Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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119 In meiner Brust. Ich bin nicht Jud', nicht Grieche, Ich schwanke zwischen beiden. Renegat, An diesen heute, morgen an den andern, Und glaube weder Gott noch Menschen mehr. Doch welch geheimnisvoller Zauber hält Mich hier, welch Wunder fesselt meine Schritte, Daß ich muß schau'n wie ein neugierig Kind Die Stätte, wo die Priester neu errichten Den heiligen Altar? Aus Steinen schlagen Den Funken, sie und zünden an die Lampen Des nlächt'gen Leuchters, zieh'n den Vorhang Und setzen Schaubrotlaibe auf den Tisch. Der Weihrauch dampft, sein wohlbekannter Duft Dringt her zu mir und trägt zu alten Zeiten Zurück mich. Unter ihnen seh' ich mich Wie damals, und der alte Aberglaube Beschleicht mein Herz . . . Ach heut' gäb ich gerne alles Hill, Um einen Freund zu sehn, ein Wort 311 hören, Das einen Funken nur vom Trost mir brächte. Zu den interessantesten erzählendell Schriften Longfellows! gehören seine geistvollen „Wirtshausgeschichten", die zuweilen oon köstlichem Humor durchweht sind. In einen: Wirtshaus mi Sudbury „Zum weißen Roß", das über hundert Jahre ang von den nach Boston Reisenden besucht wurde, läßt er allerlei merkwürdige und charakteristische Leute zusammenommen, von denen jeder eine mehr oder weniger absonderiche Geschichte zum besten gibt. Unter diesen befindet sich auch der spanische Jude Edrehi, und dieser erzählt allerlei! Eigentümliches und Originelles aus der Hagadah, so z. B. von dem Todesengel Azrael und von Rabbi Levi, der das Paradies betrat, dort dem Todesengel das Schwert abschwatzte und es ihm nur gegen das Versprechen, hinfort ungesehen über die Erde zu wandeln, wieder zurückgab, von Karl dem Großen und vielen anderen. Alles, was er sagt, fesselt sowohl durch den Stoff wie die sittlichen Folgerungen, die aus der betreffenden Fabel gezogen werden. In der berühmten goldenen Legende, die eine poetische Nachbildung des „Armen Heinrich" des Minnesängers Hartmanns von der Aue ist, ührt uns Longfellow in eine Dorfschule und zeigt uns dort die humoristisch volkstümliche Gestalt des Rabbi ben Israel, mit-einem langen Bart, auf einem hohen Stuhle sitzend, beu Stock in der Hand haltend und den Schulkindern Bibel und Mischna lehrend. Von den schnurrigen Reden des Pädagogen sei hier nur auszugsweise der folgende Dialog zwischen Rabbi \nb Judas wiedergegeben: Rabbi: Rabbi ben Israel bin ich, Im ganzen Dorf kennt jeder mich, Und meinen Schülern sicherlich Bläu' ich viel Weisheit ein. Kabbala, Talmud schätz' ich mehr Wie die Propheten hin und her, Denn besser ist der Bibel Lehr', Doch Mischna, das ist weise. Es reicht mein Ruhm von Ost nach West, Und immer an dem Purimfest Der Wein mir keine Ruhe läßt, Führt mich am Narrenseil, Er macht mich so verwirret dann, Daß ich nicht unterscheiden kann, Ob ich noch rufe: „Fluch Haman!" .. Und „Mardochai Heil". Komm, Judas, her und sage dreist, Ob Du's gelernt hast und nun weißt, Was Rabbinerlehr' es heißt, Wenn Hunde heulen nachts? Jud as: Die Hunde heulen, wenn der Flug Des Todesengels noch ihn trug Und kalt sein Atem niederschlug, So lehrt das Buch, so sagt's. R a b b i: Recht! Weißt Du ferner auch so gilt, Was dann der Todesengel tut, Dem Kranken, der im Bette ruht, Wenn er ans Lager tritt? Judas: Daneben finster steht er. hält Ein Schwert, von dem ein Tropfen fällt Ihm in den Mund, der's Blut vergällt Und bleich ihn färbt damit. Rabbi: Und mm, mein Judas, sage mir: Wer sind die großen Stimmen vier, Tie durch die Welt erklingen hier. Und die kein Mensch versteht? Judas: Die Stiiume der Sonne am Himrnelsdom, Die Stimme des stetigen Murrens von Rom, Die Stimme des Engels im Regenstrom Und die Seele, die heimwärts geht. Nur einmal erregte Longfellow in Amerika heftigen Widerspruch, als er in seiner» sonst ergreifenden Gedicht „Der Judenkirchhof zu Newport" die Bemerkung rnachte, daß tote Nationen nie auferstehen. Es erschienerr Proteste gegen diese seine Behauptung in der: jüdischen Blättern Amerikas zu jener Zeit, und die deutsch-amerikanische Dichterin Minna Kleeberg veröffentlichte eine geharnischte poetische Antwort, die sich irr ihren Gedichten befindet. Doch nahm Longfellow wiederholt Veranlassung, brieflich und auch öffentlich zu erklären, daß man seinen Ansspruch mißverstanden habe, und daß er keineswegs der Ansicht Ausdruck geben wollte, als wenn Israel keine Zukunft habe und nicht zu neuem Leben erwachen sollte. Alles in allem muß der größte Dichter Amerikas zu jenen erleuchteten Männern gezählt werden, die ihre heilige Sendung auf Erden, Licht, Aufklärung und Duldung zu verbreiten, treu erfüllt haben. EKS2 Die Schlinge des Vogelstellers. Von David Felsberg. irr. Unter den Zwischendeckpassagieren auf der „Niederland" befanden sich Hirsch Lubliner mit Familie. Als das Schiff auf der großen Werft bei Washington Avenue anlegte, blickten die Passagiere sehnenden Auges nach dem Hafendamm, ob sie nicht unter den dort Wartenden bekannte, liebe Gesichter erkennen könnten. Schnell waren sie gelandet und kauerten nun zusammen in dem großen Wartezimmer, wo die Inspektion stattfinden sollte. Lubliner und sein Freund, der Pastor, lvurden ins Wartezimmer eingelassen, bevor die formelle Inspektion begann. Lubliner erkannte alsbald Vater und Mutter, die von einer Gruppe Kinder umgeben waren, welche Betten, hölzerne Kasten und anderes Gepäck hüteten. „Vater, Mutter, kennt Ihr mich denn noch?" rief Moische aus »nb stürzte auf sie zu.