Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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eitung desAudentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Aarxeles. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Würdig! Berlin, 11. Mürz.*) je alte, gute Zeit der Wohltätigkeit ist geschwunden. Der Reiche, ja selbst der Wohlhabende gab dem Armen, i hne jit fragen. Es bedurfte ja auch der Frage nicht, denn i;i dein engen Rahmen der städtischen oder religiösen Gemeinchast kannte ein jeder den andern, und jede Gelegenheit der streude und des Schmerzes in der Familie wurde wahr- > enommen, dem Bedürftigen zu geben. Diese Einfachheit im «-leben ist in der Großstadt geschwlmden. An Stelle des Perönlichen Empfindens, das dem religiösen Gefühl gerecht u werden suchte durch Nächsten- und Bruderliebe, trat mit i er Zeit die Vereinswohltätigkeit und. die Fürsorge der «iemeinden — an Stelle der Wohltätigkeit trat die Wohlsahrtsflege. Die biblische Wohltätigkeit forderte drei Zehnten, die Ernte -es Feldes, die Nachlese, die Speisung des Fremden, die zinsosen Darlehen von den Israeliten — „damit es dir gut gehe >nd du lange lebest auf Erden". Die heutige Wohlfahrts- >flege „ist eine Sicherung der Gesa in theit durch die lxistenzmöglichkeit des einzelnen!" Solange der einzelne Bedürftige keine Gefahr für die Gesamtheit darstellte, solange ihm geholfen werden konnte wn seinen Nächsten, hatte die Wohltätigkeit ihr Recht. Heute >at die Gemeinschaft die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Not licht Verbrechen züchtet, daß das Elend nicht die Gottihnlichkeit zuschanden macht, daß Hunger und Obdachlosigeit den Menschen nicht zum Tiere erniedrigen. Gilt dies alles im allgemeinen als unanfechtbare Anchauung moderner Armenpflege, so müßten sich in der üdischen Gemeindearmenpflege diese Grundsätze das ganze Terrain erobert haben; denn das ungeheure Proletariat, welches der Zufluß aus den östlichen Provinzen unseres Vaterandes und ganz besonders die tieftraurigen Verhältnisse in stußland hier in Berlin haben zusammenströmen lassen, zwingt ins, diesen Zuständen unsere besondere Aufmerksamkeit znnwenden. Wollen wir nicht, daß sich hier ähnliche Zustände ausulden wie in London oder in New Hork, so müssen wir beieiten Vorkehrungen treffen, und da an den: Ergehen des inzelneu Juden alle Juden interessiert sind, so ist die *) Die obigen Darlegungen gehen uns von einem angesehenen Aitgliede der hiesigen jüdischen Gemeinde zu, das durch seine Tätigeit aus dem Gebiete der sozialen Praxis und Armenpflege große Lrahrungeu gesammelt hat. Die Red. Armenpflege der jüdischen Gemeinde in Berlin ein sehr wichtiger Faktor für das Wohlergehen der gesamten Jndenheit. Vor uns liegt der Jahresbericht der jüdischen Armenkommission Berlin aus dem Jahre 1853. Damals gab die Gemeinde bei einem Gesamtetat von rund 21 000 Taler 3800 Taler für ihre Armen als Zuschuß. (Die Ausgaben betrugen 5500 Taler, im Gegensatz zu 190 000 Mark, welche im Jahre 1905 verausgabt worden sind und zu welchen die Gemeinde 97 000 Mark beisteuerte.) Wer aus der Geschichte der deutschen Juden die der jüdischen Gemeinde Berlin kennt, wird ermessen können, tvie gering die Leistung der Gemeinde als solche — der Zuschuß von 97 000 Mark — bewertet werden kann, wenn die Privatwohltätigkeit durch Jahresbeiträge und Stiftungen 93 000 Mart dazu beigetragen hat. Noch mehr aber, wenn der gegenwärtige Gesamtetat in Betracht gezogen wird. Die erste Forderung, welche also an die Armenkommission erhoben werden muß, soll sie ihren Zwecken vollauf genügen, würde die sein, eine bedeutend größere Subventionierung von seiten der Gemeinde zu fordern. Die zweite aber würde die Verwendung der ihr überwiesenen Gelder betreffen, und da soll uns das grüne Heft leiten, welches in sehr dankenslverter Weise von dem derzeitigen Vorsitzenden Herrn Dr. Wilhelm Feilchenfeld herausgegeben worden ist. „Die Wohlfahrtspflege ist eine Sicherung der Gesamtheit durch die Existenzmöglichkeit des einzelnen." Dieses Wort müßte jedem Armenkommissar, welcher Gemeinschaft er auch angehören mag, inS Herz geschrieben werden, dann würden die Zwecke der Armenpflege besser erfüllt und die Ziele derselben besser erreicht werden; dann würde nnr derNot gesteuert lverden und alle persönlichen Empfindungen des Wvhlivvllens und der Parteinahme würden schwinden. Dem Armen soll geholfen werden, dein in Not Befindlichen soll mit Rat und Tat zur Seite gestanden werden, und dem, der ans falschen Wegen wandelt, dem sollen durch reichliche Büttel die Wege geebnet werden, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft wieder zu werden. Wie oft zwingt die furchtbare Not anständige Menschen nicht, die Wege des Gesetzes zu verlassen, ivie oft sind die Konflikte, die die Verbrecher züchtigen, nicht die Schuld des einzelnen, sondern der Umstände, sogar die Schuld der Allgemeinheit. Wer jahrzehntelang in der städtischen und konfessionellen Armenpflege gestanden hat, wird das Elend, das Unrecht und den Konflikt mit den Gesetzen nicht nur dem einzelnen selbst zur Last legen. Deshalb sollte die Würdigkeit kein Grund für die Ablehnung von Armengesuchen sein, wie dies bei sehr vielen von den über 2000 abgelehnten Gesuchen des Jahres 1905 der Fall war.