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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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II Jahrgang. Nr. IO. Berlin, 8. März 1907. Heilung des Judentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. lese Zeitung erscheint Wöchentlich. Abonnenten ts-pr eis: durch Buchhandel c )er Post (in Berlin u. Vororten durch unsere!>erkriebsst-llen) bezogen vierleljährl. 3 M. redaktenr: Gustav ^arxeles. Begründet von Rabbiner Dv. Ludwig Philippsou. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresie Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag vou Rudolf Mosse, Berlin. Sdella. Berlin. 5. März. 0dessa, die Hauptstadt des klassischen Chersonesos Taurica, die Richelieu am Strande des Paulus Euxinus erbaute, igt einen durchaus kosmapolitischen Charakter und beherbergt |ir seiner rohen Hafenarbeiterschaft einen Pöbel schlimmster Art. mtm ohne Zweifel hat der „Verband der echten russischen kiänuer" diese Stadt zur Hochburg seines Zarenpatriotismus In sersehen, um ihn mittels Gummischläuche den Juden Rußlands einzupeitscheu und diese von regierungsgegnerischen l' ahlgelüsteu zu kurieren. Eine bloße Judenverprügelnng ist ja noch kein Pogrom was wird man sich da groß echauffieren? Mehrere hundert l uden sind nach den Spitälern abgeführt und zahlreiche andere Il otlos geworden. Das Blutbad dauerte fünf Tage, mährend |i sicher aller Verkehr und Handel stockte. Die Konsuln und l! mden Vertreter des Handels sahen sich endlich gemüßigt, en Protest einzureicheu — nicht aus Humanität, sondern I s geschäftlichen Interessen, denn die Börse mußte geschlossen |u rden, ebenso die Universität. Der oberste Hüter der Ordnung, Generalgouverneur |' tuI6ar§, fühlte sich aber trotz alledem nicht veranlaßt, einschreiten, wiewohl er doch sonst den kleinsten Zusammenlauf |i rinöge der ihm durch den verstärkten Schutz, alias Begerungszustand, zustehenden Macht allseinander knuten ließ. Wie, wenn nun die Sache umgekehrt läge? Nehmen wir 101: Nach dem Muster der bekannten Scheffelschen Fabel vom unter Alexander und dem Bauer käme der Vorsteher der | i dischen Gemeinde zum gestrengen Ordnungsverwaltungschef it der Klage: „Euer Exzellenz! Die Juden haben die Russen - schlagen!" „Was?!" schreit dieser weiter, „das sollt ihr i sißen!" „Verzeihen Sie, Exzellenz! Ich habe mich versprochen, i e Russen haben die Juden geschlagen." „Ja, Jude, das ist > rnz was anderes." So wird Gerechtigkeit geübt gegen die im heutigen Rußland Schwachen! — Nachdem die Urwahlen zu Ende sind und as Btlltwerk geschehen, wurden pro forma einige Arre- ' erungen vorgenommen und leichte Strafen diktiert. Es sind; i alles nur junge Personen, oder unter zwanzig. Wer wird enn da viel Aufhebens machen? Das Sprichwort des Russen. >omit er sein Rechtswesen karikiert, behält doch unter Ken Umständen recht: Djelo podjelom — sud po forma schlage den Prozeßweg ein, doch das Gericht ist nur der Form wegen da). Der da solche Justiz übt. ist einer der unrühmlichen elden, die so wenig Tapfermut den Japanern gegenüber bewiesen, aber so herzhaft wehrlosen Juden gegenübertreten. General Kuropatkin hat sie in seinem Kriegswerk bloßgestellt, und nun soll das arische Ordal, eine auch von feiten dieses tapfern Judenschlägers all denselben ergangene Aufforderung zum Duell, seine Unschuld beweisen. Welch ein Rattenkönig von Farcen! Er handelt jedoch sicherlich nur im höheren Austrage und führt als Zarenstütze die Order der Oberführer getrelilich aus. Daran ist kein Zweifel. Das geheime Zirkular der Tretja Otjetenie, der dritten Abteilung oder einer andern im Ministerinm des Innern bestehenden Verwaltungsabteilnng, wird ungefähr so lauten: „Wir benachrichtigen Ew. Exzellenz, daß in der nächsten Zeit der Verband der wahrhaft russischen Männer sein Werk wieder aufnehmen wird. Lassen sie den Dingen ihren Verlauf, doch verhüten sie möglichst aufregende Niedermetzelungen und Weibervergewaltigung — des Auslands wegen! Wir bauen auf Ihren Takt und Ihren Patriotismus." So und nicht anders wird es in Rußland gemacht. Und die Zivilisation steht diesem Treiben machtlos gegenüber und sieht dem allem mit verschränkten Armen zu. — Und in der nächsten Zeit soll ja zum zweiten Male der Friedenskongreß in Brüssel, die Schöpfung des Friedensfürsten, des Beherrschers aller Reußen, unter dessen Szepter diese Greueltaten Vorgehen, seine Sitzung halten. Wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit des Berliner Kongresses vom Jahre 1879, da Rumänien einen Verweis erteilt und dieses Land zu einer milderen Behandlung seiner jüdischen Untertanen ansgefordert ward, was nun freilich wenig genutzt hat. Damals flog auch das geflügelte Wort dem russischen Kanzler Fürsten Gorkschakoff zu : „Es hat jedes Land seine Inden, die es verdient." Heute könnte mau das Wort umkehren und sagen: Es gibt verschiedene Länder in Europa, die bessere Juden haben, als sie verdienen. Wird etwas Aehnliches nicht auch auf dem nächsten Friedenskongresse geschehen und keine Stimme sich erheben gegen diese russischen Barbareien, gegenüber welchen die rumänischen nur Kinderspiele sind? Wagt man sich mit seinem Rüffel nur an die kleinen Mächte und läßt die nordische Großmacht feige aus? O, dann ist alles ja nur eine bloße Farce — das ganze Friedenswerk und die ganze Humanität . . . Wollen sich die Großmächte diese Gelegenheit entgehen lassen, das zerrüttete Vertrauen ihrer Völker in den Segnungen der Kultur und Religion wieder zu befestigen und so der Hydra der sozialen Revolution und Anarchie mit einem Schlage den Garaus zu machen? Aus der ganzen, unter behördlicher Assistenz vor sich gehenden Dumatätigkeit wird ja doch nichts hcrauskommen, mindestens nicht für unsere unglücklichen Brüder. Denn ehe an sie die Reihe kommt, ihre Rechte und Gleichstellung zu

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