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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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treiben. Diesen Plan teilte er den übrigen Fürsten auf dem Frankfurter Tag mit, mtb da war kein anderer als Joachim II. von Brandenburg, der ifyit in diesem löblichen Borsatz bestärkte. Natürlich, er gerade wusste ja von der Schädlichkeit und Gefährlichkeit der Juden ein Lied zu singen. Wie lange lvar es denn her, daß sie unter der Regierung seines Vaters des Landes verwiesen wurden, nachdem eine Anzahl jüdischer Hostieuschänder beit verdienten Feuertod erlitten hattet Jeden Tag konnte ja der jüdische Uebermut und die jüdische Rachsucht in jedem anderen Lande zu ähnlichen Verbrechen führen. Darum mußte man es wohl als einen Akt weiser Vorsicht gutheißen, wenn Sachsen sich bei Zeiten gegen jüdische Uebergriffe durch einfache Vertreibung der Juden schützte. Diese Gedanken muß Joachim II. in der Versammlung ausgesprochen haben, um den Kurfürsten von Sachsen auszumuntern. Da geschah etwas Unerhörtes. Philipp Melanchthon trat vor, an seiner Seite zwei Straßburger Edelleute, Batt von Dnnzenheim und St. Böckel, sowie Martin Butzer, der bekannte Judenfeind. Und Melanchthon berichtete von einem alten Pfarrer, den sein Gewissen jetzt dazu gedrängt habe, ein langbehütetes Beichtg eh eimnis preiszugeben. Paul Fromm, der Dieb jener Hostie, habe ihm, der damals in der Mark amtierte, in der Beichte eingestanden, daß er die Juden fälschlich bezichtigt hätte, die Hostie von ihm gekauft zu haben. Der Pfarrer war in heller Bestürzung zu seinem Vorgesetzten, dem Bischof Hieronymus von Brandenburg gelaufen, um durch Altfdeckung der Wahrheit die Verbrennung der Juden, die noch bevorstand, zu verhindern. Aber siehe da, kraft seines Amtes gebot der menschenfreundliche Bischof dem Pfarrer Schweigen. Die Straßburger Edelleute und Butzer bestätigten als Zeugen die Aussage des noch lebenden Pfarrers, die gleichbedeutend war mit der Restituierung der märkischen Juden. Man kann sich den ungeheuren Eindruck vorstellen, den diese Enthüllung auf die versammelten Fürsten machen mußte. Auf keinen aber wird sie stärker gewirkt haben als auf Joachim II. von Brandenburg, der da mit einemmal das furchtbare Gespenst eines.grauenhaften Justizirrtums vor seiner Seele auftauchen sah. Und eigentümlich, gerade von dieser Zeit an datiert die Judenfrenndschaft Joachims II. Josel von Rosheim, jener merkwürdige Mann, der im Zeitalter der Reformation als ein Anwalt seiner verfolgten und geschmähten Glaubensbrüder eine außerordentliche Tätigkeit entfaltete, er, der sich auch auf dem Frankfurter Tag eingefunden hatte und dem wir die Nachricht von dem Auftreten Melanchthons verdanken — vermutlich gebührt ihm auch ein Anteil an der Auffindung des alten Pfarrers — Josel von Rosheim erwirkte unmittelbar nach der aufsehenerregenden Enthüllung von Joachim II. die Zulassung der verbannten Juden in die Mark Brandenburg. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Mirfürst, was an ihm lag, den entsetzlichen Irrtum des Vaters wieder gut machen wollte, und daß er darum den Glaubeusbrüdern der schuldlos Gemordeten seine volle Gunst zuwandte. Wie weit diese Gunst ging, erhellt besonders schön aus einem von Kohut (Geschichte der deutschen Juden, S. 541) veröffentlichten Schreiben des Kurfürsten an den Rat zu Frankfurt an der Oder, in welchem der Kurfürst den Rat scharf zurechtweist, weil dieser die ihm vom Kurfürsten befohlene Aufnahme von Inden mit dem Hinweis auf den Wucher und das gotteslästerliche Gebaren der Juden abgelehnt hatte. Da ermahnt der Kurfürst seine Glaubensbrüder, vor ihrer eigenen Türe zu kehren. Es sei unleugbar, daß unter ihnen ebensolche Gotteslästerungen im Schwange seien lvie unter den Juden und daß in Verschlechterung der Münze, wucherischem Handel