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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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bewirken und Ordnung in diesem Chans zu schaffen, können Lustren, ja Dezennien von Jahren vergehen. Es sind ja zunächst so viele Völkerschaften und Sekten zu berücksichtigen mit so vielen divergierenden Forderungen und Bestrebungen. — Mißwollen wird ihnen von allen Seiten reichlich entgegengebracht. Wo ist auch der Herkules, der vor allen Dingen erst den russischen Augiasstall reinigt und in einen leidlichen Zustand versetzt? Uild übrigens denkt ja der Zarismus gar nicht daran, sich seines Absolutismus zu entkleiden. „Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", inszeniert er eine parlamentarische Farce nach dem Grundsatz: „Wasch' mir den Mantel, nur mach ihn nicht naß." Alles, was da herauskommen kann, wird ein gefügiges Asterparlament sein oder die ewige Dumaauflösung. I'ai luriunt monkes, na8ceUuridiculus mos. Dies embarras de richesse von Parteien und Fraktionen — es sind ihrer über 30. sage dreißig! — muß eine wahre babylonische Verwirrung schaffen, noch toller als im ehemaligen polnischen Reichstag. Der Rest aber sind die kleinen Pogrome, die „unentwegt" bald in Südrnßland, bald in Bessarabien oder anderswo wie ans Kommando ausgeführt werden. Und Herr Kruschewan, der Pater des Pogroms von Kischinew, droht gar mit einem „Meer von Blut", durch das man noch in Rußland werde waten müssen, ehe die „Ordnung" wieder hergestellt sein wird. Europa aber schweigt nach wie vor und läßt sich von Rußland Vorschläge für die nächste Friedenskonferenz machen. Dir Woche. Berlin, 5. Mürz. ie Tatsache, daß bei den letzten Reichstagswahlen die Antisemiten eine Reihe von alten und neuen Mandaten der aktiven Unterstützung durch Liberale und Freisinnige zu verdanken haben, ist von uns bereits erwähnt worden. Allerdings kann nicht in allen Fällen den Wahlkreisorganisationen oder den Vertrauensmännern dieser Parteien eine offizielle Parole zugunsten des Antisemiten nachgewiesen werden. Ob es sieben oder gar elf Mandate, wie einige Blätter herausrechnen, gewesen sind, die die Antisemiten durch Hilfe der Liberalen ans diese Weise erobert haben, ist aber nebensächlicher Natur gegenüber der prinzipiellen Tragweite dieser Versündigung am liberalen Geiste. Die „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus" bringen darüber ein stattliches Material. Sicher nachweisbar ist die Unterstützung der Antisemiten durch Freisinnige in den Wahlkreisen Eschwege-Schmalkalden, Weimar-Apolda und Meißen-Großenhain. In Kassel und Eisenach und — wenn wir die Wahlkreise hinzurechnen, wo die den Antisemiten nahestehenden Kandidaten der Mittelstandsvereinigung gewählt sind — in Wanzleben und Goslar haben den Ausschlag zugunsten der reaktionären Kandidaten die Nationalliberalen gegeben, die ja schon seit langer Zeit in jedem Antisemiten grundsätzlich das „kleinere Uebel" gegenüber einem Sozialdemokraten erblicken. Ob sie sich dabei noch im Einklang mit einem ihrer hervorragendsten Parlamentarier aus der Glanzperiode der Partei, Rudolf Gneist, befinden, ist allerdings eine andere Frage, oder vielmehr keine Frage. In welcher Weise der freisinnige Kandidat und die freisinnigen Vereine im Wahlkreis Eschwege-Schmalkalden sich zur Unterstützung des Antisemitismus haben mißbrauchen lassen, ist auch bereits erörtert worden. Das „Schmalkaldener Tageblatt" berichtete mit großer Genugtuung, „daß die