Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 9. Berlin, I. März 1907. Der Oemeindevote. Deilage zur „Allgemeinen Leitung deK IndentnmK". korrelponden?m und Machrichtm. Deutschland. s. Berlin, 25, Februar. Seitens der hiesigen jüdischen Gcmeillde sind seit zwei Jahren Kurse eingerichtet wurden, lvclche bezlveckeu, Sem inari stin nen Gelegenheit 31t bieten, sich auch in sämtlichen Fächern des jüdischen Religionsunterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. Die Dauer der Kurse, deren Besuch unentgeltlich ist, beträgt, entsprechend der Dauer des Seminarbesuches, bei vier Stunden wöchentlich drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit soll eine Abschlußprüfung stattfinden und über derer: Ergebnis den Teilnehmerinnen ein Zeugnis ausgestellt werden. Der Besuch der Kurse ist auch geprüften Lehrerinnen gestattet. Der Nnterricht findet Montag und Donnerstag nachmittags statt. Leiter der Kurse ist der Rektor der Mädchenschule der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Dr. Entmann, Kaiserstraße 29/30, der Anmeldungen entgegennimmt und zu jeder weiteren Auskunft gerrr bereit ist. Berlin, 18. Februar. Au: 12. 0, M. hielt in der Wissenschaftlichen Bereinigung jüdischer Lehrer und Lehrernuneu zu Berlin Rabbiner Dr. Blumenthal einen Vortrag über 1 „Grundlinien zn einem Lehrbuch der uachbibli scher: Geschielfte". Arrknüpfend an die neueren Erscheinungen auf den: Gebiete des jüdisch- (nachbiblisch-) geschichtlichen Religionsunterrichts stellte der Resererrt sich die Aufgabe, der: Grundriß eines Lehrbuches zu skizziere!:, das etrva den Scbülerr: und Schülerinnen der ersten Klasse der hiesigen Religionsschulen in die Hand gegeben werden könne und das ihnen nicht bloß die Kenntnis der wichtigster: Tatsachen und der hervorragendsten Persönlichkeiten der jüdischen Religionscntwicklnng vermitteln, sondern sie auch zu treuer Bervahrung und Mehrung des Erbes der Vergangenheit und zu opferfreudiger Erfüllung der zukünftigen Aufgaben des Judentums befähigen solle. Der jüdisch-geschichtliche Religionsunterricht habe für die nachbiblische Zeit dasselbe zu leisten wie der biblische Geschichtsunterricht für die biblische Zeit, d. h. er habe der Jugend Musterbilder religiösen und sittlichen Lebens vorzuführen, au ihnen die Hauptepochen der jüdischen Religionsentwicklnng ,^u lebendiger Anschauung zu bringen und den Entschluß zu wecken und zu festigen, den großen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte in Glaubeustreue, Bekenntnismut und religiös-sittlicher Lebensführung nachzueifern. Zn diesen: Zwecke enipfahl der Referent, den reichen Geschichtsstofi etwa vom Erlöschen des Prophetentums bis auf die Gegenwart in drei Hauptperiodeu vorzuführen, die aber rächt nach einzelnen Begebenheiten oder Personen, sondern nach dem geistigen Schaffen ihrer Träger abzugrenzen seien: 1. die Periode der Gesetzeslehrer (zirka 500 vor bis 500 nach), welche die Ausbildung des jüdischen Religio::sgesetzes, aber auch die Fortbildung der prophetischen Ideen (Halacha und Haggada) durch die Soferim, Tanuaiu: und Amoraiu: darzustellen habe; 2. die Periode der Rabbiner (500— 1500), welche die weitere Ausgestaltung des jüdisch-religiösen Lebens und Denkens durch die Geonim, Poskim, Pajtauim, Bibelerklärer und Religionsphilosophen darzustellen habe; 3. die Periode der Berührung und Auseinandersetzung des Judentums mit der ntodernen Kultur (seit 1500), welche zu zeigen habe, wie das Judentum immer n:ehr aus der Abgeschlossenheit des Mittelalters heraustritt, seinen Platz in: geistigen Leben der Neuzeit einniuuut und behauptet, und unter Befvahrung seiner geschichtlichen Eigenart und seiner besonderen religiösen Aufgabe seine Stellung und Gelt:u:g als idealer Kultursaklor im modernen Völkerlebeu fordert und erhält. Jede dieser drei Hauptperioden sei durch ihre typischen Vertreter zu ennzeichnen, die, sowohl Kinder als auch Herren ihrer Zeit, deren geistigen Gehalt, ihr Ri::gen u::d Kämpfe!: in sich verkörpern; aber diese führende:: Persönlichkeiten seien: durch unmittelbar aus den Duetten geschöpfte Eiuzelzüge (Schicksale, Leistungen, Aussprüche, auch Legenden) in