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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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104 jüdische Gelehrte auf,' alle jedoch lehnten ab, da sie sich dem Stoffe nicht gewachsen suhlten. Einein Rabbiner wollte man die Arbeit nicht übertragen, er sei zu voreingenommen, und so mußte die löbliche Absicht fallen gelassen werden. Sie wissen nunmehr, warum das meiste, das zur Ehrenrettung des Judentums geschrieben und gesprochen wird, gerade von denen, an deren Adresse es gerichtet ist, vollständig unbeachtet bleibt. Weil die Verfasser zumeist Rabbiner i sind, jüdische Theologen, die angeblich voraussetzungslos, sachlich das Judentum nicht beurteilen können. Ja, aber wer schreibt denn über Christentum? Doch auch nur zumeist der christliche Theologe. Ist der objektiver als der Jude? Danach wird nicht gefragt, sticht allein aus dem Grunde, weil dem christlichen Verleger nnd dem christlichen Leser die Tendenz seiner Theologen recht ist, sondern noch aus einem anderen, viel wesentlicherm Grunde. Speziell in Deutschland geht die Wissenschaft von den Universitäten ans, und selbst vom Volke wird ein gelehrtes Buch erst dann für voll angesehen, wenn sein Verfasser Universitätsprofessor ist: Gelehrsamkeit und Universität sind in Deutschland sich deckende Begriffe. Man mag das vielleicht als einen Fehler, als Engherzigkeit anseheu, aber es ist so, und mit dieser Tatsache muß gerechnet werden. Nur äußerst selten üben in Deutschland gelehrte, wissenschaftliche Werke einen nachhaltigen, großen Einfluß aus, wenn sie von Laien ausgehen; sie werden nur selten anerkannt, es fehlt ihnen die volkstümliche, geliebte Marke. In England, in Frankreich und Amerika ist es anders. Da stehen gerade die bedeutendsten Gelehrten außerhalb der Universität; da ist diese gar nicht in solchem Maße der Stolz der Nation, hat keinen solchen Platz im Herzen des Volkes, wie die deutsche Universität im deutsch«! Volke. Diesem ist erst der Universitätslehrer der! typische Vertreter der Forschung, der große Denker der Nation. „Die Achtung vor der Wissenschaft," sagt Paulsen mit Recht, „die dem deutschen Volke tief eingepflanzt ist, umgibt auch die Träger der gelehrten Berufe selbst mit einer Autorität, die nicht durch die bloße Macht des Staates ihnen verliehen werden könnte" (a. a. O. S. 212). Nur der preußische Offiziersstand kann sich an Autorität mit dem deutschen Prvfessorenstande messen. Wie soll unter solchen Umständen das Bucheines Rabbiners wirken? Wenn Kant erklärt, das Judentum sei „eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besonderen Stamme gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer Kirche formten", wenn nach ihm Wellhausen das Judentuin eine „internationale Gemeinschaft" nennt, wer wagt da zu widersprechen? Professor Hermann Schultz behauptet „Auch in den besten dieser rabbinischen Lehrer ist kein Hauch j von prophetisch-religiöser Genialität oder von volkserlösender Liebe." Was nützt es, wenn wir ihm entgegenhalten, ob er wohl nie etwas gehört hätte von Hillel nnd Jochanan ben; Zakkai. von Josua und Akiba, von Meir und Jehuda-ha-Nasi, um nur einige Namen zu nennen! Daß der ganze Midrasch nichts anderes ist als prophetisch-religiöse Genialität und volkserlösende Liebe! Ein Professor ist's, der spricht, das Volk horcht aus, wir müssen schweigen. Hunderte Male ist von uns nachgewiesen worden, daß unsere Bibel den Satz kündet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", daß sie es ist, die mahnt: „Liebet den Fremdling", daß sie uns zuruft, selbst dem Feinde zu helfen. Da aber Professor Wundt die untrüglichen Worte spricht: „Der Ruhm der Barmherzigkeit bleibt bei den Juden in den Fesseln des Stammesgefühls gebannt, erst durch das Christentum wird es zu