Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228755--63347-3297234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
115 |ii l'ere§ eigenen religiösen Lebens, des Judentums, wäre buch- *1, blich unermeßlich. Ich halte die Einreihung der jüdischen r evlogie unter die Ordinariate der Universitäten für den »Shlußstein der dauernden gesetzlichen Anerkennung unserer Ip-eichberechtigung. Wenn ein Jude preußischer Minister In :vbe, wäre es noch immer erst ein Jude, der kraft seiner I, oßen Fähigkeit alle Schranken niedergerissen Hütte; würde ji uut) an der Berliner Universität neben den Protestanten si ileiderer und Harnack ein etatsmäßiger ordentlicher Pro- , fov jüdische Theologie lehren, dann dürften wir von voll-! iudiger Parität sprechen, die dem Judentum geworden. Und , so viele Geister, wie viele Herzen könnte, müßte der jüdische b pcologieprvfessor dem Judentum znrückgewinneu! Wir , ärden schon darüber wachen, daß das Beste auf diese Warte i stellt werde! Hochsinnig und vornehm, edel und durchbildet, ' isseuschaftlich und begeistert, ein Mann der Rede, des erl eisenden Wortes, fähig, „seinen Schülern ein Bild freier und oßer Gesinnung in die Seele zu prägen, vor allem Liebe lr Wahrheit", würde er die jüdische Jugend sich selbst wiederden und manch einem Christen, den Neugier und Interesse : den Hörsaal führt, bessere Erkenntnis leihen, welche dieser eileicht einst in führender Staatsstellung benutzen würde, um rrtum und Vorurteil zu zerstreuen. Welche weite Perspektive eröffnet sich uns durch diese Lehrmzeln für die Ausgestaltung des Judentums! Weder ein abbiner, noch ein Seminarlehrer besitzen jene bedingungslose ehrfreiheit, die ein nur vom Staate eingestellter Professor der wischen Theologie besäße. Sicherlich muß ein solcher uncdingt auf dem Boden unseres geschichtlichen Lebens stehen, u die positiven Grundlagen des Judentums überzeugüngstreu iaubeu, nicht anders, >vie ein protestantischer oder katholischer heologe an die seinen; darüber hinaus jedoch braucht seine orschertätigkeit keine Grenze, keinen Einhalt zu kennen, sarnm konnte es das moderne Judentum bis jetzt noch zu inem religionsphilosophischen System bringen? Will ein Heist über die Gottesauffassung des Christentums, über seine eligiosität, überfeine Ethik, über welche Phase seiner Religion imer, Aufschluß haben, stehen ihm ganze Bibliotheken zur -erfügnng; will ein modern denkender Jude über sein Juden-;tiit solches erfahren, findet er kaum da und dort ein uncnügendes Büchlein. Es gibt zwar Gelehrte, die des Jndenums Systemlosigkeit als einen besonderen Vorteil ausehen, 5 wäre dadurch jedes Juden eigenes Erlebnis, wäre elastischer, anen religiösen Gedanken zugänglicher. Durchaus unrichtig, ie Systemlosigkeit hat das Judentum nicht gehindert, den | ctrefakt des sogenannten Gesetzes aufzurichten, nnd nicht hindert, sich im Mittelalter feindselig neuen Ideen und Gemken entgegenzustellen. Ich gebe zu, daß in der Entstehnngsck des Christentums die Systemlosigkeit des Judentums für eses ein Glück bedeutete, heute ist sie für einen gebildeten ideu fast unerträglich und nicht zuletzt Ursache dafür, daß das , tbentum in den Singen vieler mehr als das Baud des lammes, denn als eine Religion erscheint. Die Systemlosigkeit s Judentums muß beseitigt werden! Wer aber soll das 'in? Nur eine Stätte gibt es, wo auch die jüdisch-theologische . arschung in vollster Unabhängigkeit sich bewegen kann: die > liversttät. Unbehindert wird da auch der jüdische Theologe »er Bibel und Talmud, über Gesetz und Brauch > >d Religion schreiben und sprechen können, dadurch >aiipuls gebend für ein reges Interesse um unser religiöses a inenleben. Man wird mir vielleicht entgegenhalten, daß ich die > oßen, imposanten Verhältnisse der protestantischen Theologie if das kleine Judentum übertrage, ohne zu bedenken, daß sich