Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Oktobristen t'anute, niemals ein Geheimnis gewesen, das die Partei jedoch ängstlich hütete, bis es von R. Stolhpin, dem Bruder des Premiers und einem der Führer der Oktobristen, in einem Aufruf: „An die Fremrde voll rechts!" verraten wllrde. Es heißt wörtlich: Zn lvelcher verfluchten Stunde und von weru ward Euch ein-- gegeben, in dieser Wahlzeit die scharfe Meinungsverschiedenheit über die Juden aufzutischen? Begreift Ihr denn wirtlich nicht, daß nur in eitler revolutianären Duma die Judeufrage auf die Tagesardllnng gestellt werden kann? Sagt Euch delln wirklich Eller politischer Verstand nicht, daß eine genläßigte Dilina, bevor sie au die Jlldensrage herantreten rvird, sich mit hllndert anderen Fragen von größter Wichtigkeit beschäftigen lvird, die nicht nur in fünf, sondern in dreimal fünf Jahren nicht beendet werden? Ist Euch denn nicht klar, daß jene Gleichberechtigung der Juden, welche von einer Oktobristen- Duma durchgesührt werden wird, auf weise, vorsichtige Art, abhängig voll der vital notwendigen Alllllühlichkeit, verlvirklicht werden wird, die die Juden selbst vor einem Ausbruch des Bolksfanatislnus und das Volk vordem Andrang parasitischer Habgier schützen muß? Nein! Mit der Hartnäckigkeit urteilsloser Leidenschaft schreit Ihr: „Prügelt die Oktobristen, weil sie die Gleichberechtigung der Nationalitäten in ihrem Programm stehen haben!" Und was erreicht Ihr danlit? Ihr schenkt damit den Inden die sofortige Gleichberechtigung, die ihnen eine linksstehende Duma mit einem überhasteten, unbearbeiteten, unbedachten Gesetz geben lvird. Ihr und lliemand anders arbeitet mit Euren verderblicherl Ausrilfen, in denen Ihr in Eurem Haß gegen die Inden die Stimmen spaltet, das einfache Volk gegen die Oktobristen hetzt, lim Euer Mütchen zu kühlen, Ihr arbeitet zugunstell der Juden. So also dellken sich die Oktobristen die jüdische „Gleichberechtigullg". Uebrigens gibt die „Nowoje Wremja", das Oktobristenorgau, nicht Nllr den „allmächtigen Juden" schuld all der Niederlage, sondern sogar der Regierung. Und das ist gar lücht so falsch. Eine Regierung, die so kopflos ist, „die vor und während der Wahlen vier Tage lang einen förmlichen Pogrom in Odessa duldete, über den die Tagesblätter die haarsträubendsten Details brillgen, eine solche Regierung verdient ihre Niederlage. Erst das Einschreiten der fremden Konsuln hat sie alls ihrer Ruhe aufgeschreckt ulld die „leitenden Kreise" zur Ueberzeugung geführt, daß nicht nur General Kaulbars aus Odessa abberufen, sondern auch der gesamten Tätigkeit des „Russischen Volksverbandes", anf den man in hohen Kreisen cinft große Hoffnungen setzte, ein Ende * gemacht werden muß. Im übrigen erklärt das Organ des „Russischell Volksverbandes", die „Rußkoje Snamja", da Kruschelvan, der jetzt auch in die Dunla einzieht, und Purischkewitsch Drohbriefe erhalteil hätten, so würdell „die Judell" Willalver, Hessen, Kiesewetter llnd Miljukow für ihre Sicherheit haftbar gemacht. Die übrigen Feinde Kruschewans brauchen sich zunächst llicht zu beunruhigen. So geht es jetzt ill Rußlalld zu, am Vorabend des Versllchs einer neuen großen Anleihe! * Wie der „Welt" berichtet lvird, hat jüllgst in Bjernborg ill Finnland eine Versammlung stattgefmlden, die über die Lage der dortigen Juden verhandelte und den Beschluß faßte, ein Gesuch an den Senat zu richten mit der Bitte, die Lage der Juden in Finnland zu bessern. Nach der jetzigen Sachlage wäre die russische Zentralregierung llicht imstande, den finnlündischen Senat zu verhindern, den