Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Gehst Du in die-Schule?" „Schule? Nein. Ich habe keine Zeit." „Aber Du solltest abends hingehen. Hier ist eine Karte für unsere Abendschule." Als er von ihrer Tür wegging, blickte er auf die Karte und versuchte sie zu entziffern. Abends zeigte er dem Polizisten, der an der Ecke seiner Straffe stand, die Karte und bat ihn, er möchte ihm den Weg dorthin zeigen. Es war die Presbyterianische Mission in Fitzwater Street, wo er von dem liebenswürdigen und doch ernst blickenden Superintendenten empfangen wurde. Moische wurde nach seinem Namen gefragt und dann wurde ihm gesagt, daff er fortan nicht mehr Moische, sondern Moses genannt werden würde. Er wußte, daff das so sein müsse, denn auch beim Schneider hatte man ihn so genannt. Er wurde mit anderen Knaben in eine Klaffe vereinigt und lernte die Anfangsgründe der englischen Sprache; aufferdein wurde er während seines regelmäffigen Besuches der Schule im wesentlichen im christlichen Glauben sorgfältig unterrichtet. Er fand das Christentum, wie man es ihn lehrte, durchaus nicht abstoßend. Zn Hanse, in Winniza, war es ganz anders. Dort behandelten die Christen die Inden wie Vieh, das sie mit Stöcken treiben konnten; dort waren prächtige Kirchen mit geinalten Bildern und Figuren, Priester in goldgestickten Gewändern, alles furchterregend und schrecklich für das jüdische Kind. Hier aber waren einfach gekleidete Leute, die sich für ihn interessierten, ihm Kleider, gelegentlich auch Geld schenkten, sich Mühe gaben, ihn die englische Sprache zu lehren, ihm gute Bücher zn lesen gaben, ihn. in ihre Familie einluden und wie einen Verwandten behandelten. Er war ja ein heimatloser Knabe, der auf das Mitleid guter Menschen angewiesen war. Diese Leute gaben ihm. alles, was das Leben angenehm macht und verlangten nichts dafür. Das erstemal, als er an der Tafel eines seiner neuen Freunde verbotene Nahrung aff, glaubte er zu ersticken; er konnte es nicht hinunterwürgen. Aber nach und nach tat er viele verbotene Dinge mit großer Leichtigkeit, sogar mit Gleichgültigkeit. Etwas in ihm riet ihm, in den Briefen an die Seinen nichts davon zn erwähnen, und so schrieb er jahrelang an seine Eltern und vermied es, von seinem jetzigen Leben zu sprechen. Als er achtzehn Jahr alt war, wurde er auf das theologische Seminar geschickt, um sich znm Prediger anszubilden, und nach Ablauf seiner Studien wurde er als Missionar zur Bekehrung der Inden angestellt. Sein Erfolg als Seelenretter war aber nicht groß. Es scheint, daß die Juden von Bainbridgestreet, wo seine Mission war, noch nicht reif ivaren für das Licht, daß der Missionar Moses Lubliner ihnen bringen sollte. Er hatte während seiner Abcndsitznngen häufige Debatten mit den jungen Spöttern der Nachbarschaft, die hineinkamen und sich über ihn lustig machten. Erwachte einen Konvertiten. Diese Bekehrung bildete für einige Zeit das Tagesgespräch in den Schule!: und Bädern der Juden und in den Synagogen. „Jankel Schwartz ist ein „Meschumed" geworden," ging der Schrei durch alle jüdischen Kreise. „Wie ist es geschehen?" fragte eifrig Moische Wachsmann, der es zuerst in der Schule erfahren hatte. „Ich habe die ganze Geschichte von Bernstein," sagte Aron Levi. „Bernstein hat mir gesagt, daff Schwartz ihm das ganze Geschäft von „Oleph bis Tov" selbst erzählt hat. Schwartz ging es im Geschäft nicht gut, er brauchte Geld und wußte nicht, woher er es nehmen sollte. Der böse Geist riet ihm, zn Lubliner, dein Renegaten, zu gehen, dessen Name für immer ausgelöscht sein soll. Er sagt also zn ihn:: „Herr Lubliner (möge der