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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 8. März 1907. 11 Nr- Der OemeindeVote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums" Korrrlpondm?m und Aschrichtm. Deutschland. 8. Berlin, 3. März. In der letzten, zahlreich besuchten ordentlichen Mitgliederversammlung des Zentraldereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt heute ibend im Saale der Gesellschaft der Freunde Rechtsanwalt Dr. L. Holländer-München den einleitenden Vortrag über: „Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland." In seinen nach Inhalt und Form glänzenden und mit türrnischem Beifall begleiteten Ausführungen gab der Redner zunächst Am begriffliche Klarstellung des Wortes sozial, das er sodann auf vie jüdischen Verhältnisse anwendete. Der uns zur Verfügung stehende Raum gestattet uns leider nicht, ein großes Referat aber die hochinteressanten Ausführungen des Redners zu bringen; ^er Zentralverein wird es sich hoffentlich angelegen fein lassen, den Vortrag in extenso 'zum Abdruck zu bringen. — Die für aie Generalversammlung satzungsgemäßen Formalien umrden schnell rledigt. Dem Schatzmeister und dein Vorstand wurde auf Grund des llevisorenberichts Entlastung erteilt, das ausscheidende Drittel der Vorstandsmitglieder durch Akklamation wieder gewählt; die bisherigen Revisoren wurden gleichfalls wiedergewühlt. Justizrat Dr. Loevin ^on gab alsdann einen kurzen Bericht über die gestrige Delegierten - Versammlnng. — Der Vorsitzende, Justizrat Dr. Horwitz, gab darauf einen kurzen geschäftlichen Bericht. Er macht die erfreuliche Mitteilung, daß infolge des neuerlichen Wachstums der Verein nunmehr mit Einschluß der korporativen Vertretungen ein Drittel alter deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens umfasse. Etwa 30 neue Ortsgruppen haben sich innerhalb des Deutschen Reiches gebildet, und die Folge der gestrigen Delegiertenversammlung wird die Bildung einer ferneren Zahl von Ortsgruppen sein. Er berichtet ferner, daß Laudgerichtsrat Hirschel-Gleiwitz dem Zentralverein letztwillig ein größeres Legat vermacht hat und fordert zu eifriger Nachahmung im Interesse der stets steigenden Ausgaben des Vereins mf, der infolge Ueberlastuug seiner Vorstandsmitglieder dernnächst uneu eigenen Syndikus anstellen müsse. Zum Schlüsse gedenkt er in warmempfundenen Worten der in: abgelaufenen Jahre verstorbenen Bereinsrnitglieder. — Das Vorstandsmitglied Dr. Joseph Lewh resümierte dann noch über die in der Delegiertenversammlung stattgehabte Erörterung über die Reichstagswahlen. — Ueber die Delegiertenversammlung selbst wird uns berichtet, daß sie von über 120 Delegierten aus allen Teilen Deutschlands beschickt worden war. In erster Linie sind Orgauisations- und Propagandasragen beraten worden, über die als Referenten die Rechtsanwälte Dr. Brodnitz-Berlin und Dr. Hinrichsen-Hamburg berichteten. Die eingehenden Verhandlungen führten zu der Annahme nachstehender, von Rechtsanwalt Dr. Waldstein-Altona eingebrachten Resolution: „Die Delegiertenversammlung ersucht den Vorstand, unter tunlichstem Zilsammenwirken mit den bestehenden Ortsgruppen, zusanuuen mit dem Ausschuß, einen neuen Entwurf der Satzungen auszuarbeiten, unter Eingliederung der Ortsgruppen (eventuell der Landesverbände von solchen) und der Delegiertenversammlung. Dieser Entwurf soll einer demnächstigen Delegiertenversammlung zur Feststellung und dann einer Generalversammlung zur Beschlußfassung unterbreitet werden. Die Vorbereitung und Einberufung dieser Delegiertenversammlung wird dem Vorstand überlassen." Den nächsten Punkt der Tagesordnung bildeten die letzten Reichstagswahlen. Der Referent Dr. Jos. Lewy-Berlin gab ein ausführliches Bild von der neugeschaffenen Situation und der Wahltätigkeit, die der Verein, soweit es seine Tendenz zuließ, entfaltet hat. Von den meisten Rednern, die sich an der Diskussion beteiligten, wurde den: Referenten darin zugestimmt, daß die Zunahme der antisemitischen Mandate besonders auch aus dem Grunde bedauerlich sei, weit die lokalen Organisationen der linksstehenden Parteien die von den Zentralleitungen