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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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116 handelt immer gut und politisch, wenn er in einem Augenblick, wo ungünstige Ereignisse ihn betroffen haben, seine Kräfteanstrengt, irgend etwas bedeutend Wohltätiges für die Zukunft zu stiften und es an seinen Namen anzuknüpfen." — Das ist's! Nie leistet der Mensch, wenn er etwas ist, mehr, als in den Tagen der Not und der Drangsal; nie ist ein Stamm, ein Volk, wenn es noch Lebenskraft besitzt, heldenmütiger, als in den Tagen der Gefahr! Wäre unser Geschick nicht gar zu traurig, ich könnte dem Himmel danken, daß er unfern wachsenden Reichtum durch die großen Pflichten für die Gesamtheit vor Mißbrauch, vor Versumpfung und Verlotterung wenigstens teilweise bewahrt. Hand aufs Herz, genügte nicht die Begeisterung manch eines einzelnen, um die notwendige Summe dem Judentums opfern zu können! — Aber, ivenn wir schon Humboldts Mahnung uns zu Herzen nehmen wollten, an wessen Namen sollen wir die Stiftung anknüpfen? Ein katholischer Theologieprofessor wird nicht ernannt, ehe nicht die Regierung bei dem bischöflichen Stuhle Rückfrage hält, ob der Kandidat genehm ist. Bei welcher jüdischen Behörde soll die Regierung eventuell wegen des jüdischen Theologieprofessors Rückfrage halten? Beim Gemeindebund. Solange eine kirchliche Organisation uns fehlt, hoffentlich nicht allzulange, würden wir gerne den Gemeindebund mit dieser wichtigen Obliegenheit betrauen. — Doch wohin gerate ich! Noch ist der erste Groschen für diesen Zweck nicht gegeben, und ich verrenne mich in kleine Detailfragen. Bin ich nicht ein Träumer, ein idealistischer Träumer? Ach, lassen Sie mich träumen. Sie aber verwirklichen den Traum. Deutsche Juden, allen voran! Und wenn es nicht einer tut, tut es alle! Scharet Euch um Euer Judentum! Schaffet ihm den Ehrenplatz, der ihm in dem geistigen Schatzschreine des deutschen Volkes, an den deutschen Universitäten, gebührt. Dein Feinde zum Trotz zeiget Euch würdig jenes erhabenen Idealismus', von dem unser Stamm seit Jahrtausenden getragen ist, des Strebens nach Weltbeglückung, nach dauernder Verbrüderung der deutschen Bürger, des Strebens nach gegenseitiger Anerkennung und Liebe. Las Such vom Kinde. Von Franziska Mann. er jüdische Familiensinn gilt nicht mit Unrecht für besonders tief. Dennoch sollten kluge Eltern nicht unbedingt auf denselben bauen. Auch diesem vielgerühmten Familiensinn, droht längst die gleiche Gefahr, wie sie die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern „in der Welt da draußen" umschleicht. Die Zeit des Scheidens von gewissen ehrwürdigen Traditionen ist gekommen. Heute zum Beispiel noch blindes Folgen, vollständige Unterwerfung unter den elterlichen Willen zu verlangen, kann sich nur als Niederlage für die Eltern erweisen. Sie zahlen auf jeden Fall ihr „gutes Recht" teiter, denn sie ernten Rebellion, inneres Widerstreben, selbst bei äußerem Nachgeben. Spötter haben höhnisch bemerkt: „Man gebärde sich, als habe man das Kind erst neuerdings entdeckt." In gewissem Sinne haben diese Gedankenlosen Recht. Tatsächlich unterschätzten frühere Generationen die Tiefe der Kindesseele. „Ach, es ist ja nur ein Kind." Wie oft entfliehen den Lippen der Erwachsenen, die es „gut meinen", diese Worte, den Lippen der Großen, deren „Gutmeinen" so hart, so