Name ausgelöscht werden), ich will ein Apostat lverdcu." Darauf sagt Lubliner (möge der Name ausgelöscht werden): „Gut!" Nun ging Echivartz dorthin, rannte sich die Beine ab und lernte auswendig all die Taten von Jesus und Maria und das Wunder mit dem heiligen Geist, das er nicht glaubt, nicht geglaubt hat und nicht glauben wird, und >venn er hundert Jahre alt wird. Und am Ende gaben sie ihm acht Dollar, einen neuen Anzug und ein Kreuz, an seiner llhrkette zn tragen. Als Lubliner ihm das gab, stand einer von den guten Christen dabei, die das Geschäft für Lnbliner (möge sein Name verflucht sein) eingerichtet haben. „Nun," sagt Schwartz, und Sie wissen, Schwartz ist kein schamhafter Mensch, „nun" — sagt er — sagt Schwartz: „Nicht mehr?" Da sagt der christliche Herr: „Sind Sie denn ein Christ geworden, damit wir Ihnen zählen sollen?" Da sagt Schwartz: „Wofür denn? Denken Sie etwa, für nichts? Ich habe mein koscheres Essen beiseite getan, habe mir die Füße abgelaufen, habe mir den Kopf verdreht und alles auswendig gelernt, was Ihr mir gesagt habt, und woran ich nicht glaube, und am Ende, wofür? Dafür, daß Ihr mir acht Dollar gebt, einen neuen Anzug und ein Kreuz, an meiner Uhrkette zu tragen. Wenigstens gebt mir die Uhrkette." Darauf sagt der Herr: „Nicht einen Cent inehr." „Sie wollen nicht?" sagt Schwarz; „wollen Sie wirklich nicht? Wenn so, dann sind Sie und Ihr Lubliner und Ihr ganzes Geschäft kein Geschäft für jüdische Kinder. Und Sie, Herr Lnbliner, möchte Ihr Name ausgelöscht werden für immer, aber recht bald, noch in unsren Tagen. Amen." Schwartzs Fall war eine große Enttäuschung für die Leiter der Mission, nnd Lubliners Nimbus erhielt einen furchtbaren Schlag. Lubliner wurde zu Sr. Ehrwürden, dem Dr. Malcolm Mac Mechen, dem Pastor einer der ersten Kirchen in Philadelphia, gernfen. Dr. Mac Mechen war einer der Leiter der Mission. „Es ist eine Quelle des tiefsten Bedauerns für mich," sagte der Pastor, während sie in seiner Bibliothek über die Sache sprachen, „daff die eigensinnigen Kinder Israels nicht von dem schrecklichen Schicksal, das sie künftighin erwartet, gerettet werden »vollen. Wir haben so viele Opfer von Zeit, Gedanken, Arbeit und Geld gebracht, um diesen blinden Augen Licht zu bringen nnd den Geist in diesen schlafenden Seelen zu erwecken. Aber ohne Nutzen. Ich gestehe, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll." „Doktor," sagte Lubliner, „Sie wissen doch, ihr Führer- Moses nannte sie immer ein halsstarriges Volk. Als er ihnen das Licht des Monotheismus brachte, verlangten sie zurück nach den Fleischtöpfen Aegyptens. Und heute ist es ebenso. Ich opfere mein ganzes Leben, um sie in das gelobte Land zn führen, und sie hängen weiter an ihrem alten Glauben und wollen die glorreichen Verheißnngen unseres Erlösers nicht hören. Manchmal kommt es mir vor, als wäre es besser, den Kampf anfzugeben und zu meiner Mutter nach Winniza zurückzukehren." „Leben Ihre Eltern noch immer im alten Lande?" „Ja, und fünf jüngere Geschwister, zwei Brüder und drei Schwestern. Ich habe oft daran gedacht, sie herkounnen zu lassen, aber . . . ." „Wir könnten ihnen helfen, damit sie Herkommen. Wir könnten ihnen ein Haus geben und. sie unterstützen, bis sie sich selbst ernähren könnten." „Ich danke Ihnen, Doktor, vielen Dank." Und Lnbliner verließ Mac Mechens Haus, Pläne schmiedend, wie er seine Familie zum Christentum bekehren wolle, um seinen Namen als Jndenmissionar zn retten. (Fortsetzung folgt.) Druck nnd Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich fnr die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.