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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 selbständig Schulen zu begründen, sondern die an vielen Orten, auch in orthodoxen Kreisen sich zeigenden Bestrebungen, profanes Wissen zu erwerben, den hebräischen Unterricht zu modernisieren, in ein System zu bringen, durch praktische Fächer zu ergänzeu, Handwerk und Gewerbe zu fördern. Der Vertreter der Gemeinde Krakau. Herr Dr. Fischlowitz, richtete an die Konferenz eine schriftliche Eingabe, in welcher über die Gegenstände der Beratung (planmäßige Gestaltung des hebräischen Unterrichtes, Angliederung eines profanen Unterrichtes, wo es an einem solcher: fehlt, Schaffung einer Organisatiorr, um nur approbierte, pädagodisch vorgebildete hebräische Lehrer und hygienisch zulässige Räumlichkeiten für die Cheders zuzulasseu) ausführlich .gesprochen wird. Im Eingänge, der Zuschrift heißt es: „Daß das hebräische Unterrichtswefen in den konservativen jüdischen Kreisen Galiziens, wie es gegenwärtig gestaltet ist, nach einer durchgreifenden Reform ruft, daß der Unterricht des Hebräischen und der damit in Verbindung stehenden Fächer, wie es einem großenTeile unserer Jugend gegenwärtig geboten wird, allen rationellen Anforderungen geradezu Hohn spricht, daß das „Cheder" Physisch und geistig verderblich wirkt, unterliegt keinem Zweifel. Und doch kann und darf es nicht geleugnet werden, daß der weitaus größte Teil unseres konservativen Judentums hierzulande einer Reform auf diesem Gebiete noch immer mißtrauisch und feindlich begegnet. Bei Lösung dieser heiklen Frage muß daher mit besonderer Vorsicht und Geduld vorgegangen werden, aber gehandelt sollte werden, denn aussichtslos wäre nach meiner Ansicht diese Aktion nicht, und der hehre Zweck, um der: es sich handelt, soll zu Versuchen anspornen." Herr Dr. Munk-Lemberg befürwortete eingehend die geplante Aktion. Herr M. Schmelkes-Krakau beantragte, daß die Konferenz sich besonders mit der Verbesserung der Mädchenerziehung befasse. Herr Oberrabbiner Schnur erklärte namens der anwesenden orthodoxen Rabbiner, daß sie für die von der Allianz ergriffene Initiative sehr dankbar wären, und bereit sind, an der Lösung der sehr schwierigen Probleme mitzuwirken. Sie seien aber in dieser Versammlung in zu geringer Anzahl, um bezüglich der einzelnen vorgelegten Fragen Beschlüsse fassen zn können. Herr Professor Dr. Herzel-Brody beantragt, daß ein Fragebogen au jene Gemeinden in Galizien gesandt werde, in welchen keine geregelten Schulen bestehen, um in Erfahrung zu bringen, in welchem Umfange ein profaner Unterricht dort eingeführt werden könnte; die Herren Rabbiner Dr. Margulies-Drohobyez und Dr. Bau-Tarnow erklärten, daß die Anregung der Allianz in ihren Gemeinden besonders fruchtbaren Boden finde, da dort Schulorgmiisationen, wie sie von der Allianz vorgeschlagen wurden, bereits in Bildung begriffen sind. Es wurde nun folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die versammelten Gemeinderabbiner und die Vertreter der israelitischen Gemeinden nehmen dankend das Bestreben der „Israelitischen Allianz" entgegen, die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung durch Hebung des Schulwesens unter Berücksichtigung konservativer Ansichten in der Weise zu bessern, daß die dahin zielenden Bestrebungen zur Selbsthilfe durch Unterstützung gefördert werden, und erklären es für wünschenswert, im Einverständnisse mit noch anderen orthodoxen Rabbinern, bei einer neuerlichen Enquete Mittel und Wege zu suchen, uni die humanen und dem Judentume nützlichen Bestrebungen der Allianz zu verwirklichen. Die Israelitische Allianz wird höflichst ersucht, die Aktion fortzusetzen und eine neuerliche informative Versammlung einzuberufen." Dr. Kaminka dankte der Versammlung namens des Vorstandes der Israelitischen Allianz und erklärt, daß, wenn seitens der Herren Rabbiner und Vertreter der Gemeinden Galiziens konkrete Anträge gestellt werden sollten, auf welche Weise die der Allianz wohl bekannten Schwierigkeiten überwunden werden könnten, die Vorschläge jederzeit wohlwollendste