der Form abgerundeter Lebens- und Gharakterbilder darzustellen, da die Persönlichkeit sich nur an lebendig erfaßten Persönlichkeiten bilden könne. Nicht ::m das größere oder geringere Maß des Geschichtsstoffes ha::dle es sich, soi:dern darum, daß der Entfvicklungsgang des Judentums, sein aktiver und passiver Anteil an der Kultur der Menschheit, das Walten der Vorsehung in der Geschichte der jüdischen Religion als etwas Großes und Ruh:nreiches klar erkannt und warmherzig angeeignet werde. Die Kraft des Martyriums, da die Jugend in der jüdischen Religiousgeschichte kennen lerne, werde sie zur Standhaftigkeit und Treue in der Erhaltung und Wahrung des väterlichen Erbes anspornen und befähigen. An den Vortrag schloß sich eine eingehende, lebharte und interessante Diskussion, welche bei mannigfacher Verschiedenheit der Meinungen in Einzelheiten doch als die allgemeine Ansicht ergab, daß ein Lehrbuch, wie das von Herrn Dr. Blumenthal gezeichnete, wohl 'wünschenswert, bei der spröde:: Natur des darzubietenden Stoffes aber gewiß nur schwer zu schaffen sei. — Der Antrag Levy- Bernhardt auf Abänderung des Wahlmodus wurde angenommen, die Beschlußfassung über den Antrag Kolodzinski auf Erhöhung der Zahl der Vorstandsmitglieder vertagt. x Bet litt, 20. Februar. Graf Pückler-Klein-Tschirue wurde gestern nachmittag um 4 Uhr aus den: Hotel, in dem er Logierte, von einem Kriminalbeamten abgeholt. Das auf drei Atonale Gefängnis lautende Urteil ist kürzlich rechtskräftig geworden, ohne daß der Graf sich zun: Strafantritt geu:eldet hatte. Graf Pückler wurde deshalb zur Verbüßung der Strafe nach den: Gefängnis in Tegel gebracht. u. Dresden, 18. Februar. Ein schmerzlicher Verlust hat unsere Gemeinde und mit ihr weite Kreise betroffen. I:: der Nacht von Donnerstag zu Freitag hat der Rentier Albert Wolf nach laugen: Leiden im 06. Lebensjahre seine Augen zum letzten Schlummer ge schlossen. In ihn: verliert nicht nur die Familie ein ihr teures Haupt, sondern auch die Glaubensgemeinschaft ein hervorragendes Mitglied, die jüdische Wissenschaft einen aufopferungsvolle:: Förderer und Mit arbeiter. Bis zun: Versagen seiner Kräfte hat der Verstorbene unserer Gemeinde in den verschiedensten Pflichteukreisen treue Dienste geleisiet, Frömnügkeit und Werke der Menschenliebe fördernd, für Verbreitung religiöser Bildung wirkend. Als Vorsteher des israelitischen Armennnd Fremdenvereins hat er dessen Bedürfnisse Jahre hindurch, ohne daß es jemand erfuhr, znm großen Teile selbst bestritten, und als er sich persönlich den: Ehrenamte nicht n:ehr widmen konnte, blieb er die Zuflucht in jeder Not. Vor seiner wahrhaft vornehmen Persönlichkeit schwand der Unterschied von hoch und niedrig, er unterschied nur gut und schlecht. Mit der Krone eines idealen Lebens geschmückt, selbstlos Gutes lvirkend, 'Not lindernd und Freude schaffend, bescheiden und still lebend, mit seinen: Sinnen und Sorgen den: Edlen zugewandt, unu Albert Wolf, unterstützt von seiner edlen Gattin, eine Zierde unserer Gemeinde. Weit jedoch hinaus über die Grenzen unserer Stadt reichte die Bedeutung Wolfs auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft. Obgleich er nicht den: Gelehrten-, sondern den: Kaufmannsstande angehörte, hat er seine geistigen und materiellen Mittel in den Dienst der Wissenschaft gestellt und besonders in der Pflege der jüdischen Kunstgeschichte den wesentlichen Inhalt seines Lebens erblickt Grundlegend sind seine Aufsätze über jüdische Kunst und jüdische Künstler, durch Einfachheit und Bescheidenheit in gleicher Weise ausgezeichnet :vie durch gelehrte Gründlichkeit. Unvergängliches aber hat der Verschiedene als Sammler und Schatzgräber geleistet im Dienste der Geschichte und Kulturgeschichte des von ihn: so heiß geliebten Judentums. Schon die zeitgenössischen Forscher ließ er gern ans den von ihm entdeckten Erkenutnisgnellen schöpfen und tat ihnen zu diesen: Zivecke freudig sein Haus gastlich auf, wenn sie zu ihn: gepilgert kamen. Doch hat er auch dafür Sorge getragen, daß selbst künftige Gelehrtengeschlechter ihren Wissensdurst aus diesen Onellen stillen können. In hochherzigen: Entschlüsse hat er seine kostbare