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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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111 „Die heute tagende Akademiker-Versammlung erblickt in dem steigenden Zuzug kulturell minderwertiger Elemente aus dem Osten an die deutschen Hochschulen eine Gefährdung ihres nationalen Charakters und verwahrt sich gegen den Mißbrauch deutscher Gastfreundschaft, der bei den letzten Wahlen von slawischen und jüdischen Studenten aus Rußland durch Beteiligung an der sozialdemokratischen Wahlagitation geübt wurde. — Die Versammlung bittet das Kultusministerium, sich mit den anderen Bundesregierungen ins Einvernehmen zu setzen, um durch einheitliche Regelung der Aufnahmebedingungen von den deutschen Hochschulen Elemente fernzuhalten, denen zum Teil sogar der Zutritt zu den Hochschulen ihres Heimatlandes verwehrt ist, und die nach ihrem sittlichen und intellektuellen Bildungsstande sich nicht in den Rahmen deutscher Hochschulen einfugen lassen, deren Charakter als Brennpunkte nationalen Lebens wir nachdrücklich gewahrt wissen wollen." Die Bemerkung, daß den russischen Juden zum Teil sogar der Zutritt zu den Hochschulen ihres Heimatlandes verwehrt ist, zeigt, daß dies alles bloß aus antisemitischer Engherzigkeit geschieht. Leider müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß die — wie gesagt — künstlich angefachte Agitation weitere Kreise ziehen wird. Wie man uns berichtet, haben Leipziger Professoren bereits eine Eingabe an den sächsischen Landtag gerichtet, den russischen Juden den Besuch der Leipziger Universität ganz zu verbieten. Es ist deshalb dringend notwendig, beizeiten die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. * Im Württembergischen Landtag hat in der vorigen Woche eine Debatte stattgefunden, die leider auch von gegnerischer Seite gegen die Juden weidlich ausgenutzt werden wird. Der neugewählte volksparteiliche Abgeordnete Dr. Mayer- Ulm hat es für ersprießlich erachtet, in seiner ersten Rede den Hirtenbrief des Bischofs Keppler von Rothenburg einer ebenso scharfen wie taktlosen Kritik zu unterziehen. Er zog sich dabei sogar eine Rüge des Präsidenten zu. Dem Zentrumsabgeordneten Dr. Späth -Biberach blieb es Vorbehalten, die treffende Antwort zu geben. Aber Herr Mayer gab sich damit nicht zufrieden. Am folgenden Tage kam er auf die Sache noch einmal zurück, indem er in einer persönlichen Bemerkung erklärte: „Der Abgeordnete Schrempf soll während meiner gestrigen Rede gerufen haben: „Was geht das den Juden an?!" Ich bin hier in meiner Eigenschaft als Abgeordneter der Stadt Ulm, nicht als Jude. Man hat sich hier nicht umsonst über die mangelhaften Resultate eines Teils unserer Bildungsanstalten beklagt." Im Verlaufe der Debatte nahm auch der Zentrumsabgeordnete Graf das Wort, um auszuführen: „Herr Mayer hat gestern einen Ton in die Verhandlung hineingetragen, der bisher nicht beliebt wurde. Gerade die Glaubensgenossen Mayers haben am wenigsten Veranlassung, den konfessionellen Hader zu schüren. Auf Grund seiner Ausführungen möchte ich bezweifeln, ob die Qualität der Bildnngsanstalten der Juden über jeden Zweifel erhaben ist. Bei seiner Kritik des Hirtenbriefs hat Mayer davon gesprochen, daß der Bischof seine Schafe scheren oder schlachten möge. Ich muß diesen Ausdruck zurückweisen, denn er ist nicht nur gegen das Zentrum, sondern gegen das ganze katholische Volk gerichtet gewesen. Wir aus seiten des Zentrums sind überhaupt viel liberaler als Herr Mayer. So z. B. ist Windthorst für die Beibehaltung des Schächtens eingetreten. Bei Herrn Mayer heißt es, wie bei vielen seiner Gesinnungsgenossen: „Freiheit, die ich meine; für die anderen keine." Uebrigens habe ich gehört, daß bei Anlegung eines Friedhofs in Ulm Mayer für die Einrichtung einer besonderen Abteilung für die Israeliten eingetreten ist." Hierauf erwiderte Dr. Mayer nach dem stenographischen Bericht: „Das