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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 der Doktor der Philosophie war, ihn einst besuchte und in Gegenwart eines polnischen Juden als „Herr Doktor" angeredet wurde, fragte der Pole den Chief Rabbi, ob jener ein C'Sin XDV"! (praktizierender Arzt) sei. „Nein," erhielt er zur Antwort, „er ist ein *vnE" (d. h. einer, der erlaubt, was unerlaubt ist). Das Hans des verstorbenen Sir Jsaac Goldshmid pflegte der Sammelplatz für einheimische und ausländische berühmte Persönlichkeiten zu sein, wo sie stets recht gastfreundlich traktiert wurden. Bei einenn daselbst stattgefundenen Diner, erzählt Professor Marks, war der als Exulant sich zeitweilig in London aufhaltende Louis Napoleon als Ehrengast anwesend, bei welcher Gelegenheit er sich mit seiner Tischnachbarin, Lady Goldshmid, recht lebhaft unterhielt. Letztere bemerkte dann, nachdem ihr Ehrengast das Haus verlassen hatte, daß derselbe manche Aenßernngen gemacht habe, die ihr recht komisch Vorkommen. In einer derselben, sagte sie, behauptete er mit Bestimmtheit, daß er einst Kaiser von Frankreich sein werde. Daß diese Hoffnung sich wirklich realisiert hat, ist bekannt, nur ist es interessant zu erfahren, daß sie im Hause eines englischen Juden gemacht wurde, wo Louis Napoleon sich ziemlich familiär gefühlt haben mußte.— Ein bedeutender christlicher Geistlicher namens Mr. Eambell, der in einer der Kirchen der City of London amtiert, hat jüngst einige Predigten gehalten, die sehr viel Aufsehen gemacht haben. Denn darin verwirft Mr. Cambell die Haltbarkeit der wichtigsten Dogmen der christlichen Kirche und stimmt somit mit den Ansichten vieler jüdischen Denker überein. Er behauptet auch, daß die Quelle dieser Dogmen in der heidnischen Mythologie zu finden sei und beklagt zugleich auch die Tatsache, daß die Nichtbeachtung derselben von seiten der Nichtgläubigen diesen so unendlich viel Elend uwb Kummer verursacht hat. Wie die Propheten des Altertums, so möchte auch der moderne Prediger eine ideale Weltreligion erstehen sehen, deren Haupttendenz sein soll, alle Völker der Erde mit dem Band der Eintracht, der Liebe und des Friedens zu umschlingen, so daß sie alle dadurch irdische und himmlische Seligkeit in reichem Maße genießen. Diese Predigten wurden natürlich von verschiedenen hiesigen Zeitungen recht scharf angegriffen, aber es fanden sich auch solche, die deren Inhalt als dem modernen Zeitgeiste entsprechend erklären und nichts Tadelnswertes in ihnen entdecken. Was die Antisemiten in allen Ländern von solchen Predigten denken müssen! -- In der jetzigen Jahreszeit werden auf der englischen Bühne, wie es schon seit Jahrhunderten hier der Usus war, gewisse leichte Theaterstücke aufgeführt, die voll von Lust und Heiterkeit sind und die unter dem Namen „Ranlomimes" (Pantomimen) allgemein bekannt sind. Diesen Theaterstücken liegt gewöhnlich eine Erzählung zugrunde, die vorn Verfasser der berühmten Erzählungssammlung „Tausend ltnb eine Nacht" entnommen wurden. Nun hat der selige Dr. Perles in Graetzs Monatsschrift lim Jahre 187T) eine interessante Abhandlung veröffentlicht, worin er auf die merkwürdige Identität gewisser Agadas des Talmud mit gewissen in der fraglichen Sammlung vorkommenden Erzählungen hinweist. Eine ähnliche und nicht minder interessante Abhandlung über dasselbe Thema hat jüngst Dr. Kohut in diesen Blättern veröffentlicht, und beide Abhandlungen beweisen zur Genüge, welchen aktiven Anteil gebildete Juden aller Zeiten an der Entstehung