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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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tiit'llcu'l)l noch schärfer, als es bann im Buche verewcht lvirb. Und die ihnen mit jugendlicher tLinpfänglichkeit zuhören, in deren Herzen dies Gift geträrifelt wird, die sind Deutschlands Zutunst, die kämmenden Richter, Anwälte, Aerzte, Beamte und Lehrer, also jener Teil des deutschen Volkes, der an der Spitze der Gesamtheit schreitet. Der Bortrag eines bedeutenden Professors läßt bei der Jugend den Zweifel au der Richtigkeit seiner Ausführungen kaum zu, und sie verläßt den Hvrsaal, bestärkt in Vorurteilen, die ihr zu Hanse als unklares Gefühl eingeimpft wurden und erst durch die Universität zum sichern Bewußtsein erhoben worden sind. Soll also in dein Urteile der Intelligenz über das Judentum endlich eine gründliche Wandlllng zum Bessern eintreten, muß sie von jener Stätte ausgeheu, die das deutsche Volk als den Kronhütcr seiner geistigen Schätze verehrt und anerkennt, von der deutschen Universität. Die jüdische Theologie muß an den Universitäten ihre Vertreter und Lehrer haben. lSchlusz folgt.) Bit Iudenkreundlchakt des Mrkürlttli Joachim II. Von Rabbiner Dr. Ackermann-Brandenburg a. H. or einiger Zeit wurde in diesem Blatte ein Brief Martin Luthers an den Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg veröffentlicht, in welchem der große Reformator den unheilvollen Einfluß beklagt, den die Juden auf den Kurfürsten ausüben und diesen vor der „jüdischen Tücke" warnt, die die Inden an dem Fürsten beweisen könnten. In Wirklichkeit muß man die Judenfreundschaft Joachims II. als eine geschichtliche Tatsache bezeichnen, die durch eine grunze Anzahl \m\ Beweisen belegt werden kann. Ist einerseits bei der bekannten Gesinnung, voll welcher Luther gegen die Juden erfüllt war, seine Warnung wohl zu verstehen — übrigens hatte sich auch der Rat voll Berlin mit einer Klage über den zunehmenden jüdischen Einfluß hervorgewagt — so dürfte andererseits die Frage nach dem Wesen und der Veranlassung der Judenfreundschaft Joachims II. von um so höherem Interesse sein, als diese Freundschaft bei näherer Untersilchnng in eine ganz besondere geschichtliche Beleuchtung rückt. Die „Gutmütigkeit und Gerechtigkeitsliebe", welche die Geschichtsschreiber an dem Kurfürsten rühmen, dürfte als Beweggrund zu seiner außerordentlichen Begünstigung der Juden ebenfo wenig ausreichen wie ein etwaiges fmanzpolitisches Interesse. Vielmehr scheint sich, wenn nicht alles trügt, die Judenfreundschast Joachims IIals eine Art von Reueakt darzustellen, durch welchen ein furchtbares, an den Juden verübtes Verbrechen wieder gut gemacht urtb bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden sollte. - Dieses Verbrechen war der Justizmord vom Jahre 1510, jenes grauenvolle, von der ganzen Finsternis mittelalterlichen Wahns umhüllte Ereignis, welches 36 schuldlose märkische Juden, unter ihnen Rabbi Sloman von Brandenburg, auf den Scheiterhaufen führte, weil sie eine Hostie entweiht batten. Die Hostie war, zusammen mit der Monstranz, von dem Kesselflicker Paul Fromm aus der Kirche eines havelländischen Dorfes gestohlen worden, imd unter der Folter begann Fromm von einem Verkauf der Hostie an märkische Juden zu erzählen. Dann verrichtete die Folter ihr Werk an den Juden und erzielte das wunderbare, oder vielmehr nicht wunderbare Restlltat, daß 36 Juden aus den Orten Berlin, Brandenburg, Gardelegen, Lenzen, Nauen, Osterburg, Perleberg, Taugermünde, Sörhausen, Spandau, Stendal, Werben, Wusterhausen ihre Schuld, an der Schändung der Hostie teilgenonunen zu haben, eingestanden. