Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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118 hatte nicht den geringsten Einfluß auf ihn, vielmehr lehnte er sich stets dagegen auf und nötigte förmlich seine Seele zur Abwehr, sich zum Verteidiger der Duldung im weitesten Sinne des Wortes machend. Wie er in seinen Gedichten gegen die damals in Amerika herrschende und soviel Unheil und entsetzliches Unglück anstiftende Sklaverei seine mächtige Stinnne erhob und feinen Landsleuten die Ruchlosigkeit ihres Verhaltens gegen die Neger zu Gemüte führte, so erklärte er sich auch mit Entschiedenheit gegen die Verfolgung Israels und der Bekenner des mosaischen Glaubens. In Poesie unb Prosa hat er sich der ewig bedrückten u-:d gehetzter: Juden-angenommen und so manches goldene Wort zu ihrer Verteidigung und Würdigung gesprochen. Ebenso zeigte er in seinen Dichtungen ein lebhaftes Interesse und ein inniges Verständnis sowohl für die biblischen Gestalten wie auch für die geschichtlichen Begebenheiten und die glänzerrden Erscheinungen in der Vergangenheit Israels. Sein berühmtes Gedicht, das zum erstenmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte: „Ein Psalm vom Leben", hat gerade dadurch zündend gewirkt, daß die Sprache und Schreibweise der Psalmisten in glücklichster Weise von ihn: nachgeahmt wurde; aber auch der Geist, der in den heiligen Schriften weht, fand in ihn: einen kongenialen und feinsinnigen Interpreten. Zu den hervorragendsten Dichtern der Weltliteratur, die die geschichtlichen Gestalten der Makkabäer in plastischen poetischen Werken mit Meisterhand zu gestalten wußten, gehörte auch Longfellow. Sein in: Jahre 1872 erschienenes „Judas Makkabäus"-Drama legt nicht nur allein für sein dramatisches Können, sondern auch für seine humanitäre Gesinnung ein rühmliches Ze::gnis ab. Die Liebe und Verehrung, die er für die Charaktere, die Leiden und Freuden der Makkabäer empfand, tritt hier mit urgewaltiger Kraft zutage. Sein „Judas Makkabäus" ist eine Verherrlichung des politischreligiösen Heldentums Israels. Longfellow, ein trefflicher Kenner der Bibel und deren Kommentatoren, schildert uns mit geschichtlicher Treue und Lebenswahrheit die sieben makkabäischen Brüder, den schlachtengewaltigen Helden Judas und seine kühnen Genossen, den stolzen Tyrannen Antiochus und das ganze Milieu jener Zeit. Es weht eine wahre und tiefe Begeisterung in dem Stück, die Begeister:u:g eines gläubiger: Mannes, der an den göttlichen Charakter der Bibel und der biblischen Welt glaubt. Er entwirft die Handlung mit jener lebendigen Poesie nnb Anschaulichkeit, die den ausgezeichneten Balladendichter verrät. Welch feines Verständnis er für die Strömungen und Bestrebungen jener Zeit hatte, als die hellenische Kultur mit den: israelitischen Geiste in Konflikt geriet, als der hellenistische Antiochus seinem Volke seine eigene Liederlichkeit aufzwingen wollte, mag schon das nachstehende Zwiegespräch zwischen dem Tyrannen und dem abgefallenen Hohenpriester Jason beweisen: A n t i o ch u s: O Antiochia, Antiochia, meine Stadt! Des Ostens Perle, meine Freud', und Wonne. Das Heiratsgut Kleopatras, der Schwester, Als sie Ptolomäus reicht' die Hand. Jetzt wieder mein und neu von mir erhoben! Ich liebe Dich, ich muß Dich wieder schau'n Mit Deinen Spielen, Deinen Tünzereien, O Stadt der Lust! Mög' im Orontos baden Dein Fuß und meiner! — Jason, mein Hoherpriester. Ich habe Dich erwählt und Du bist mein. Sahst Antiochia Dn jemals, die schöne? Ja so n. Nie, mächt'ger Herr. Anti o ch-n s: Daun hast Du nicht gesehen Das Wunder dieser Welt. Die Davids-Stadt Ist im Vergleich mit ihr ein elend Dorf Und ihre Bürger in: Vergleich mit Griechen Sind rohe Bauern. I a s o n. Ja, sie sind Barbaren und roh. Antiochus: Sie müssen wahre Bildung erst erhalteil.. Sie müssen Götter haben mehr als einen Und Göttinnen dazu. Jason: Sie sollen sie bekommen. Antiochus: Rennbahnen müssen sie bekommeil, Spiele, Bäder, Schauspiele. Götterfeste luld vor allen Die Dionysen. Jason: Sicher alles dies. 9t n t i o ch n s: Beim Herakles! Ich möcht' die Juden sehen Bekränzt mit Efeu, hellumflattert, toll. Mit Thyrsusstäben, unter Paukenschall Und Flötenklang durch alle Straßen rasen Der alten, emftcu Stadt. Ha, ha, ein Spaß, ist's Rur daran zu denken; — warum lachst Tu nicht? Jason: Ich lache innerlich. Manche Stellen besitzen eine außerordentliche dramatische Wucht und Schönheit, so z. B. der Schluß des vierten Aktes, wo Judas Makkabäus den gefangenen Hohenpriester Jason statt zum Tode zum Exil verurteilt, und dieser in einen: Monolog die Weihe des zweiten Tempels schildert. Judas: Auf diesen Tag. den fünsundzwanzigsteu Des Monats Kislew, ward der Tempel hier Entweiht von Fremden — von Antiochus Und von Dir, seinem Sklaven. Heute soll Er sein gereinigt. Du, der zur Entweihung Dich gabst als Werkzeug hin, Du darfst nicht sein Gin Zeuge dieses heil'gen Gottesdienstes; Denn nichts bleibt rein in Deiner Gegenwart. Das Volk hat den Kallisthenes getötet, Der in den Tempel warf den Feuerbraud; Wenn sie dich finden, werden sie Dich morden, Ganz unsehlbar. Ich will dein Leben schonen, llm länger dich zu strafen. Du sollst wandern In fremde Zelte. Du, der du so viele Aus ihrer Heimat triebst, du sollst verderben Auf fremdem Grund. Du, der du unbegraben So viele ließest, sollst hier keinen finden. Der dich betrauert, keine Leichenfeier, Kein Grab bei deinen Vätern. Fort von hier. (Musik, Festzug von Priestern mit Zithern. Zimbeln und Harfen, Judas Makkabäus an ihrer Spitze, zieht nach dem inneren Tempelhofe.) Jason (allein): Durchs schöne Tempeltor seh' ich sie schreiten Mit Palmen, grünen Zweigen, Vlätterschmuek Zum inner» Hof, ach, war' ich doch dabei! Ich sollt' es sein, ich sollt' mit ihnen ziehen. Allein in böser Stunde, wie sie jeden trifft, In einer schwachen Stunde fiel ich ab Vom alten Glauben, finde nicht den neuen, Nur einen äußern Schein davon und Anstrich. Ich kann den neuen Glauben mein nicht nennen, Bin nicht dafür gemacht, er hat nicht Wurzeln