einem Gebote der Menschenliebe", und Professor Bert holet diese Worte bestätig: bleibt uns nichts anderes übrig, als mit -er Wahrheit nn unter uns hausieren zu gehen. Welcher Jude weiß es nicht daß unser Pentateuch, unsere Propheten, unsere Psalmen un unterbrochen Gott als Vater, den Menschen als sein Kin darstellen! Wer erinnert sich nicht an unser tägliches Gebe: in dem wir von unserem Gotte sprechen ivie Kinder vo ihrem Vater, wer nicht des ergreifenden „Owinu-Malkenu' Gebetes am Neujahrs- und Versöhnungstage! Aber Brutu sagt, Israel kenne nicht das Kindsverhältnis zwischen Gvl und Mensch, und Brutus ist — Professor! Einverständlic! lehren Bonsset, Pfleiderer, Wellhansen nnd Wundt „die Grundstimmung der jüdischen Frömmigkeit sei die Furcht die scheue, zitternde Angst"; „ihr stellt die Lehre Christi da- Motiv der Liebe entgegen, indem sie das Verhältnis zu Go! und Mensch dem des Vaters zuin Kinde vergleicht." Lohn und Strafe in der Religion! In welchem Bekennt niste fehlen sie? In keinem. Ob wir monotheistische otm polytheistische Religionen prüfen, das Sehnen des menschlichen Herzens nach gerechtem Ausgleiche der irdischen Ungerechtigkeit fehlt nirgends. Aber ebenso sind überall, ich betone es, überall, erleuchtete Geister bemüht, das Lohn- und Strasprinzip von seinen gefährlichen Kanten und Ecken zu befreien indem sie lehren, das Gute geschehe dein Guten zuliebe das Schlechte meide man, weil es schlecht ist. Vielleicht jeder hervorragende Weise des talmudischen Judentums hat diesen Grundsatz bald mehr, bald weniger scharf betont. Und jetz: hören Sic, was Jülicher, Pardon, Professor Jülichei schreibt: „Bei ihnen ist Religion ein Geschäft, das der Mensel mit Gott abschließt; genau wird jeder Posten in Debet und Kredit verrechnet. .. Gefühle, Entschlüsse nnd dergleichen eignen sich nicht dazu. Je raffinierter der Fromme sich seine Spezialleistungen nach dem Buchstaben des Gesetzes heranssncht, . .. um so höher darf er sie taxieren. Strenge Beobachtung der Zeremonialgesetze, der Sabbatheiligung, der Reinigkeitsvorschriften hat den höchsten Wert, weil das Leistungen sind, die kein Nichtjude aufbringt" (Die christliche Religion mit Einschluß der israelitisch-jüdischen Religion, S. 62). Ist das nicht ungeheuerlich!? Aber wenn wir uns auch die Finger wund dagegen schreiben wollten, wie soll ein Rabbiner gegen einen Professor aufkommen? Wie oft haben schon jüdische Gelehrte den christlichen Theologen und Professoren krasse Unwissenheit nachgewiesen! Ich bin überzeugt, Jülicher kann keine Zeile im Talmud ordentlich übersetzen, vielleicht nicht einmal lesen. Das verfängt aber bei den gründlichen deutschen Theologieprofessoren nicht. Jülicher schreibt Wellhausen ab, Wellhausen den Jülicher, Bousset den Pfleiderer, und Pfleiderer den Bousset, Harnack den Schürer und Schürer Harnack, Paulsen den Wundt und Wundt Paulsen, und so geht es in inünitum lieblich weiter. Aber Professoren sind's, die geistigen Führer der deutschen Nation, und wir sind ohnmächtig. Und wenn schließlich der große Ethiker Professor Paulsen meint: „Wer durch seine Religion gehindert ist, mit anderen das Mahl zu teilen, weil ihre Speise unrein ist, oder am Sonnabend die Feder anzurühren, der schließt sich selber aus, und es ist töricht, unter dem Titel der Toleranz solche anmaßliche Abschließung gelten zu lassen... Wer durch solche Dinge sich selber außerhalb stellt, der darf sich nicht beklagen, wenn er draußen bleibt" (System der Ethik, S. 552 ff.), kann es uns dann wundernehmen, wenn die Intelligenz ebenso spricht und in ihren Berufen dic Abneigung gegen Juden und Judentum betätigt und weiterpflanzt? Die Professoren schreiben ja solche Worte nicht nur nieder, sie lehren sie auch vom Katheder herab, und da

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