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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
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120 „Es ist Morsche," sagte der Vater, umarmte ihn und weinte. Lubliner wandte sich nun zur Mutter und küßte sie. Sie drückte ihn an ihre Brust, und ihre Tränen flössen leise über die Wangen, dann blickte sie ihn an und umarmte ihn wieder. Ihr Erstgeborener! Was für ein Mann! Was für schöne Kleider er trägt, und einen Zylinder hat er wie die reichen Deutschen, die manchmal nach Winniza kommen. Aber keinen Bart und keine Locken! O weh! Ihr Sohn war von den Wegen der Väter abgewichen. Dr. Mae Mechen benutzte seinen Einfluß, daß die Familie Lnbliner zuerst inspiziert wurde, und in kurzer Zeit konnten sie die Vereinigten Staaten von Amerika betreten. Als die Familie mit ihrem Gepäck in den Omnibus saß. den Lubliner gemietet hatte, fuhren sie am Ufer entlang und dann westwärts, bis sie die Zweiundzwanzigste- und Watkinsstreet erreichten. Hier, weit entfernt von den jüdischen Vierteln, hatte Moses ein Haus für seine Familie gemietet. Das schmale, zweistöckige Hans war gut möbliert, und die vielen schönen, neuen Sachen, die sie hier sahen, entzückten und rührten die alten Leute. „Und diese Tische und Stühle, diese Spiegel, all dies ist unser, Moische, mein Kind?" fragte die Mutter. „Alles," antwortete Moses. Und dann, als sie in die Küche ging, was für eine Offenbarung für sie! In Winniza in der Küche nur sehr wenige Küchengerätschaften, und hier unzählige Töpfe, Pfannen, Gläser, Tiegel, und Wunder über Wunder, sogar ein Kochherd. Körbe mit Gemüse und Früchten und frisches Fleisch in einer großen, mit Eis gefüllten Kiste. Solche Reichtümer, solch ein Ueberfluß. Es war zuviel. Sie sank auf den Boden und weinte und betete für den Sohn, den erstgeborenen Sohn, der dies alles getan hatte. Und der Pastor Dr. Mac Mechen sah zu und lächelte gütig über seines Freundes Familie. Niemals in seinem Leben hatte Hirsch Lubliner das Tischgebet gesungen wie an diesem Somrnerabend in Philadelphia. Er saß an der Spitze des Tisches wie ein Fürst in Israel, er, der vor kurzer Zeit noch elende Hirsch Lubliner aus Winniza. Und um ihn herum saßen seine Frau und seine Kinder, drei Söhne und drei Töchter, und der Tisch war für sie gedeckt durch die Freigebigkeit und Liebe ihres ältesten Sohnes. Und diese Nacht schliefen er und die Seinen in guten Betten, in Betten, wie sie sie noch nie gesehen hatten, weder in Winniza noch ans dem Schiff „Niederland". Am anderen Tage kamen andere Freunde Moses', die Fremden zu besuchen. Hirsch fühlte sich nicht wohl in ihrer Gesellschaft. Sie sprachen eine fremde Sprache, nicht ein Wort jüdisch dazwischen. Als sie gegangen waren, sagte Hirsch zu seinem Sohne: „Mein Sohn, wer sind diese Leute? Das sind doch keine Juden?" „Lieber Pater, in Amerika gibt es keinen Unterschied zwischen Inden und Christen. Hier sind alle gleich. Hast Du bemerkt, wie diese Leute sich gegen Dich benehmen? Hast Du die Christen in Winniza vergessen? Hast Du vergessen, wie Sie Dich aus der Straße, wenn Du an ihnen vorüber mußtest, stießen und schrien: „Geh' weg. Du Schwein von einem Juden!" Und diese Leute, was tun sie? Sie rufen Dich „Bruder" und reichen Dir die Hand. Sprich nicht von Juden oder Nichtjuden. Knie nieder und danke dem Herrn, der Dich aus der russischen Verbannung errettet und Dich herausgeführt hat aus dem Joche des Königs des Bösen." „Das Kind hat Recht," sagte die Mutter. „Laßt uns den Höchsten bitten, daß er allen jüdischen Eltern solch ein Glück geben soll in ihrem Alter, wie unser Sohn — möge er leben! — uns gegeben hat. Aber, mein Sohn, gibt es hier keine jüdischen Frauen, mit denen ich ein wenig plaudern könnte?' „In einigen Tagen werde sich Dich in die Synagoge führen, Mutter, und Du wirst dann Deinen Wunsch erfüll: haben." Am Nachmittag trat Moses bei seinem Vater und der Brüdern ein. Er hatte ein kleines, schwarzes Buch in de: Hand, das er ihnen zeigte und sagte: „Habt Ihr schon jemals solch ein Buch gesehen?" Der alte Mann nahm es, und seine Söhne blickten ihn über die Schulter. Es war ein Werk, betitelt: „Das neu, Bündnis." Der alte Mann schlug die erste Seite ans unk begann zu lesen: „Dies ist das Buch der Geschlechter des Ge salbten, Jesus, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams," und dann folgte eine lange Liste Namen. Er wandte die Blätter aufs Geratewohl um und las: „Und es >var am Abend des ersten Tages der Woche, ale die Türen des Hauses, wo die Jünger waren, geschlossen wurden, wegen der Furcht vor den Juden, und Jesus kam und stand zwischen ihnen und sagte zu ihnen: „Friede sei mit Euch!" Und nachdem er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände. Und die Jünger begrüßten den Herrn mit Freuden." Aber Hirsch verstand noch immer nicht. Er schlug wieder einige Seiten um und las: „Pilatus sagte zu ihnen: Soll ich Euren König kreuzigen? Und die Hohepriester antworteten: Wir haben keinen anderen König als Cäsar. Dann gaben sie ihn zum Kreuzigen. Und sie nahmen Jesus und führten ihn hinweg." Plötzlich verstand Hirsch. Er fühlte ein Ersticken im Hälse, und sein Herz schlug fürchterlich. Er warf das Buch mit großer Heftigkeit zur Erd'e und schrie: „Moische, Moische, woher hast Du dieses Buch? Ist es das Buch des Gekreuzigten? O Gott, vergib uns unsere Sünden! Moische, wie kommst Du zu dem Buch?" Einer der Knaben hatte das Buch ausgenommen uud >var im Begriff, es zu öffnen, als der Vater sich auf ihn stürzte, ihm das Buch aus der Hand riß und es vor aller Augen in Stücke zerriß. „Kinder," sagte er, „das ist das Buch des Nazareners; es ist ebenso verboten, es zu berühren, wie es verboten ist, Schweinefleisch zu essen. Das ist das Buch, das über uns Inden alle Leiden von Geschlecht zu Geschlecht gebracht hat. Aber Moische, >vie kommst Du zu dem Buch?" Die Mutter, die die Aufregung gehört hatte, kam herbei und fragte, was geschehen wäre. Moses wurde verlegen. „Der Herr, der gestern mit mir lvar, gab es mir," antwortete er. Hirsch sammelte die Reste des Buches, nahm sie in die Küche und warf sie in das Feuer. „Sag ihm, wenn er mehr davon hat, soll er sie nur mir bringen. Sie brennen sehr gut," sagte er ruhig zu seinem Sohne. Nach einer kleinen Weile ging Moses aus und nahm seine beiden kleinen Brüder mit; erst spät abends kehrten sie heim. (Schluß folgt.! Lrirkkssten der Hrdsktion. A., hier: Die in Nummer 6 mitgeteilte bayerische Ministerialentschließung über die Sabbatruhe ist der „Deutschen Israelitischen Zeitung" in Regensburg entnommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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