und anderen Ünziemlichkeiter die Christen bereits der Juden Meister seien. Die Vorurteilslosigkeit des Kurfürsten bewährte sich abe auch darin, daß der Kurfürst jüdische Persönlichkeiten in seiw nähere Umgebung berief. Bekannt ist die Gestalt jene- Michael Juda, der die Gunst des Kurfürsten in so hohen Grade genoß, daß er um seine Fürsprache bei dem Fürster nicht nur von jüdischen, sondern auch von christlichen Mit bürgern angegangen wurde. Noch bekannter aber, namentlül durch das grausame Schicksal, welches ihm beschieden war, if die Gestalt des Juden Lippold, welchem der Kurfürst bl oberste Leitung aller jüdischen Angelegenheiten Übertragei hatte, ttnd den er schließlich zum Finanzkontrolleur seine Hofstaates und zum Münzmeister machte. Ein tragisches Ge schick hat es gefügt, daß gerade dieser Mann, in dessen Ve günstigung und Beförderung die Judenfreundschaft Joachims II. ihren Höhepunkt erreichte, schließlich an dieser Freundschaft zu Falle kommen mußte. Man weiß, wie Lippold nach des Kurfürsten Tode von dessen Nachfolger Johann Georg unter bei Anklage, seinen Herrn vergiftet zu haben, gefangen gesetzt, mit Hilfe der Folter seines Verbrechens überführt und grausam hingerichtet wurde. Daß er unschuldig war, hat kein Geringerer als Moses Mendelssohn in seiner Einleitung zu Manasse den Israels „Rettung der Juden" nachgewiesen, und mag er auch wegen seiner bedenklichen finanziellen Machinationen bei Christen und Juden gleich verhaßt gewesen sein, so bleibt doch sein Untergang ein charakteristisches Denkmal mittelalterlicher Barbarei, und jeder gerechtdenkende Geschichtsschreiber wird, mag er Christ oder Jude sein, auf diese Tatsache Hinweisen müssen. Es wäre eine interessante Aufgabe, die Geschichte und das Schicksal Lippolds auf Grund archivalischer Quellen einmal im Zusammenhang darzustellen. Ich selbst bin in der Lage, hierzu ein Schriftstück beizusteuern, dessen Mitteilung diesen Aufsatz beschließen möge. Dasselbe findet sich im hiesigen Stadtarchiv als Eintragung in die handschriftliche mit dem Jahre 1566 beginnende Stadtchronik (Codex N 5 , und hat den Vorzug, unmittelbar nach der Hinrichtung Lippolds ausgezeichnet zu sein, also den Charakter der Zeit unverfälscht und ungeschminkt wiederzugeben. Daß es eine Zeit finsterster Verblendung war, wird jeder Leser des Schriftstückes schaudernd erkennen. Lippoltt Juden Schelmstücken vnnd lvie ehr verrichtet wordenn. Mittwochs nach Conuersionis Pauli Anno 1573. Zw Berlin. Nachdem bei hochgedachten 8. e. f. g. ein Jude Lippolt genant, in grossen Vertrawem gnaden vnd aniehen gewesen, das ehr auch zw 8. c. f. g\ einen freien Zwtritt, zw jeder Zeitt seines gefallene gehabt, 8. c. f. g. Jhnn auch die Mulche vnd andere Ihre e. k. g. hochwichtige angelegene fachen vertrawen vnd vntergeben, derohalbeu dan 8. e. f. g. Herrn Sohn Marggraff Johan Georg der itziger regierender Churfurst vnd menniglich einen grossen verdacht auff ihm gefastet, auch nicht vnpitlig ein vngnediges vnnd vnfreundtlickes Hertze zw ihm getragen, ungesehen, das ehr auch viele Beschwerung vbet die Christen bei 8. c. f. g. erpraciiciret vnd zw wegen gebracht, vnd durch seine gnade vnd ansehen allen Juden grosse Befreiung vnd sichere wohnunge, handelt vnd wandelt Im lande den armer Christen zw Verderb vnd vntergangk, bei 8. c. f. g. erhalten. Alß ist auch gedachter Lippoltt Jude, balde nach 8. e. f. g. todt liche abgangk zw gesenglichen hafften genommen, vnd dan en Zimlicher werch au Muntze vnnd allerhandt gülden vnd sielberi geschirre vnd Kleinodien, so 8. c. f. g. Zum theill zwstendig gewesen bei ihm Befunden wordenn. Ob nun woll die suchen dahin gerichtet, weilt man zw peinlichen fragen auf große begangene Mißhandlungen nicht genügsame Ber mutunge, viel iveniger zlv Peinlichen straffen Ursachen haben mögen,

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