Juden Gleichberechtigung zu verleihen. Der früher gebrauchte Vorwand, die russische Regierrmg sei an der Beschrällkung der Judenrechte in Finnland schilld, ist jetzt nicht mehr stichhaltig. Es liegt an den Finnländern selbst, auf gesetzlichem Wege diese Gleichberechtigung zu erteilen. Dem russischen Generalgouverneur dient nur das Vetorecht. Da der jetzt funktionierende Genera'- gouverneur Gerard alles vermeiden würde, was nur d. i Scheül einer reaktionären Neigung haben könnte, so unterließ es feinem Zweifel, daß er von seinem Vetorecht keinen Gebran l, lnachen würde. Uebrigens wäre das auch ein Trumpf in d.n Händen der russischen liberalen Partei, delnr im Falle ein * Protestes seitens des russischen Geueralgouverneurs, könnte he liberale russische Partei ill der Duma diese Frage aufroll n llnd die russische Regierung für die reaktionäre Einmischm J ill die inneren Angelegenheiten Finnlands zllr Verantwortlll J ziehen. Es ist au der Zeit, die Allfnlerksalllkeit der Finne i freunde in Westeuropa anf diese Frage zu tenfeu. Ei ie' „Besserung der Lage" wird ja übrigens auch voll Stolyp 11 und wurde doch auch von seinen Vorgüngerll, Plehwe uint ausgenommen, als „wünschenswert anerkannt und gewn e Zugeständnisse entweder bereits gemacht oder in Aussicht g-- stellt; die liberalen Russen hingegen und die Gesamtheit d c jüdischen Bevölkerung wollen von Zugeständnissen in d Besserungen nichts hören und machen auf eine einnmUie gründliche Gleichberechtigung Anspruch, und dies zu einer Zei, in der die Kollstitlltion in Rußland erst an gestrebt und b i lveitem noch nicht erreicht worden ist. Und dabei handelt i> sich doch um eine gewaltige Jlldenlnasse, während es sich i.i Finnland nur um ein kleines Hüllftein handelt. Es ist also, wie das obeilgellannte Blatt richtig bemerl. voll ungeheurer Tragweite für die weitere Eutwicklllng d r Judengleichberechtigungsfrage in Rußland, daß Finnland int seinem Beispiele vorangehe. Der Judengleichberechtigung -- verballd in Rußland ist augenblicklich mit der Wahlagitalü i: zu sehr beschäftigt, um sich mit dieser Frage befassen zu könne i, aber sofort nach der Erledigung der Wahlkaulpaglle wäre e Pflicht, auf die Judenfrage in Finnland die allgemeine Al merksamkeit zu lenken. * Das neue a m erikanische Einwanderungsgesetz, das President Roosevelt bereits unterzeichnet hat, verteuert die Ozea - fahrt bedeutend, weil es die Kopfsteuer verdoppelt und zuglei. ) einen größeren Luftraum für jeden Zwischendeckler vorschreit . Die Befürchtung liegt nahe, daß der angeblich nur zum All - schlusse japanischer Kulis eingeführte Paßzwang auch gegui europäische Arbeiter Anwendung finden könnte. Ulld das wä e für die russischell Juden ein neues Verhängnis. Mall da i darauf gespaunt sein, was die ulaßgebenden jüdischen Krei e Anlerikas zu dieser neuen Einwanderungsbill sagen werde i. Widert Molk. Von Louis La mm-Berlin*. as Jahr 1907 hält grausame Ernte unter den Au erwählten des Judentums. Moritz Steinschneidn. Salomon Buber, Bernhard Ziemlich sanken bereits dahi i. und ein anderer folgte ihnen dieser Tage, der zwar wenig v bekannt, aber doch eine in jeder Beziehung hervorragend Persönlichkeit war. Aus Dresdeil erreicht uns die Tramcbotschaft, daß Albert Wolf verschieden ist. Es kann nn 1 meine Aufgabe sein, diesem Manne mit einigen Zeilen gere< >t zu werden. Ein würdigerer Biograph wird ulld muß ih >i erstehen. Nllr eine kurze Würdigung dieses (eltenen, fei i sinnigen und bedeutenden Mannes mag hier Platz finden.1) h Vergleiche die Korrespondenz Dresden im „Gemeindeboten".