercht auf dem engsten Raum waren hier die gerade in diesem Milieu noch kinderreichsten Familien. Vater, Mutter und sechs bis acht, auch zehn Kinder fand man hier in zwei, oft auch in einer Stube, angewiesen auf ein bis zwei Betten. Das unter solchen Verhältnissen mit zehn bis zwanzig Mark einmaliger Zuwendung nicht geholfen sein kann, wird auch dem Nichtkundigen einleuchten. Wundern wir uns dann nicht, wen, die Kriminalität unter den Juden wächst! Die schwerer z , findende Arbeit, die Unkenntnis (oder geringere Kenntnis) der deutschen Sprache, die Verschließung vieler Berufe machen o unseren armen Glaubensgenossen oft viel schwerer, Brot für sich und ihre Familie zu finden, als den Andersgläubiger. Deshalb ist eine Verweisung an die städtische Armenkommissio : auch nicht immer angebracht, sondern es ist wieder und immrr wieder die Forderung aufzustellen, erstens: größere Mittel vo > seiten der jüdischen Gemeindeverwaltung für die Armenkommissio:, und nicht ein Abwarten, bis die Privatwohltätigkeit sich melde : da ist die Allgemeinheit interessiert und das ist wichtiger wie Synagogen bauen — und zweitens: nicht in erster Reil: die Frage nach der Würdigkeit, sondern die Wohlfahrtspfler - im Auge behalten, die Not lindern will, wo und wie sie sfindet, damit die Wohlfahrt das einzelnen gedeihet und d. Wohlfahrt des Ganzen; dann wird auch die Würdigkeit ju nehmen, die Hausbettelei, die besonders unwürdig ist, sich ver ' mindern und die Kriminalität unter unseren Glaubensgenosse: j sicher einznschränken sein. Bit Woche. Berlin, 12. März ie Kommission im Reichstag für die Bernfsunl Betriebszählung beschäftigte sich am 8. d. M. auch mi! den Verhältnissen der deutschen Juden anläßlich der Beratung! des betreffenden Gesetzentwurfs. Bei Besprechung des Frage > bogens beantragte der Abgeordnete Trautmann (national | liberal), die Frage nach der Religion wieder aufzunehmen, d, es doch beispielsweise von Bedeutung sei, den Anteil de jüdischen Bevölkerung am Handwerksbetrieb und seine Ver Änderungen gegenüber, der letzten Zählung ziffernmäßig fest stellen zu lassen. Diese Anregung wurde unterstützt unter anderein von dem bekannten antisemitischen Abgeordnete! Schack, der ausführte, daß diese Frage für sich allein den großen Apparat, der dafür in Bewegung gesetzt werden müsse, nicht rechtfertige und da, wie dies auch von dem Präsidenten des Kaiserlichen Statistischen Amtes hervorgehoben wurde, der relativ geringe Anteil der Juden am Handwerk und der relativ z» starke Anteil am Handel allgemein bekannt sei. (?) Abgeordneter Schack wünschte besonders die Aufnahme dieser Frage, mit das Aufsteigen in die höheren Berufe, die Fortschritte und Verschiedenheiten bei den verschiedenen Bekenntnissen gegenübet der letzten Zählung seststellen zu lassen. Auch von den Ver tretern des Zentrums und der Sozialdemokratie wurde die Anregung unterstützt und schließlich mit acht gegen vier Stimmen angenommen. Uns kann eine solche Feststellung nur recht sein. Sie muß in jedem Falle zeigen, lvelche Mühe sich die deutschen Juden geben, um in andere Berufe als den kaufmännischen zu gelangen und wie zäh der Widerstand des Staates und gewisser Gesellschaftskreise einen Erfolg dieses Strebens verhindert. Mit Späßen, wie die des Abgeordnete! Bindewäld: „Daß in Swakopmund schon eine israelitische Ge meinde bestehe, sei ein Beweis, daß dort was zu holen sei," werden derartige fundamentale Fragen nicht abgetan. Abe> wo es ernste, aufbauende Arbeit gibt, hat ja der Antisemitismu' stets noch versagt. * Bezüglich der Regelung der Schulunterhaltungspflicht der jüdischen Gemeinden ist an die politischen Ge meinden von der Regierung ein Rundschreiben gerichtet worden,