frei sin u , und die nationalliberale Partei in erfreulichem Maße di Kandidatur des Herrn Raab unterstützt habe". Einen schwarzen Fleck auf dem Ehrenschild des Libero, jz mns bildet das Verhalten der Freisinnigen in Weimar, s „ Liebermann v. Sonnenbergsche Blatt brachte in seiner letzic, Nummer vor der Stichwahl folgendes, vom 2. v. M. datie.ie: Privattelegramm aus Apolda: „Da der Kandidat des Bundes der Landwirte in Erlange« Fürth seine Wähler auffordert, geschloffen für den Kandidaten de Volkspartei zu stinimen, fordert der freisinnige Parteivorstand z, Weimar im Einverständnis mit der Zentrale z» Berlin nnd mi Schulinspektor Weiß alle Freisinnigen in Weimar-Apolda auf, in i\' Stichwahl geschlossen für Graef einzntreten." Das Telegramm berichtete leider die Wahrheit. Nebei de sei noch bemerkt, daß an der zu Ehren des neugewählten a ls semitischen Abgeordneten in Weimar veranstalteten Sieges: je alich der nationalliberale (und antisemitische) Abgeordnete >ei Nachbarkreises Jena-Neustadt, Herr Lehmann, teilnahm, j> dessen Wahl sich der volsparteiliche Abgeordnete Dr. Müll > Meiningen zwischen Haupt- und Stichwahl so sehr ins Zuu legen zu müssen glaubte. In Meißen-Großenhain haben ebenfalls die Freisinnig ei in der Stichwahl durch aktives Eintreten für den Antisemi oi Gäbel zur Wahl eines ausgesprochenen Reaktionärs beigetrag i, Die „Deutsche Reform" berichtete frohlockend: „Die Konservativen wie die Freisinnigen nnd ihre Kandide oi gaben Erklärungen dahin ab. Gäbel in der Stichwahl zu Wähler Hoffentlich ist diese für den Liberalismus so überaus schämende Angelegenheit mit diesem Stichwahlergebilis v >tl nicht erledigt. (Vergleiche den Bericht über die Genewl Versammlung des Abwehrvereins im „Geineindeboten".) $ An den deutschen Universitäten wird wieder eimri ein künstlich angefachter Rummel gegen die Ausländ c: inszeniert. Man versteht darunter natürlich nur die russist n Juden, wie auch verschiedene Herren nrit großer Offenheit erkl.ir haben. Die anderen Ausländer läßt man sich gern gefall n Es ist aber sehr charakteristisch, daß in einer Akademil.r Versammlung, die sich mit dieser Frage beschäftigte, der bekau Wochenschauer der „Kreuzzeitung", Herr Prof. Schiemann, in selbst ein Balte ist, das große Wort geführt hat. In ei n zweiten Studentenversammlung erstattete das Referat Hr> Prof. Samassa, der aus Laibach stamnit! Beide Herren eifer ci gegen die jüdischen Studenten ans dem. Osten als Auslä» o — was soll man dazu sagen? Als Grund der Agitation wird angegeben, daß sich rnssii I) jüdische Studenten soweit vergessen hätten, bei den letz >'i Wahlen der Sozialdemokratie Hilfsdienste zu leisten. Ist ui; in der Tat vorgekommen — was erst noch bewiesen wer c» muß — so kann es nicht scharf genug getadelt werden, und r» Betreffenden werden ihre gerechte Strafe erhalten. Darum am das Kind mit dem Bade auszuschütten, die Unschuldigen ü> die Schuldigen zu bestrafen, den armen Wissensdurst: Jüngern, die sehnsuchtsvoll zu den Stätten der Wissenscl as im Westen pilgern, deren Tore verschließen zu wollen, o>> stets für alle weit geöffnet waren, welche aus dem Quell Wissens trinken wollen, das ist eine geradezu unerhörte Gr ui samkeit, die nur durch die entsetzliche-Verblendung erklär »l wird, mit welcher der Antisemitisnrus leider so viele Mens: >.'> geschlagen hat. Die Resolution der Berliner Akademi e Versammlung bleibt ein trauriges Denkmal dieser Verirrwul Sie lautet:

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