Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, I. März 1907. fl. Jahrgang. Nr. 9. r 3 V Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. tteftci* teur: Guftciv liatptlcs. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Drr rrljgmlr Friede. Berlin, 26. Februar, dolf Harnack hat am 27. Januar, des Kaisers Geburtstag, an der hiesigen Universität vor einem vornehmen ind gebildeten Publikum eine Festrede gehalten, die mit Recht großes Aufsehen hervorrief.. Er hat in dieser Rede eine These nifgestellt, die an sich nicht neu ist, aber durch ihn in einer lenen Form behandelt wird. Adolf Harnack, der geistvolle rheologe, predigt den konfessionellen Frieden in Deutschland, licht etwa die religiöse Einheit des deutschen Volkes, ein Kompromiß zwischen den beiden christlichen Konfessionen und hren kirchlichen Verfassungen, sondern ein gegenseitiges friediches Entgegenkommen zwischen Protestanten und Katholiken as Abschleifen aller Schroffheiten, das Eingehen des einen nf die Anschauungen des andern. Man sieht, daß der freisinnige protestantische Theologe mch in diesen Erörterungen nicht etwa den Standpunkt der oti der Konfession losgelösten rein menschlichen Bürgerlichkeit .innimmt, sondern zum Volk als Christ spricht, der bloß die onfessionellen Unterschiede und Gegensätze zwischen Protestanten lild Katholiken soweit gemildert sehen will, daß sie nicht mehr ii das politische und gesellschaftliche Leben hinüberspielen. Er rhebt sich nicht zu der Auffassung, die über allen Unterchieden zwischen Mensch und Mensch steht, nur zwischen Christ ind Christ dürfen die religiösen Gegensätze nicht so weit zu gespitzt werden, daß sie den sozialen Frieden stören. In beweglichen Worten beschwört er Protestanten und Katholiken, och nicht die religiöse Kontroverse auf die Spitze zu treiben, a sie vielleicht früher berechtigt gewesen sei, jetzt aber ihre leschichtliche Bedeutung verloren habe. Harnack übernimmt ie Beweisführung nicht nur für die Behauptung, daß sich 'rotestantische und katholische Theologen und Laien jetzt gegen- ^itig sehr gut verstehen können und zum Teil auch bereits zu 'inständigen begonnen haben, sondern auch dafür, daß die ogmatischen Gegensätze nicht mehr zwischen den beiden Konsisionen so trennend wirken, wie es ehedem der Fall war. Dieser religiöse Freisinn, der gewiß viel mehr als bloße Toleranz ist, versagt aber völlig, wenn Harnack die Grenze des hristentums überschreiten soll. Für ihn ist das Christentum, ms er bereits in seinen Schriften besonders betont hat, nicht ine Religion, sondern die Religion. Er idealisiert das Christentum, findet in ihm die höchste Sittlichkeit verkörpert, ieht in ihm die erhabensten religiösen Ideale verwirklicht. So aßt er diese Weltretigion auf und so möchte er sie als den mhalt alles geistigen und kulturellen Lebens verehrt wissen, lus diesem schönen Traum wird er durch die tatsächlichen Verhältnisse gerissen, durch den konfessionellen Hader, der zwischen Protestanten und Katholiken herrscht, durch die erbitterten Kämpfe, die nicht selten mit der größten Gehässigkeit geführt werden, durch die kirchliche Anmaßung, in das Staats¬ und Gesellschaftsleben eingreifen zu wollen. Das alles macht aber dein temperamentvollen Kirchenhistoriker an seinem Ideal nicht irre. Für ihn ist es kein Zweifel, daß diese kirchlichen Zänkereien nicht das Wesen des Christentums ausmachen. Nicht einmal die Kirche macht er für diese Auswüchse verantwortlich, wie überhaupt Religion ohne Kirche nach Harnacks Anschauung nicht denkbar sei. Für ihn ist das Christentum vom sozialen Leben nicht zu trennen. Die in Frankreich versuchte Lösung der schwierigen Frage, den Staat von der Kirche zu trennen, verwirft Harnack vollständig. Er meint, „die christliche Religion sei in den Tiefen unseres inneren und nationalen Lebens verankert, mit unserem höheren Dasein unauflöslich verbunden, und keine Macht vermag sie zu beseitigen". Der theologische Freisinn Harnacks ist somit, trotzdem er bei den orthodoxen Protestanten und ultramontanen Katholiken heftigen Widerspruch hervorgerufen hat, im Grunde genommen kirchlich beschränkt. Denn wäre dies nicht der Fäll, so hätte sich Harnack sagen müssen, daß alles, was er gegen die konfessionellen Streitigkeiten unter den Christen selbst anführt, auch gegen ihn in seinen: Verhalten zum Judentum angewendet werden kann. „Ueberall begegnet man dem konfessionellen Vorurteil; überall stößt man aus die Zäune, ja die Mauern der Konfessionen." Und nicht nur das, eigentlich liegt in dein konfessionellen Streit unter den Christen selbst mehr Sinn und auch mehr Folgerichtigkeit, als in dem feindseligen Verhalten der Christen gegen das Judentum. Der moderne Mensch, und er braucht wahrlich nicht religionsseindlich zu sein, steht auf dem Standpunkt, daß die Kirche nicht die Religion ist, ebenso wie die Staatsgesetze nicht die wahre Ethik bedeuten. Die Religion aber ist das innere, individuelle Verhältnis des Menschen zu Gott, d. h. zu seinen Idealen von den menschlichen Tugenden und der Sittlichkeit. Was mag da der Staat in dieses innere Leben greifen, und wie soll er den Wert des religiösen Gefühls bemessen? Wenn Menschen mit gleicher oder annähernd gleicher religiöser Gesinnung sich zusammenfindeu, um sie gemeinsam in der von ihnen übernommenen Weise zu betätigen, so hat dies mit der höchsten politischen Gewalt, mit dem Staat, nichts zu tun, es sei denn, daß durch ihr Verhalten die gesellschaftlichen Interessen Schaden erleiden. Der Staat aber handelt gegen seine höchste Aufgabe, wenn er seine Interessen so weit ausdehnt, daß der Bürger dadurch in seiilem inneren religiösen Leben gestört wird. Das Christentum, wenn es Staatsreligion ist, verwirft diese Theorie. Es läßt dem Bürger diese geistige Freiheit nicht.