und Verwertung solcher, namentlich die Liederwelt belustigenden „Fairy Tales“ genommen haben. Eine ausführliche Arbeit über „Das Theater und die Juden" ist, glaube ich, noch nicht veröffentlicht worden, obschon sie recht willkommen wäre. — Unter den jüdisch-literarischen Werken, die im Laufe u'| verflossenen Jahres hier erschienen sind, verdient Mr. Jsrc I Abrahams „The History of Jewish Literature“ besondere I wähnung. Das Werk füllt ein Bedürfnis hier und wohl cn [] in Amerika aus mrd wird sicherlich deshalb schon recht vi J Leser finden. — Das laufende Heft der „Jewish Qnarteriy Review“ e tl hält, wie so viele seiner Vorgänger, recht lesenswerte literaris J Beiträge. Der darin abgedruckte Beitrag „A Theist's Impressi J of Judaism“, oder „Was ein Theist über das Judentum denk I von G. E. Biddle, hat allgemeines Interesse und h r| dient in andere moderne Sprachen übersetzt zu werden. Re h» charakteristisch sind schon die zwei ersten einleitenden Sätze u dem Artikel. Darin sagt der Verfasser, daß es ganz unrich J sei, zu behaupten, wie so viele es tun, daß die Griechen in Schöpfer der Kunst, die Römer die Gründer der Gesetzgebur \\ und die Juden die Erfinder der Religion gewesen seien, wof;rj 'sie sich den Dank der Welt erwvrben hätten. Bedenkt nun aber, daß die Religion der Kern des Lebens ist und daß - e mit der modernen Politik, der sozialen Oekonomie und dui schönen Künsten in enger Verbindung steht, so werde man wo ,l eingestehen müssen, daß weder Griechenland, noch Rom, sondern vielmehr das alte Judentum es ist, das die nloderue We 1 im Schwünge hält. Änioerütatsprokelluren kür jüdische Theologie. Ein Vortrag von Tr. I. Jieglcr-.iiarlsbab. „Der Mensch wirkt alles, was er vermag, aus den Menschen durch seine Persönlichkeil Goethe. Meine verehrten Damen und Herren! er verstorbene Orientalist Professor Siegfried in Jein tat in einer Abhandlung über das hellenistische Jude« tum den Ausspruch, das Judenturu hätte seine weltgeschich - lichen Erfolge nur seinein unbeugsamen Willen zu danke, „An idealistischen Träumen der Weltbeglückung,"!> lesen wir bei ihm, „hat dasselbe niemals gelitten un) ist durch dergleichen in seiner Ruhe nicht gestöN worden." Da Professor Siegfried das Judentum jener Zei, von der er schrieb, nur wenig oder gar nicht gekannt ha, liegt es auf der Hand, das; sich in diesen Worten seine Aischauung über das heutige Judentum spiegelt. Und nicht ui die seine, sondern auch die seiner sämtlichen Kollegen an dt > deutschen Universitäten, die alle dem Judentume den Mang an Jdealisnius vorwerfen, wogegen das Christentum natürli! der Idealismus an sich wäre. Denkt man über diese B Häuptling nach, erscheint es unfaßbar, wie deutsche Philosophc i und Theologen, die doch auf ihre Gründlichkeit und Wahrheit liebe stolz sind, zu einer derartig oberflächlichen Ansicht si j zu bekennen vermögen. Dafür gibt es eben nur eine E klärung, und die ist, das; nran mit inehr Leichtsinn ui 1 Leichtfertigkeit, mit mehr apodiktischer Sicherheit und wenig r Sachkenntnis nie und nirgends über Menschen und Probler, c spricht und schreibt, wie über Juden und Judentum. W> > verstehen wir denn unter einem idealistischen Traum d r Weltbeglückung, wenn diese Worte nicht leere Redensart sei sollen? Den Traum eines einzelnen ober einesVolkco der Welt das Heil zu bringen. Dies Heil kann entweder das religiöse oder ein allgemein kulturelles sein. Die religiös ■ Weltbeglückung bedeutet, der Menschheit bestimmte religio

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