ausgegebene Wahlparole, keine Stimme den Antisemiten zu geben, in vielen Wahlkreisen unbeachtet gelassen haben. Der Bericht des Referenten fand eine dankenswerte Ergänzung durch das Korreferat des Justizrats Dr. Lövinson-Berlin. Auf Anregung des Abgeordneten Dr. Cohn-Dessau wurde folgende Resolution gefaßt: „Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens richtet au alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens das dringende Ersuchen, durchweg — ein jeder in seiner Partei — zu umfassender Bekämpfung des Antisemitismus in die politische Bewegung eiuzutreten." Im weiteren Teile der Verhandlungen beschäftigte man sich mit einer Reihe von aus der Versammlung gegebenen Anregungen. Insbesondere wurde die Frage erwogen, in welcher Weise der Verein am besten wirke, um die christlichen Mitbürger mehr als bisher über die Ziele der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens aufzuklären, die keine Sonderinteressen verfolgen, sondern nur den Anspruch auf die ihnen gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung machen. Insbesondere sei es Aufgabe des Vereins, gegenüber den vielfach herrschenden Vorurteilen aufklürend zu wirken und die christlichen Mitbürger zu bewegen, aus eigenem Gerechtigkeitsgefühl aktiv für die berechtigten Ansprüche der deutschen Juden einzutreteu. s. Berlin, 4.März. Am Sonntag fand die ordentliche Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Theodor Barth statt. Der Geschäftsführer des Vereins, Schriftsteller Kurt Bürger, bemerkte bei Erstattung des Geschäftsberichts, die Tätigkeit des Vereins sei in der Hauptsache eine publizistische, und zwar durch Herausgabe der „Mitteilungen", von Flugblättern und eines Kalenders, um den Antisemitismus zu bekämpfen. Außerdem sei eine Broschüre „Der politische Antisemitismus von 1900—1907" herausgegeben worden. Es feien IV4 Millionen Kalender verbreitet worden. Rentier Salinger berichtete über die Kassenverhältnisse des Vereins. Dr. Barth sprach alsdann über ,,Unsere Stellung zum Antisemitismus in und nach den Reichstagswahlen". Der Verein habe keine bestiminte politische Richtung, er könne auch und wolle auch nicht eigene Kandidaten für die Parlamente ausstellen. Sein Grundsatz sei, diejenigen Kandidaten, ohne Rücksicht auf ihre Parteirichtnng, nach Kräften zu unterstützen, die die Garantie geben, daß sie vollständig frei vom antisemitischen Bazillus seien und daß sie den Grundgedanken der konfessionellen Gleichberechtigung zur Wahrheit machen wollen. Der Kandidat, den der Verein unterstützen solle, müsse auch die Garantie geben, daß er im Falle einer Stichwahl zwischen einem Antisemiten und einem Nichtantisemiten, auch wenn dieser ein Sozialdemokrat sei, rund und klar gegen den Antisemitismus Stellung nehme und in diesem Falle den Sozialdemokraten als das kleinere Uebel ansehe und wähle. (Lebhafter Beifall.) Ungemein bedauerlich sei es, daß bei den letzten Wahlen selbst von freisinniger Seite bei den Stichwahlen dem Antisemitismus zum Siege verholfen wurde. Ja, es haben selbst zwei Herren, die dem weiteren Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus angehören, offen aufgefordert, bei der Stichwahl für den Antisemiten zu stimmen! Die Herren haben sich entschuldigt, daß sie das aus Parteiinteresse getan haben, eine solche Entschuldigung könne selbstverständlich nicht gelten. Er habe in seiner Eigenschaft als Vorsitzender die Herren aufgefordert, aus dem Vorstand auszutreten; dies sei geschehen. Wenn auch der sogenannte Radauantisemitismus anscheinend abgewirtschaftet habe, so bestehe doch der Antisemitismus in viel gefährlicherer Form, der das öffentliche Leben durchdringe. Die konservativen Parteienund derBund derLandwirte seien durch und durch antisemitisch. Direktor Stern äußerte gleichfalls sein Bedauern, daß bei den letzten Wahlen die Freisinnigen, ganz besonders die freisinnige Vo lkspartei' Antisemiten zum Siege verholfen habe. Dr. Barth: Er müsse bemerken, daß leider auch seiteus der Freisinnigen Vereinigung antisemitische Kandidaten unterstützt worden seien. Rentier Charles Hallgarten-

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