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Am 19. Juli des Jahres 1510 hallten die Straßen Berlins wieder von den Sterbegebeten der Unglücklichen, als mau sie vom Reuen Markt, wo die Komödie des Richterspruches stattgefunden hatte, nach der Richtstätte führte, der Stelle, wo heute die Weberstraße mit der Franksurterstraße zusammeustößt. 0 Kurfürst Joachim I., der streng-katholische, der Gegner Luthers auf dem Wormser und Augsburger Reichstage, stand zu sehr unter dein Einfluß der Geistlichkeit, die ja des Prozesses mit seinem die Wundererscheinungen der Hostie enthaltenden Beiwerk förmlich bedurften, als daß er dein Justizmord, selbst wenn er es ernstlich gewollt hätte, Einhalt gebieten konnte. Denn ein Justizmord war es. Und daß es einer war, das hat sich schon wenige Jahre nach dem Tode Joachims!. erwiesen. Joachim II. hatte 1534 den kurfürstlichen Thron bestiegen und begonnen, der Reformation, die sein Vater so heftig bekämpft hatte, die brandenburgischen Lande zu öffnen. Eine bedeutsame Etappe zu diesem Ziele bildete der sogenannte „Frankfurter Tag", jene im Frühling des Jahres 1530 iit Frankfurt a. M. stattgehabte Versammlung, auf der die protestantischen Stünde des deutschen Reiches, unter Führung des Kurfürsten von Sachsen und des Landgrafen Philipp von Hessen, sowie ans Vermittlung des Kurfürsten von der Pfalz und von Brandenburg, mit dem deutschen Kaiser Karl V. das unter dem Rainen des „Frankfurter Anstandes" bekannte Abkonunen trafen. Hier auf dieser glänzenden Fürstenversammlung war es, wo die Unschuld der im Jahre 1510 verbrannten märkischen Juden an das Tageslicht kam, ltub es sind zwei illustre Rainen, ein jüdischer und ein christlicher, deren Träger bei der wunderbaren Enthüllung eine Rolle spielten: Josel von Rosheim und — Philipp Melanchthon. Wenn wir uns im Geiste den betreffenden Vorgang ausmalen, so stellt er sich als ein Vorgang von geradezu dramatischer Gewalt dar. Neben den großen Fragen der Zeit waren es auch die Angelegenheiten der Inden, die damals das Interesse der Fürsten lebhaft bewegten und darum auch auf dem Frankfurter Tag zur Sprache kamen. Der Kurfürst von Sachsen hatte — aus welchen Gründen ist nicht betanut — den Plan gefaßt, die Juden ans seinem Lande zu verh Hosrat L. Schneider, der bekannte Vorleser Kaiser Wilhelms I, hat (Schriften des Vereine für die Geschichte der Stadt Berlin, Heft 8, S. 19) über diese Judenverbrennung im Jahre 1873 die denkwürdigen Worte geschrieben: „Mall kann sich eines Schauders nicht erwehren, wenn rnan die Beschreibung dieser Prozedur in den schlichten Worten des alten Chronisten Angelus liest. Dieser fürchterliche Hohn weitläufiger Formalitäten den unglücklichen, von der Folter zur Verzweiflung getriebenen Juden gegenüber; diese fanatische Gier nach dem Blute Andersglaubender, Andersdenkender, denen rnan die unglaublichsten, abenteuerlichsten Dinge aufbürdete und sich dazu berechtigt glaubte, nur weil sie keine Christen waren. Gott sei Dank, diese Z ei teil sind vorüber, lange vorüber, und wahrlich, nicht ebenso vieler Jahre wird es bedürfen, um auch die letzten Schlacken ungerechter Vorurteile abzilstreifen. Wie urteilen ivir heute über das, was die Inden vor 363 Jahren an körperlichen Onalen erdulden mußten, und uue werden unsere Nachkommen über das urteilen, was sie in späterer Zeit an Vorwürfen Zurücksetzungen und Anschuldigungell geistig ertrugen? Aber sie haben auch Worte des Trostes und des guten Willens gehört, und diese Worte sind zur Ehre wahrhaft christlicher Gesinnllng Wahrheit g e lv o r d e n." Wie anders hätte lvohl der edle Mann geurteilt, hätte er die ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erlebt!

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