Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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mal Wvlf ist im Jahre 1841 altz Sproß einer aiu,eu henen Familie geboren und begann schon in seinem sechzehnten vbensjahre sich für jüdische Knnstgegenstände zu interessieren. Ü sie er mir selbst erzählte, war diese Neigung bis zu einem >z wissen Grade ererbt, denn schon sein Großvater besah für jüdische "ringe eine besondere Borliebe. Eine prachtvoll geschriebene lechina (jüdisch-deutsches Frauengebet), die er als Bräutigam stirieb und die in Wolfs Besitz war, legt davon Zeugnis ab. Nbert Wolf begann eine Sammlung von jüdischen Kunstg'genständen, jüdischen Münzen, seltenen Einblattdrucken und Urkunden, die sich ans das Judentum beziehen, soivie Handschriften berühmter Juden anzulegen, die er im Laufe der , uh re zu einer unvergleichlichen Vollkommenheit brachte. Ser jemals Gelegenheit hatte, diese auch materiell ungeheuer k 'stbare Sammlung zu sehen, der mußte staunen über das tiefe Verständnis, dar großen Fleiß und nicht zum mindesten über k e Opfcrwilligkeit des Sammlers. Ta die wertvolle Sammlung c nf Veranlassung des Schreibers dieser Zeilen vor zwei Jahren Sr Berliner jüdischen Gemeinde als Schenkung zugei hrieben wurde, wird sich demnächst Gelegenheit bieten, ans! e des näheren zurückzukommen. Nach der damals getroffenen . binachnng ist die Uebersiedlung der Sammlung nach Berlin , > aller Kürze zu erwarten, Kurze Zeit vor der erfolgten Schenkung hatte ein bekannter Gelehrter ans Amerika eine : ngewöhnlich hohe Summe, allerdings vergeblich, dafür > cboten. Durch Albert Wolfs ununterbrochene Beschäftigung mit idischen Dingen eignete er sich eine bewundernswerte tenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur an, md wer einmal mit ihm über irgend ein Ereignis, as Juden betraf, ins Gespräch kam, der durfte mit Sicherheit annehmen, daß er von ihm manche interessante >nd wenig bekannte Einzelheit erfahren werde. Auch literarisch 't Albert Wolf wiederholt und mit großem Geschick hervor- .etreten. Seine Arbeiten über jüdische Münzen, jüdische künstler, jüdische Exlibris usw. sind zum großen Teil in en „Mitteilungen der Gesellschaft zur Forderung jüdischer Volkskunde", in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenchast des Judentums" und anderen angesehenen Zeitschriften rschienen. Eine große Reihe von Artikeln der „Jewish ncyclopedia“ rührt von seiner Hand her. Trotzdem hat .in Name in diesem Werke — unverdienterweise — üne Aufnahme gefunden- Bei all seinem Wissen cichnete sich dieser Mann durch eine rührende Beheidenheit aus,. der wohl auch zuzuschreiben ist, daß 'in Ruf nur zu jenen Kreisen drang, die sich intensiv mit er Materie beschäftigen, der sich Albert Wolf widmete, nämlich er Erforschung der Kulturgeschichte des Judentums. Eine roße Anzahl wissenschaftlicher Abhandlungen liegt unvollendet .ns seinem Schreibtische, deren Fertigstellung durch seinen langelhaften Gesundheitszustand verhindert wurde. Oftmals rzählte er mir, welche Pläne er mit sich trug; nur wenige avon konnte er zur Ausführung bringen. Die Früchte seiner stndien sollte er nicht mehr genießen, und mit seinem Hinheiden sinkt auch eine Fülle von Wissen ' und Können ins >rab, für das wir sobald einen Ersatz nicht finden werden. Mit Wehmut gedenke ich des Mannes, mit dem ich nicht mr geschäftliche und literarische Beziehungen unterhielt, andern dessen Tod auch freundschaftliche Bande zerschneidet. Nöge ihm die Erde leicht werden! lörirf aus London. Bon