gefühllos, ja >u roh sein kann. „Ueber uns'rer Kindheit Da lag eine drohende Faust, Unsere stillen Freuden Haben sie zerzaust. Das gab so tiefe Wunden Wie nie ein Dolch sie sticht; Man kann sie vergessen — verträumen... Heilen kann man sie nicht." — Kann wohl dieser Schmerzenshauch Zloustüs glei gültig an einem Menschen vorüberklingen? Die, welchen; io Gnade einer wahrhaft durchsonnten Kindheit zuteil wur 0. mögen sich wieder einmal über die volle Größe dieser Schicksal - gäbe, gerade während sie diese Worte vernehmen, klar werde ,, und jene, welche unter der Last freudlosen Dunkels dem Leb u entgegenschreiten mußten, was sie fühlen, ist gewiß nicht a Worte zu kleiden. Zwischen diesen beiden wandelt das He r der Unzähligen, die von „guten" Eltern ahnungslos mißhandelt wurden. Diese Bezeichnung klingt übertrieben, ab i sie ist es nicht. Denn neben seiner Empfindungstiefe ist de , Kinde eine schier riesenhafte Widerstandskraft eigentümlü Es ist nicht leicht fürs Leben zu verstümmeln — iinm v wieder vernarben seine Wunden, immer wieder schaut «s erwartungsvoll auf die Erwachsenen, die sein Schicksal sin\ Viele, viele Jahre später, erst wenn es längst kein Kind me! v ist, rechnet es ab. Vielleicht nur mit einem Seufzer — vielten t nur mit ein paar Tränen — vielleicht klagt es in Zorn od r Bitterkeit: „Vater, Mutter, was habt ihr aus mir gemacht Einst bezeichnete der Begriff „Elternliebe" fälschlich etw Unsehlbares. Allmählich hat man entdeckt (das Wort „ei deckt" ist gar nicht so übel, als es manchem erscheinen wir, >, daß nichts sehlbarer ist, als die Liebe der Eltern. Jrrtüin t auf diesem Boden rächen sich grausam, sie können Menscheßleben kosten. Es ist natürlich, daß mit der wachsenden Erkenntnis d c Zahl derjenigen gesteigert wird, die zum Schutze des Kind ■■ etwas sagen zu müssen sich für berechtigt halten. Dem Jahrhundert des Kindes sind die Tore geöffnet. In verschiedenste r Form will Verständnis, will Schonung für das Kind erkümp t werden. Nicht vieles ist von wirklich praktischer Bedeutnn Des Ueberspannten, des Unausführbaren, müssen wir nic-t wenig über uns ergehen lassen. Statt aufgeklärt, mag manch-;■ Gemüt verworren werden, und manche Mutter erzieht an: ihrem eigenen Instinkt heraus richtiger, als nach den „idealer ' Ratschlägen Unberufener. Von weittragendster Bedeutung muß hingegen „Das Buch vom Kinde" angesehen werden, welch, Adele Schreiber soeben im Verlage von B. G. Teubnee herausgegeben hat. Wenn ich auf dieses Werk hier Hinweise, so handelt es sei um keine Buchbesprechung, sondern um einen Wert, den Elten i vorzuenthalten Schuld genannt werden könnte. Das Buch vom Kinde gleicht einer Burg, in der Sie n aufStein sich zu festem Gefüge verschmilzt; es ist einSammUwerk für die wichtigsten Fragen der Kindheit, unter Mitarb- :t zahlreicher hervorragender Fachleute. Adele Schreiber sell st erklärt am besten, was sie mit ihrem Werk bezweckt: „Wer l >c Kinder hat, hat die Zukunft. In hundertfältiger Variatü» predigen dies Volkserzieher, Sozialreformer, Rassenhhgieniken Eine Fülle neuer Erziehungsschriften haben die letzten Jab-c gebracht, und eine Reihe von Zeitschriften ist der Erörterung von Kindheitsfragen gewidmet. Aber gerade die Mannigfaltigkeit macht es oft schwer, das Beste zu wählen, wirkt leint verwirrend. Und neben denen, die bestrebt sind, ihren Weg

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