das ndentum doch nicht so viel Lehrstühle für jüdische Theologie arrogiereu darf, als Universitäten sind. Habeil doch die Katholiken in Deutschland bloß sieben Universitütsfaknltäten, und welchen Einfluß nehmen ihre Professoren auf die Entwicklung des Katholizismus? Gar keinen! Doch nicht die Zahl ist entscheidend. Zweifellos würden wir uns vorläufig mit vier Professuren zufrieden geben, mit je einer in Berlin, Breslau, Leipzig und München, denen sich dann zwei österreichische in Wien und Prag anschließen sollten. Und schon diese könnten Enormes leisten. Denn die katholische Theologie ist tatsächlich kaum eine Wissenschaft, weil bei ihr der Inhalt der Forschung von vornherein seststeht und keiner katholischer Theologieprofessor werden oder bleiben kann, der sich dem widersetzt. Die jüdische Theologie dagegen ist gleich der protestantischen wirkliche Wissenschaft, und wenn nur zwanzig jüdische Theologen au den Universitäten lehren und wirken, vermögen sie im Laufe der Zeit Berge versetzeil, eine Wandlung zu vollziehen, segensvoll für das Judentum und die Juden. Nun aber merke ich schon, wie Ihre Gednld zu reißen beginnt und Sie mir gern zurufen möchten, ob ich denn nicht wisse, in welchen Zeiten und Ländern wir leben!? Da Vereine erstehen, die sich das Ziel stecken müssen, die Freiheit der Juden vor nackter Vergewaltigung zu schützen, da von Tag zu Tag Stück um Stück von nnserm Rechte abbröckelt, sollen wir au den Staat herantreten und Lehrstühle für jüdische Theologie an vier Universitäten fordern? Der Staat soll für uns weit über eine Million Mark investieren? — Nein, das soll er nicht; w i r sollen es ihm anbieten; wir Juden, wir sollen es dem Staate zur Verfügung stellen. Lebten wir in England oder Amerika, würde man an eine andere Modalität gar nicht denken. In diesen Ländern erhalten sich die Universitäten ausschließlich aus eigenen Stiftungen; ich erinnere nur an den Milliardär Carnegie, der Millionen und Millionen für Universitäten gestiftet hat. Vor nicht langer Zeit ging durch alle Zeitungen die Nachricht, daß ein Herr Moses Sl. Dropsie in Philadelphia über drei Millionen Mark zur Gründung einer jüdischen Universität in Amerika gestiftet hat. Warum soll das in Preußen und Oesterreich nicht bezüglich jüdischer Theologieprofessuren geschehen können? Wenn der preußische Staat die Stiftung des Juden James Speyer mit Jubel willkommen geheißen und die erste Vorlesung des amerikanischen Rechtslehrers besonders feierlich veranstaltet hat, warum sollte die Aimahme einer Stiftung für jüdische Theologie an vier Universitäten auf unübersteigbare Hindernisse stoßen? Sie werden mir antworten, daß alle maßgebenden Kreise sich gegen die Kreierung dieser Professuren aufs allerenergijchste aussprechen werden. Möglich, daß sie es heute tun, daß ihnen der Gedanke, die jüdische Theologie iverde gleichsam ex ol1ö an den Universitäten gelehrt, jetzt noch geradezu unfaßbar verkommt, möglich auch morgen, auch in zehn Jahren. Aber einmal wird der Widerstand gebrochen. Da muß das Geld sein, und unermüdlich muß das Verlangen gestellt werden. Es kann und wird eine Zeit kommen, die unsere gerechte Forderung billigen wird; jwerden wir sofort bereit sein, den glücklichen Augenblick wahrznnehmeu, wird es eine der größten Taten sein in der Geschichte der deutschen Juden. — Ja, aber woher Geld nehmen? Haben wir denn nicht genug und genug zu tun? Kostet die innere Abwehr nicht Tausende? Und Rußland, Rumänien, welche Unsummen verschlingen die? An Studien, Universitäten kann man in friedlichen Zeiten denken, nicht aber heute, wo wir alle unsere Kräfte anspannen müsse», um uns vor den politischen und wirtschaftlichen Schlägen zu schützen. Wohl wahr, nur zu wahr. Und dennoch! Lassen Sie mich Ihnen ein Wort des großen Wilhelm von Humboldt in Erinnerung bringen: „Ein Staat, wie ein Privatmann