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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Harnack kann sich von dem Gedanken einer Staatsreligivn, oder richtiger einer vom Staat bevorzugten Religion, nicht trennen. Diese ist für ihn das Christentum. Folgerichtig muß auch genau festgestellt werden, was das Christentum sei, welche Konfession den Anspruch auf Bevorzugung seitens des Staats erheben dürfe. Harnack meint, es käme im Grunde genommen nur auf die wesentliche Idee des Christentums an. Es sei kein großer Unterschied, ob man nur durch den Glauben oder durch gute Werke und den Glauben die Rechtfertigung erfahre. Ebenso ließe sich noch die „mittlere Linie" in der Kontroverse finden, ob Schrift oder Schrift und Tradition, dasselbe sei der Fall hinsichtlich der Frage des Mönchtums: über das Opfer, die Messe. Bewunderungswürdig ist die über alle konfessionellen Gegensätze erhabene Auffassung Harnacks, soweit es sich um den Streit zwischen Protestanten und Katholiken handelt. Warum aber da Halt machen? Adolf Harnack verlangt nicht etwa, daß Katholiken Protestanten werden oder Protestanten Katholiken. Das sei ja ganz unmöglich. Er verlangt nur, daß die gegenseitige Gehässigkeit aufhöre, daß vor allem die politische Religion und die Verquickung von Konfession und Politik zu bekämpfen sei. Dies können wir ohne weiteres auch für das Judentum in Anspruch nehmen. Man braucht die Inden deshalb nicht bürgerlich zurückzusetzen, weil sie nicht an einen dreieinigen, sondern an einen einzigen Gott glauben. Das um so weniger, als es sich doch nur rnn einen Glaubensartikel handelt, der durch den äußeren Zwang nicht glaubhafter gemacht werden kann. An die meisten christlichen Dogmen, und zwar an die grundlegenden, glauben viele gebildete Christen selbst nicht mehr, ohne daß sie deshalb zu Bürgern zweiten Grades herabgedrückt werden. Aber selbst abgesehen von der bürgerlichen Zurücksetzung der Juden, liegt auch ein großes Unrecht in der Art und Weise, wie gegen das Judentum auch seitens der freisinnigen protestantischen Theologen polemisiert wird. Hören wir, was Harnack treffend von einer solchen Polemik sagt: „Die falsche Kampfesweise besteht darin, die gute Theorie der eigenen Kirche mit der schlechten Praxis der anderen zu vergleichen; man vergleiche vielmehr Theorie mit Theorie und Praxis mit Praxis. Unnötig aber sind die Streitigkeiten, in denen sich die Kirchen wechselseitig alles das heute noch vorwerfen, was sie in der Vergangenheit gesündigt haben." An diese herrlichen Worte Adolf Harnacks werden wir in der Zukunft denselben Harnack und viele seiner Kollegen erinnern, wenn sie das Judentum in seinem geschichtlichen und ethischen Wert herabsetzen, wenn sie einige Aussprüche und Lehrmeinungen aus dem nachbiblischen Schrifttum herausreißen, um so die Minderwertigkeit des Judentums zu beweisen. Es liegt darin dieselbe kirchliche Engherzigkeit, die Harnack in dem Streit zwischen Katholiken und Protestanten findet und nicht genug beklagen kann. Das Unrecht ist vielleicht, wenn diese Engherzigkeit sich in der Beurteilung des Judentums kundgibt, ein viel größeres. Denn es ist dies, was ebenfalls Harnack selbst einst gesagt hat, geschichtlich ein zur» Himmel schreiendes Unrecht. Und außerdem sind Katholiken und Protestanten mächtig genug, sich allzugroße Ungebühr vom Leibe zn halten. Ein Angriff auf den Protestantismus oder Katholizismus hat für die Angehörigen dieser Konfessionen niemals die Folgen wie die Angriffe auf das Judentum für die Juden. Der religiöse Friede ist ein hohes Ideal. Aber uni es zn verwirklichen, muß man über die enge Grenze der Konfession und der Kirche hinausgehen und sich zum wahren Humanismus