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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 113

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 113 (sequence 5)
Language
German
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113 9er Berband verlangt dringender, und wie es scheint mit Erfvlg, -aß der Prozeß Herzenstein den finnischen^Gerichten abgenommen -nd russischen Gerichten übertragen werde. lleberdies wird das Einschreiten der ausländischen Konsuln in Odessa benutzt, um en Zaren in nationalistischem Sinne zu beeinflussen. In inein Artikel der „Rußkoje Snamja", des Organs des Schwarzen Hunderts", wird gesagt, man solle nicht vergessen, aß Generalgouverneur Kaulbars nur dem Kaiser, aber nicht ndischen und englischen Konsuln verantwortlich sei, vor denen fswolskh, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, ittere. Die „Rußkoje Snamja" verösfeiitlicht überdies täglich Depeschen, die an den Kaiser gerichtet werden mit der Forderung, er solle Selbstherrscher bleiben. Das Blatt ist auch n der Lage, mitzuteilen, daß auf Vorstellungen des Verbandes ier Persviien, die wegen Anteilnahme an Pogromen zu Zwangsarbeit verurteilt waren, begnadigt worden sind. Unter diesen Umstünden rechnet man in politischen Kreisen uit der Möglichkeit, daß trotz des Volksverdikts bei den Bahlen die Regiernngspvlitik vollkommen unter den Einfluß es „Verbandes des russischen Volkes" gelangt, so daß eine rsprießliche Tätigkeit der Duma ausgeschlossen erscheint. »AM Iudenanglk. Von Tr. M. Spanier, Seminardirigent in Munster. man wird das Wort vergeblich in den deutschen Wörterbüchern suchen. Es ist ein neuer Besitz, gewissermaßen eine koloniale Erwerbung. Doch will ich zunächst nichts verraten. Was ist Judenangst? Man wird meinen: die Angst >vr ben Juden, jene Gemütsverfassung, die dem Antisemitismus o häufig zugrunde liegt. Nein. In diesem Sinne ist das Bort nicht gebraucht. Es soll eine sehr große Angst bedeuten, ilso soviel wie Heidenangst. Aber in dieser Weise kann man as Wort nicht ableiten. Denn das Wort „Heiden" dient in ener Zusammensetzung nur als Verstärkung. „Die Vorstellung es Schrecklichen, Ungeheuern, die sich an Heide knüpft, wendet ich zu der „im hohen Grade, überaus" — so erklärt das Deutsche Wörterbuch. Es bleibt nur übrig, daß man bei der Bildung des Bortes angenommen hat, die Juden, denen man ja so gern illes Schlechte zuschiebt, seien besonders ängstlich. Es ist hier licht der Ort, darüber ein großes und breites zu reden. Beder in ihrer Rasse, noch in ihrer Religion sind Grundlagen ur Entwicklung dieser Eigenschaft. In der Regsamkeit und Lebendigkeit des Willens- und Gemütslebeus, in ihrer Aktivität iberhaupt liegen stärkere Antriebe gerade zum Mute. Und so pricht man vom Makkabäermute, aber nicht von der Judenmgst. Und eine Religion, die wie die jüdische eine Religion 'er Sehnsucht und des Höffens ist, eine Religion des Optimismus, die das Leben und die Freude am Leben fördern lud läutern will, enthält nicht Keimstoffe für blasse Furcht- Das Wort des Psalmisten: „Gott ist mit mir, ich fürchte nichts, vas könnten mir Menschen tun!" (Ps. 118, 6) hallt durch Israels Geschichte. Sein durch Gottvertrauen gestählter Mut >at es in Geschicken erhalten, wie sie kein Volk bisher erduldet lat. Aber gerade diese Geschicke, könnten sie nicht hier und 'a den Verfolgern sichtbarlich die Judenangst gezeigt haben? Ran muß das zugeben. Wenn dem Gequälten die Selbstwehr ogar als- Verbrechen angerechnet wurde, wenn die gemeine lebermacht ein Häuflein rechtlos bedrängte, gewiß, da mag mancher Jude die Fassung verloren haben — aber einer Angst n solcher Lage braucht sich nicht der Verfolgte zu