Beachtung und soweit als möglich Unterstützung finden würden. Von den nicht persönlich erschienenen orthodoxen Rabbinern hat seine Zustimmung schriftlich Herr Rabbiner Gedalje Schmelkes aus Przemysl ausgedrückt; ferner hat sich der in Galizien allgemein verehrte chassidische Rabbi Uri Zolles in Sambor Herrn Tr. Kaminka gegenüber persönlich mit der Aktion der Allianz einverstanden erklärt. * Bei den Wahlen zur Duma haben die Juden in Ruß land, wie sich nun herausstellt, schlecht abgeschnitten. Es sind im ganzen bis jetzt nur drei Juden gewühlt worden, urm zwar die Herren Rechtsanwalt Abrahamsohn in Kownv Ingenieur Rabbinowitz in Jekaterinoslaw und der Kaufmann Schapiro in Mitau. Das ist alles. Wilna, Minsk, Witebsrn Grodno und viele andere sichere Wahlbezirke sind den Jude verloren gegangen. In allen großen jüdischen Zentren sin > sie unterlegen. Die besten Männer wie Winawer, Grusenberc, Ostrogorski, Lewin, Sliosberg werden der neuen Duma fehler. Und was das Traurigste bei der Sache ist: diese Niederlag haben die russischen Juden sich selbst zuzuschreiben. Ihre Uneinigkeit, ihre Trennung in verschiedene Parteien um Parteichen, das Treiben der Leute vom Bund, die Separations gelüste der Zionisten, alle diese Umstände haben die Niederlage bei den diesmaligen Dumawahlen zu Wege gebracht Auch die Voraussetzung, daß sie, wie im vorigen Jahre, di Unterstützung der Bauern finden würden, hat sich als unge rechtfertigt erwiesen. Die Bauern wurden, wie berichtet wird von Gutsbesitzern und Klerikalen in entscheidendem Moment, geschickt von den Juden abgesperrt und so gründlich bearbeitet daß sie mit der anderen Seite Blocks bildeten. An anderer Orten Haber: die Juden dem Zusammengehen aller nicht jüdischen städtischen Elemente gegen das jüdische den Verlust verschiedener als sicher betrachteter Mandate zuzuschreiben In Polen siegte auf der ganzen Linie die nationale Demo kratie, die im letzten Moment mit antisemitischen Einschüch terungsversuchen glücklich operierte. Das ist ein traurige- Ergebnis, das auch dadurch nicht geändert wird, daß noch hü und da zwei oder drei jüdische Abgeordnete gewählt werde: dürften. In Rußland liegen die Verhältnisse eben anders al in anderen Ländern Europas. Dort muss en Inden in der Dünn sein und zwar solche, welche geeignet und gewillt sind, für di Rechte ihrer hartbedrangten Glaubensgenossen mutig und ent schieden einzutreten, die aber auch außerdem das Ansehe: haben, innerhalb der freisinnigen Parteien immer und imme wieder die Judenfrage aufs Tapet zu bringen. Wir habe: schon in der letzten Nummer berichtet, wie es in der „Parte der friedlichen Erneuerung", die sich doch auch eine fortschritt liche nennt, in dieser Beziehung zugeht und wie gering bis Hoffnungen sein können, die die Juden auf diese Partei setze: dürfen. Man kann sich übrigens denken, mit welchen Mitteln be den Wahlen gegen die Juden gearbeitet worden ist. Aus eine: litauischen Stadt wird berichtet, daß der Bischof die Bauer:, versammelt und ihnen eine rechte Büßpredigt gehalten habe Als das nicht half, erzählte der Bischof, er sei voriges Iah: beim Zaren gewesen. Der Zar habe sich über die treu- Bevölkerung des Gouvernements sehr gefreut, bei eine: Erwähnung der Gleichberechtigung der Juden aber eine weg' werfende Geste gemacht. Schließlich kniete der Bischof vor de: Bauern nieder und beschwor sie im Namen Gottes, ihr Versprechen, mit Juden zusammenzugehen, zu brechen; der Wort bruch sei in diesem Falle keine Sünde, da es gelte, da Christentum zu retten. Das wirkte. Die Bauern schwiege: erschüttert und willigten schließlich ein. Sie wurden in Volkshaus gebracht, wo sie die ganze Nacht von der Poliz^ bewacht wurden. Nachts kam der Adelsmarschall und dankt den Bauern. Jetzt erklären die Bauernwahlmänner, ihr Abstimmung bei den Wahlen sei nicht die Folge eines freie Willensentschlusses gewesen. Im übrigen wird die Lage in Rußland wieder einma sehr ernst betrachtet im Hinblick auf den Einfluß, den de „Verband des russischen Volkes" ans den Zaren ausübt

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