erheben. Die Woche. Berlin, 26. Februar 3m Abgeordnetenhause wurde in dieser Woche beim Etat des Ministers des Innern auch die Frage der Ausweisungen gestreift. Leider nur in sehr aphoristischer Weise Der Abgeordnete Justizrat Cassel sagte u. a.: „Ich möchte auch auf die Frage der Ausweisung von Ausländerl zurückkommen. Der Minister hat damals erklärt, daß Ausländer ausgewiesen werden sollen, wenn sie ohne gesicherte wirtschaftlich Existenz, ohne Legitimation oder politisch verdächtig sind. Fernem sollen auch diejenigen Personen ausgewiesen werden, bei denen dies Voraussetzungen zwar nicht so klar vorliegen, bei denen aber doa an und sür sich ein berechtigter Zweifel nach den gedachten Richtungei vorhanden ist. Gegen diese Personen soll allerdings milder vor gegangerr werden. Ich kann nicht umhin, zu behaupten, daß wei? über die von dem Minister hier gezogenen Grenzen hinaus nach seiner Rede vom 12. Mai 1906 Ausweisungen ersolgt sind. Ich will dabe: zugeben, daß ans die erhobenen Vorstellungen Abhilfe geschaffen worden ist. Aber es ist doch bedauerlich, daß diese Vorstellungeil erst llötig waren." Leider wurde das wichtige Thema nicht weiter verfolgt. Aber es steht zu erwarten, daß es nicht zum letztenmal augeschnitten wurde rrnd daß auch in diesem Falle durch die wiederholte parlamentarische Erörterung ein Erfolg erzielt werden kann. * Nachklänge zu den Wahlen vernimmt man jetzt aus alle: Parteilagern, die ergötzlichsten aber ohne Frage aus dem bei verschiedenen antisemitischen Heerlager. Zunächst hat dii Leitung der Deutschen Reformpartei auf Grund des vorgelegter? tatsächlichen Materials folgenden Beschluß einstimmig gefaßt: „Herr Professor Dr. Paul Förster in Friedenau, der Vorsitzende des Deutschen Volksbundes, wird aus der Partei ausgeschlossen, weil seine Kandidatur im Wahlkreise Arnswalde-Friedeberg gegen der bisherigen Abgeordneten Bruhn, dessen Wiederaufstellung im Beiseil des Professors Förster von der Partei gutgeheißen worden war, nuiv nur verstößt gegen die unbedingt erforderliche Parteidisziplin, sondern lveil auch die Betreibung jener Kandidatur mit den verwerflichsten Mitteln allen jenen deutschen, sittlichen und rechtlichen Anschauungen widerspricht, die als grundlegend sür unsere gesamte Bewegmm gelten müssen. Der Ausschluß erstreckt sich gleichzeitig auf der „Deutschen Volksbund" selbst, weil seine leitende Persönlichkeiten di. Kandidatur Förster, über deren Frivolität sie sich klar sein mußten trotzdem unterstützt haben." Noch ergötzlicher ist der Krieg zwischen Reformern mit Deutschsozialen in Hessen. Nachdem die Kandidaten de' letzteren in Kassel-Melsungen und Rinteln-Hofgeismar glückliä durchgedrungen sind, ohne daß ihnen die drohende Konkurren der antisemitischen Reformer etwas geschadet hat, ergeht siä das Organ Liebermann von Sonnenbergs in desto schärferen Spott und desto wüsteren Beschimpfungen gegen die so klägliü unterlegenen Brüder. Die „Deutschsozialen Blätter" stelle? fest, daß der Kandidat der Reformer, Hauptmann a. T Simons, in Cassel volle sechs Stimmen erhalten hat! „Da sei der Erfolg der planmäßigen und niederträchtigen Hetze, di man gegen Herrn Amtsgerichtsrat Lattmann von dieser Seit eröffnet hatte, angestachelt von Rachsucht, Bosheit und klein lichem Neid gegen den vortrefflichen Mann." Weiter wird di Agitation der Reformer eine „unsinnige und maßlose Be wegung" genannt, deren Träger sich zum großen Teil „wi die Wilden gebärdeten und vor feinem Mittel der Luge um Verleumdung zurückschreckten". Ihr Organ, die „Hessisch Rundschau" (die „Deutschsozialen Blätter" erwähnen am liebevoll ihren Spitznamen „Gehässige Schundsau") sei jech

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