schämen, sie ist die schlimmste Anklage des Verfolgers vor dem Throne Gottes. Solche Angst ist jeglicher Kreatur eigen, man kann sie nicht denen als Attribut beilegen, die am meisten der rohen Ungerechtigkeit ausgesetzt sind und die doch, als Gemeinschaft, selbst solche Qualen so innerlich gefestigt überstanden haben, wie vielleicht kein anderes Volk auf Gottes Erdboden. Vor mir liegen vier Hefte über die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika. „Auf Grund amtlichen Materials bearbeitet von der Kriegsgeschichtlichen Abteilung l des Großen Generalstabes." Jedes Deutschen Herz muß höher schlagen, wenn es von den Heldentaten unserer Truppen im fernen Afrika liest. Welch wundervoller Heroismus ini Kampfe gegen einen wilden Feind und gegen eine feindliche Wildnis, die mit ihrer Dürre den Tapferen die schlimmsten Opfer auferlegt! Nicht ohne Rührung kann man von diesen gewaltigen Mühen, von dieser so unerschrocken und still bewiesenen Tapferkeit lesen. Jeder Soldat ein Held. „Mit Einbruch der Dunkelheit wurde das Feuer auf beiden Seiten schwächer, um wieder aufzuflackern, sobald irgendwie Bewegung beim Gegner bemerkt wurde. Es konnte etwas Brot in der Schützenlinie gereicht werden, aber keiner vermochte es zu schlucken, die Zunge klebte allen am Gaumen. Vor allem litten die Verwundeten unter dem Wassermangel. Major von Nauen dorff lebte mit seinem Unterleibsschuß noch über 24 Stunden. Er bot, von Durst und Schmerz gequält, 1000, dann 10000 Mark für einen Schluck Wasser. Als ihm aber der selbst verwundete Sergeant Wehinger den letzten Schluck Rotwein aus seiner Feldflasche bot. da wies er den heißersehnten Trunk mit den Worten ab: „Trinken Sie das selbst, lieber Kamerad, Sie müssen wohl noch zu Ihrem Geschütz zurück, mit mir ist's doch bald aus!" (Heft 4, S. 50 f.) Mit Recht folgt kein Wort der Reflexion diesem erschütternden Bericht. Es könnte auch den Eindruck der erzählten Tatsache nur abschwächen. Aber einen großen Dichter — Detlev von Liliencron hat solch heroische Selbstverleugnung zu einer Ballade begeistert, die Tapferen zu ehren. Vornehm, schlicht und sachlich, wie man es gewohnt ist, ist die Darstellung des Generalstabswerkes. Um so mehr ist man verwundert, das; — das Wort kommt. „Das Wort!" Wer von uns hat nicht schon jenes Gefühl gehabt? Mit ganzem Herzen gibt man sich hin. Man fühlt sich eins mit seiner Nation. Da kommt das Wort, der Nadelstich. Man nenne das nicht Ueberempfindlichkeit. Wer über gewisse Dinge sich in seiner Ehre nicht gekränkt fühlen kann, der hat eben — ein besonders abgehärtetes Gemüt. Gewiß ist eine Hornhaut gut gegen Nadelstiche. Aber selbst der hürnene Siegfried hatte eine Stelle, an der er verwundbar war. Ein Wort gegen die Mannesehre muß immer verletzen. Im Generalstabswerk steht das Wort: „Judenangst". Allerdings, ja allerdings sagt das Wort Samuel Isaak. „Vor uns und hinter uns," sagt Samuel Isaak, „rechts und links krepierten die Granaten, wir waren alle ganz bleich, solche Judenangst hatten wir und dachten: o Gott, o Gott, wie soll das enden?" Wer ist Samuel Isaak? Der Name klingt verdächtig. Ebenso verdächtig wie Moses Meier (S. 65 a. a. O.). Aber Moses Bieter und Samuel Isaak sind keine Glaubensgenossen — von uns. Wir legen ja auch wirklich gar keinen Wert ans solche Brüder. Zuschieben wollte man uns ja schon einige dieser Herrschaften. Man kennt doch noch die mit autoritativer Geltung verbreitete Nachricht vom Rabbinerssohn aus der Nähe von Posen. Aber auf Seite 31 des vierten Heftes findet man nun doch die Notiz: „Abraham Morris, 35 Jahre alt, ivar Treiber der Postkarre in Warmbad gewesen, sein Bruder

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