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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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103 jbeeit künden, um sie zu ihnen zu bekehren. Die Bekehrung kann zwei Wege wählen, auf welchen sie ihr Ziel zu erreichen trachtet: entweder wird sie den Andersgläubigen gebracht, zugetragen, das heißt, sie steigt zu ihnen hinab, oder sie wartet ab, bis die religiöse Erkenntnis der Andersgläubigen eine tiefere, reinere wird und von selbst zu der Stufe sich emporschwingt, auf welcher jene sich schon befinden, die das religiöse veil der Welt zu besitzen vermeinen. Jener führt naturgemäß zu Gewalt und Krieg, dieser verlangt ebenso naturgemäß ein j sahrhunderte-, vielleicht jahrtausendelanges Warten und! Ausharren in der Ueberzeugung, die Wahrheit werde und; müsse einst durch sich selbst siegen. Den ersten Weg hat das! Christentum gewählt, seine Erfolge sind mit Blut in den Annalen der Weltgeschichte eingezeichnet, den zweiten das Judentum. Welcher ist opfervoller, entsagungsreicher, daher! idealistischer: den wir wandeln, oder dem das Christentum nachgeht? Wird aber von allgemein kultureller Weltbeglückung gesprochen, von Frieden und Humanität, von Arbeit und! sozialer Ausgleichung, von Bildung und Wissen, so spielen hier! sowohl Christentum als Judentum eine recht dürftige Rolle,! uub nur von den Bürgern des Staates im allgemeinen darf! man reden, die an dieser Weltbeglückung sich betätigen. Zur : Mitarbeit an der Verwirklichung dieser Ideale hat mt§ Europa , erst vor fünf bis sechs Jahrzehnten aufgefordert. Sind wir den: j Rufe nicht freudigst gefolgt, haben wir uns seiner jemals unumrbig gezeigt? Politisch, wirtschaftlich uub geistig haben wir > alles gefördert, was die Menschheit vereint und brüderlich ver- I bindet, der wirklichen und nicht phrasenhaften Weltbeglückung! die Wege bahnt. Schlügt man daher mit dem Vorwurfe, I dein Jndentume fehle es an dem idealistischen Traume der! Weltbeglückung, der Wahrheit nicht geradezu ins Gesicht?! Man bedenke doch nur, wie wir, um als Deutsche anerkannt , zu werden, hüben und drüben bis zur Selbstvergessenheit aufj gehört haben, Juden zu sein; wir träumten, in die deutsche | Ration voll aufzugehen. Sind wir es, die wir aus diesem - Traume zu trüber Wirklichkeit uns selbst aufgerüttelt haben, - oder sind wir von den deutschen Christen so unsanft geweckt worden? Professor Paulsen, der weitbekannte Ethiker der Berliner Universität, bespricht in seinem Buche „Die deutschen Universitäten"^) den Andrang der Juden zu den gelehrten ' Berufen und meint: „Würden die gelehrten Berufe rückhaltlos,! wie die übrigen wirtschaftlichen Berufe, den: freien Wettbewerb! überlassen, dann müßte, so scheint es, allmählich der Zustand nntreten, daß sie, wenn nicht ein monopolistischer Alleinbesitz, so doch ganz überwiegend in den Händen der durch Wohlstand, Energie und Zähigkeit überlegenen jüdischen Bevölkerung wären. Daß fein europäisches Volk einen solchen Zustand ertragen würde, daß es ihn als Fremdherrschaft empfinden uub mit Gewalt abwerfen würde, daran wird nicht j zu zweifeln sein. Und also haben auch alle, auch die Juden, i ein Interesse daran, daß er nicht eintritt. Man wird demnach einen Gegendruck gegen das Ueberhandnehmen der Juden iu den gelehrten Berufen, soweit sie mit einer öffentlichen Autorität ausgestattet sind, so hart er dem einzelnen werden mag, nicht überhaupt verwerflich neunen können" (S. 200). Es ist nicht hier die Zeit, mich des längeren mit dieser unglaublichen Oberflächlichkeit eines so bedeutenden Mannes zu beschäftigen, der statt nachzudenken, seine Argumente von der Straße sich holt; möchte nur wissen, wer da der Träumer ist? Ter Jude, der mit Wollust vielleicht auf den Erwerb von Millionen verzichten möchte, um ihn mit der schmalen Kost