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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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117 durch das Vielerlei zu finden, stehen zahllose andere, die noch immer den Weckruf nicht vernommen, die noch gedankenlos dahinleben, ohne die ungeheure Bedeutung des Wortes Erziehung begriffen zu haben. Beiden Gruppen, den mühsam Suchenden und den Schlafenden, soll das Buch vom Kinde ein Helfer, ein Mahner werden in der Erfüllung ihrer Elternnnd Erzieherpflichten. Eine Schar ernster Frauen und Männer, die auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und des praktischen Kulturfortschritts anerkannte Leistungen aufweisen, hat aus dem Schatze reicher Erfahrung und Beobachtung wertvolle Gaben beigesteuert. Sv sehr Individualität und selbstständige Anschauung jedes einzelnen zum Ausdruck kommen, alle sind geeint in dem großen Gedanken, der unsere neuen Erziehungsideale erfüllt und den doch schon Aristoteles ausgesprochen hat:' „Alle Erziehung darf nur Ergänzung der Natur sein. Es gilt, körperlich und geistig, die besten der vorhandenen Keime in der jungen Menschenpflanze zur Entwicklung zu bringen, die nützlichen und schönen Triebe so zu stärken, daß sie in üppigem Emporschießen die häßlichen, schädlichen Keime ersticken. Die heutigen Gärtner im Kinderland müssen Feinde sein allein Erziehungsdespotismus, allein Brechen und Knechten der Jugend,, aller Dressur, allem schabloneumäßigen Drill. Das ehemals verbotenste Wort in der Kinderstube, die ewig wiederkehrende Frage des Kindes nach dem Warum, wird heute zum Ausgangspunkt fruchtbringender Saat. Menschen sollen erzogen werden, nicht blinde Sklaven, Menschen, fähig aus Erkenntnis und Ueberzeugung, auf Grundlage von Belehrung und Aufklärung das Rechte zu tun." Adele Schreiber hält, was sie in ihrem Vorwort verspricht. Das Werk schafft Aufklärung auf den mannigfaltigsten Gebieten. Während wir es lesen, fühlen wir, vielleicht stärker als je, die eminente Wichtigkeit dieser Aufklärung. Wie wenig wissen z. B. Mütter im allgemeinen von der Vererbung, von der Ethik der Fortpflanzung, von den Mutterpflichten vor der Geburt? Und doch handelt es sich um die Wurzeln, deren Schäden keine spätere Erkenntnis auszugleichen vermag. Ueber Körper und Seele des Kindes, über häusliche und allgemeine Erziehung teilen Erzieher und Aerzte ihre Erfahrungen in einer Reihe von Artikeln mit, deren jeder reich an praktischer Belehrung ist. Daß es die Eltern sind, welche sich erzieheil nlüssen, daß sie es sind, die ihre Kenntnisse zu mehren haben, daß der Anfang das Entscheidendste bleibt, in wechselndem Bilde und Beispiele drücken es die aus, welche auf dem Gebiete der Kindersorschung sich erprobten. Die Fülle des Materials macht es unmöglich, mehr als einen Hinweis hierzu geben. Denn so viel ist im Buche vom Kinde auch über öffentliches Erziehnugs- und Fürsorgewesen enthalten, über die Erziehung und Ausbildung abnormer Kinder, über das Kind in Gesellschaft und Recht, über Beruf und Berufsvorbildung, daß ein Hervorheben des einzelnen als besonders wichtiger Faktor nicht angemessen erscheint?) Das Buch vom Kinde ist, außer in Gesamtausgabe, in zehn Lieferungen zu je 1,40 Mark erhältlich. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe, Nachfrage zu halten, wozu der Mensch stets Geld hat und wozu nie. Zum Bücherkaufen selten. Und doch kann ein Buch zur Wendung in h Bei dieser Gelegenheit dürfen lvir wohl and) darauf verweisen, daß die als Schriftstellerin rühmlichst bekannte Verfasserin dieses Aussatzes selbst ein vortreffliches Buch geschrieben hat, das den Titel „Kinder" führt (Berlin, Axel Junker), in dem uns dieselbe tiefe Blicke in die Kindesseelc gewährt. Für unsere Leserinnen wird es von besonderem Interesse sein, zu erfahre», das; die vielgeschätzte Dichterin auch eine glaubensirene Jüdin ist. Die Red. einem Menschenschicksal beitragen. Linien, die >vir früher noch nicht sahen, treten vielleicht Plötzlich hervor. Neues wird unser. Wir tauschen für Armut Reichtum, vielleicht innere Sonne statt unechten Scheines. Wolken der Angst, des Leides, der Pein können sich lösen. Für Groschen ist uns oft ein Tisch gedeckt. Wir haben nur zuzugreisen! Aber lvir greisen nicht zu. Dazu ist unser Geld nicht da, unsere Zeit fehlt gerade dazu. Wir freuen uns über eine gute Gelegenheit, neue Kleider zu tragen; Gelegenheiten, uns neue Möglichkeiten zll erschließen, lassen lvir gleichgültig vorübergehen. Stumpfheit, Gleichgültigkeit vernichten zahllosere Leben denn das Schwert. Sie töten nur langsamer. Denen, welchen das Buch vom Kinde zu teuer ist, inöchte ich flehend zurufen: „Darbt, spart Pfennige, aber kauft das Buch, damit Ihr Euch belehren könnt über die seelische und geistige Ausbildung Eurer Kinder, damit Ihr lveise Sorgfalt Euch aneignet, nur hilfreichen Einfluß auf sie ausübeu zu können." „Ein junges Menschenwesen hat ilicht genug dainit, daß i mau cs füttert, kleidet und bedient, inag cs auch noch so lieb-! reich geschehen, nicht einmal dainit, daß man es in die Schule schickt und eine gelvisse Menge von Gegenständen lehrt." Die Zeichen, welche Du Deinenr jungen Kiilde in die Seele drückst, verschwinden nie mehr. Deshalb gib acht, »lehr ilvch ans Dich, als auf Dein Kind. — „Nie müßig gehen, das (Sitte tun, das Böse fliehen. Das Kind für diese drei zu bilden, heißt erziehen," sagt Goethe. Die beste Möglichkeit dieses Bildens bei Deinem Kiilde bleibt vorbildliche Selbsterziehung. Bismarck mahnt nt gleichem Sinne: „An sich und für andere arbeiten, in Demut uild itt Selbstverleugnung, nur so werden wir! bestehen; im anderen Falle geheil wir zugrtinde." j Und ebenso hat Rückert jedem von uns die weise War-! uuug gedichtet: „Die Fehler, die zu tief Dir lvaren eingeprägt, Sie plagen Dich noch lang, wenn D» sie abgelegt; Zum Vorschein kommen sie an Deinen Kindern wieder, Und durch Erziehung kämpfst Tu sie noch einmal nieder." Longkellow unv Israel. j Von Dr. Adolph Kohnk. merika hat die Wiederkehr des hundertsten Geblirtstags Hseines größten Poeten in dieser Woche würdig begangen; aber nicht allein das Weltreich jenseits des großen Teiches hat 1 alle Ursache, das Andenken an den genialen Dichter, der soviel dazu beigetragen, daß Amerika in glänzender Weise in der Weltliteratur vertreten ist, pietätvoll zu feiern, sondern auch alle Freunde der wahren Humanität, für die die Menschen- und Nächstenliebe kein leerer Wahn ist, haben gewiß anläßlich dieses Säkulartages sich dessen erinnert, daß unsterbliche Genien nicht allein durch ihre bahnbrechenden und schöpferischen Werke, sondern auch durch ihre reinen, geläuterten, auf die höchsten Ziele gerichteten idealen Bestrebungen die Anerkeunnilg der Nachwelt verdieneit. Zll diesen Fackel- und Bannerträgern der Wahrheit lind des Rechts, zu diesen vorurteilslosen Geistern, die, keinen Rassen-, Glaubens- und Nationalitätenhaß kennend, lediglich dem Zuge ihres edlen Herzens folgend, für Menschenrechte, Menschenwürde und Menschenfrerheit cinkraten, gehörte auch der gefeierte amerikanische Dichter Henry Wadsworth Longfellow, einer der vielseitigsten und frnchtbarstenLyriker, Epiker, Novellisten und Essayisten seines Volkes. Der alte unduldsame Geist, der sich vielfach in seiiter Heimat kundgab.

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