Gegenteil ist wahr. Ich habe die Auffassung, daß die Israeliten nicht so weit von ihren christlichen Mitbürgern entfernt sein möchten, wie dies vielfach im Leben der Fall ist. Windthorst hat sich allerdings für die Beibehaltung der Schächtung ausgesprochen; ich glaube aber, daß manche seiner Nachfolger Grund haben, sich davor zu fürchten." Wenn man auch zugeben muß, daß der Abgeordnete Mayer Recht hat, wenn er erklärt, als Vertreter der Stadt Ulm und nicht als Jude im Landtag zu sitzen, so muß man doch auch auf der anderen Seite die Zeitverhältnisse berücksichtigen und jedes Hervortreten eines Juden gegen Andersgläubige, das nicht provoziert ist, gerade in unseren aufgeregten Tagen entschieden mißbilligen. Es ist ohne Zweifel das gute Recht eines volksparteilichen Abgeordneten im württembergischen Landtag über den Hirtenbrief eines Landesbischofs zu sprechen — aber es ist durchaus nicht notwendig, daß gerade ein Jude sich zum Dolmetsch und Vertreter dieser Angriffe für eine Partei erhebt, die so viele begabte und energische Mitglieder zählt, welche, ohne ihrer Glaubensgemeinschaft zu schaden, das Thema objektiv erörtern können. Daß wir die antisemitischen Ausfälle, in denen sich jetzt verschiedene Herren des Zentrums gefallen, sehr bedauern, ist selbstverständlich. Auch das war nicht die Art Windthorsts! Der Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien" hat in Erwägung, daß sich die wirtschaftliche Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien in erster Reihe durch die Hebung des Kulturniveaus der breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung gedeihlicher gestalten könnte, sich seit längerer Zeit mit der Frage der Förderung des jüdischen Schulwesens in diesem Lande unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse der konservativen jüdischen Kreise befaßt. Auf Grund verschiedener Berichte und Anregungen hat der Vorstand in der Plenarsitzung vom 30. Januar d. I. im Prinzip beschlossen, solche Schulen, die in vollem Maße das Vertrauen der religiös gesinnten jüdischen Bevölkerung genießen, zugleich aber den modernen Anforderungen entsprechen, nach Möglichkeit zu unterstützen und den Vereinssekretär Rabbiner Dr. A. Kaminka ermächtigt, sich mit konservativen Rabbinern und Vertretern der in Betracht kommenden jüdischen Gemeinden in Galizien in Verbindung zu setzen, um irr einer gemeinsamen Besprechung die Linie festzustellen, auf welcher sich eine Aktion der „Israelitischen Allianz" unter voller Zustimmung und ersprießlicher Mitwirkung der konservativen Bevölkerung bewegen könnte. Am 12. Februar fand zu diesem Zwecke eine Enquete in Lemberg im Saale des dortigen Kultusrates statt. Es fanden sich aus konservativen Kreisen die Herren Rabbiner Brande aus Lemberg, Oberrabbiner Abraham Schnurr ans Tarnow, Rabbiner Natan Lewin aus Rzeszow, Rabbiner Aron Lewin ans Sambor, M. Schmelkes aus Krakau, ferner die Rabbiner Dr. Caro und Dr. Guttmann aus Lemberg, Dr. Margulies aus Drohobyez und zahlreiche Vertreter galizischer Genieinden ein. Die Versammlung wurde durch Herrn Emil v. Mises als Obmann- Stellvertreter der Filiale der „Israelitischer Allianz" in Lemberg eröffnet. Zum Vorsitzenden wurde Herr Lazar Bloch, Kultusvorsteher und Obmann der Allianz-Filiale in Brody, zum Schriftführer Herr Rabbiner Dr« Margulies in Drohobycz ernannt. Herr Rabbiner Dr. Kaminka legte in einem eingehenden Expose die Bestrebungen der „Israelitischen Allianz" dar und hob besonders hervor, daß es dem Verein gänzlich fern liege, in die religiöse Sphäre einzugreifen, und es sich hauptsächlich darum handle, in denjenigen weiten Kreisen Galiziens, wo außerordentliche Not und Armut herrschen, unter Gewährung aller für die Religiosität erforderlichen Garantien die moderne Schulbildung als wichtiges Mittel für den Kampf ums Dasein zu propagieren. Es sei auch nicht die Absicht der Allianz, 1 §

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