Reverend Dr. (5 h o 1; 11 e t\ as bekannte lateinische Sprichwort, das da lautet: „Es kreißten die Berge und da erschien ein lächerlich kleines Mäuschen", könnte man recht gut passend aus die neue englische Education Bill anwenden, die die Aufmerksamkeit beider Häuser des englischen Parlaments ziemlich lange in Anspruch genommen hat. Während mehrerer Monate hatte sie nämlich die Gemüter der größern Majorität der Engländer in die größte Aufregung versetzt; und feurige Redeu wurden teils zugunsten und teils zur Verwerfung derselben allenthalben in London gehalten. Ebenso hitzig war der Federkampf in den englischen Zeitungen, worin die fragliche Bill entweder eifrig befürwortet oder recht scharf angegriffen wurde; aber nach all diesem langanhaltenden Sturme trat endlich eine auffallende Stille ein, denn die Bill wurde voll den streng konservativen Mitgliedern des englischen Oberhauses verworfen, rrnd ihr Todesurteil wurde somit ausgesprochen. Die Schulfrage in England bleibt demnach im Status rjuo, und die hier wohnenden Glaubensgenossen sind auch ihrerseits mit dem Resultate zufrieden, da sie, wie die Juden in verschiedenen anderen Ländern, den alten rabbinischen Spruch als praktisch anerkennen, der da lautet: „Das bestehende Landesgesetz muß stets respektiert werden." — In einem meiner früheren, in diesen Blättern abgedruckten „Briefe aus London" erlaubte ich mir die Bemerkung zu machen, daß meiner Meinung nach das hier erscheinende, tonangebende „Jewish Chronicle" einen faux pas gemacht habe, jndem es eine Zeitlang verschiedene höchst uninteressante, im Jargon abgefaßte Beiträge veröffentlicht und demnach diesem eine offizielle AnerkelllMllg verliehen hat, die ganz unberechtigt und infolgedessen überflüssig sei. Die von mir ausgedrückte Meinung wurde kürzlich in diesen Blättern von meinem Freunde Professor G. Deutsch in Cincinnati gemißbilligt, weil er glaubte, daß das „Jewish Chronicle" sowohl als die ebenfalls hier erscheinende „Jewish World" einen idealen Zweck im Auge hatten, als sie den jüdischen Jargon in ihren Spalten verwerteten. Nun ist es aber Tatsache, daß da nichts Ideales vorherrschte, sondern daß vielmehr die von den genannten Wochenschriften eingeführte Neuerung gewisse Vorteile in Aussicht stellte, die keineswegs als ideale betrachtet werden können. Diese Aussicht scheint sich aber nicht realisiert zu haben, denn die wenigen der Jargon liebenden Leser des „Jewish Chronicle" suchen ihn da etzt vergebens, und das fragliche, seit vielen Jahren einflußreiche und tonangebende Blatt wird noch immer von Tausenden mit regem Interesse gelesen, obschon > bie früheren, im Jargon geschriebenen dnmmen Geschichtchen darin nicht mehr zum Vorschein treten. — Eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten unter den jetzt in England amtierenden jüdischen Geistlichen ist Reverend Professor W. D. Marks, der vor einigen Monaten seinen 95. Geburtstag gefeiert hat. Vor etwa einem halben Jahrhundert wurde er bei der damals begründeten Reformgemeinde in London als Prediger angestellt, und er ist daher einer der ersten jüdischen Geistlichen in London, die regelmäßig in der Landessprache — nnb nicht im Jargon — predigten. Professor Marks veröffentlichte jüngst einige recht interessante Memoiren, von denen die zwei folgenden Auszüge besonders hier erwähnt zu werden verdienen. In feinen Jugendjahreu verkehrte er viel im Hause des damaligen Chief Rabbi Hirschell, der zuweilen recht witzig war. Als ein Prediger einer reformierten deutschen Gemeinde,