eines Professoren- oder Beamtengehalts zu vertauschen, oder 0 Dem Buche danke ich manche Anregung für diesen Vortrag. der Christ, der auf Kosten des Staates und der Wissenschaft den ihm überlegenen Juden sich vom.Halse schafft, ihn zum Kaufmannsstande drängt, um dann zu lamentieren, das Geld befände sich ausschließlich in den Händen der Juden! Hub trotz alledem Hörer: wir nicht auf zu träumen, zu hoffen. Zu tief wurzelt im Gemüt eines jeden Juden jene messianische Hoffnung der Weltbeglückung, daß dereinst jeder Mensch im Staate nur an seinem Bürgerwerte, nicht aber an seiner Stammes- oder Religionszugehörigkeit gemessen wird, als daß er so leichten Kaufs sein Ideal als unerreichbar fallen lassen könnte. Aber, meine Verehrtesten, gerade hierin nrnfe es sich zeigen, ob der Jude wirklich jene Willenskraft und Zähigkeit besitzt, die ihm so vielfach zugeschrieben wird. Denn Träumen und Warten fuhren in diesem Punkte nicht zum Ziele, nur arbeiten und schaffen. Wird denn aber nicht genug gearbeitet? höre ich Sie fragen. Sind wir denn nicht unermüdlich im Rechtsschutze, in der Abwehr, nicht laut genug in der Forderung unserer verbrieften Bürgerrechte? Jawohl, wir bemühen uns redlich, alles Judenfeindliche, das auf der Oberfläche erscheint, zu bekämpfen, den Haß, der im Alltagsleben in die Erscheinung tritt, zu parieren, das Unrecht, das offen sich zeigt, zurückzuweisen; man muß den deutschen Inden das Zeugnis geben, daß sie in der Selbstwehr stramm und gründlich, voll Liebe und Begeisterung Vorgehen. Genügt das aber? Muß man nicht den Erscheinungen auf den Grund gehen, um das Uebel mit der Wurzel anszureißen? Woher kommt es denn, daß, in welchem Orte immer, eine ganz kurze, planvoll angelegte Bewegung gegen uns ausreicht, um das beste Einvernehmen zwischen Juden und Christen zu trüben, sogar vollständig zu zerstören? Daß die Ursachen einer derartig auffallenden Empfänglichkeit tiefer liegen, wird jeder einsehen. Ich künde auch nur eine Binsenwahrheit, wenn ich sage, daß hinter all dem ererbte Vorurteile der eigentliche Krankheitserreger sind. Also nicht nur die Erscheinung muß hinweggeräumt, sondern auch der Krankheitsherd vernichtet werden, und dieser vor allem. Der sitzt aber nicht in der Menge des Volkes, sondern in der Intelligenz. In den Kreisen der Intelligenz da schießen üppig in die Halme jene schiefen Urteile über Juden uub Judentum, die echte Freundschaft gar nicht recht aufkommen lassen, die Staat und Gesellschaft erfüllen und ununterbrochen im Hintergründe lauern, um jeden Augenblick hervorzubrechen. Die geistige Feindschaft gegen das Judentum, von altersher eine Schöpfung der Philosophen und Theologe::, ist znm allergrößten Teile nur in diejenigen Kreise gedrungen, die von diesen mehr oder weniger direkt beeinflußt wurden. Die große Menge ist zufrieden mit dem Kitzel des Instinkts, der geistig Höherstehende trägt Rechnung dem Intellekt. Und weil die Ausbrüche des Instinkts von kurzer Dauer, die Wirkungen des Intellekts dagegen langfristig sind, halte ich es für viel wichtiger, vor allem diese zu überwinden. Wie das Gift vom Geiste ausgegangen, muß auch die Heilung bei ihm beginnen. Es ist ja auch darin schon so manches geschehen, manches geschrieben nnd gesprochen worden, das berufen war unb ist, Juden und Judentum in das richtige Licht zu stellen. Bis nun ohne besondere Wirkung; zumal was bezüglich des Judentums getan wurde, ist, als wäre es gar nicht vorhanden. Warum? Ein kleines literarisches On dit der letzten Zeit wird Ihnen Antwort geben. Der bekannte Herausgeber Professor Dr. Hinueberg in Berlin ediert ein Sammelwerk unter dem Titel: „Die Kultur der Gegenwart." Im Plane des Herausgebers war es gelegen, auch dem Judentmn einer: ausführlichen Band zu widmen. Er forderte mehrere

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