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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 96 (sequence 12)
Language
German
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96 ein Gelehrter oder vielleicht gar ein Architekt? Architekt war für Hirsch Lubliner das höchste Ziel in der Geschäftswelt, Rabbiner der Gipfel der Vollendung in der Religion und Gelehrsamkeit. Er zuckte die Schultern und erwiderte: „Ich weiß es wirklich nicht. Und warum er es uns niemals geschrieben hat, weiß ich auch nicht. Gib Dich zufrieden. Wenn wir dorthin koinmen, werden wir es schon erfahren. Das eine ivissen wir genau, das unser Moische ein gutes Kind ist. Möchten alle Eltern solch einen Sohn haben, der ihnen für die alten Tage ein gutes Heim bereitet. Möchten alle jüdischen Kinder so vorwärts kommen wie unser Moische!" „Amen!" sagte die Mutter. Uud Moische? Wie war er vvrlvärts gekouunen, und wie ernährte er sich? — Er war presbyterianischer Missionar zur Bekehrung der Juden. Als Moische Lubliner mit anderen Emigranten seine Vaterstadt Wiuniza verlassen hatte, hatte er seinen Tallis, sein Gebetbuch und seine Bibel mit sich genommen. Er wußte, daß es ihm bestimmt wäre, alle Wunder der Welt zu sehen, aber er nahm sich auch vor, allen Gefahren zu trotzen und sich mit der vollen Rüstung seiner Religion davor zu schützen. Auf dem Meere und der Eisenbahn hatte er jeden Morgen seinen Tallis umgelcgt und dreimal des Tages in seinen Siddur gelesen, obgleich er alle Gebete auswendig wußte. Eingedenk dessen, was ihm seine Mutter eingeschärft hatte, hatte er zitternd das erste Kapitel der Genesis in der Bibel aufgeschlagen, >venn er die Stimme des Herrn im Sturmwind, im Donner oder Blitz hörte. Oft hatte er auf seiner Reise große Augst ausgestauden in betreff seiner endlichen Bestimmung; denn zu Hause hatten sie erzählt, daß Amerika unter der Erde sei, und wenn man in Wiuniza ein Loch bohren könnte, so groß wie der Weg von Wiuniza nach Kiew, so könnte man direkt nach Amerika kommen. Aber da es unmöglich war, solch ein Loch zu graben, mußte man, um nach Amerika zu kommen, bis ans Ende der Welt gehen und dort, wie die Fliegen, mit dem Kopf nach unten Umschlagen. Er hatte schreckliche Träume, in denen cs ihm vorkam, als ob er als menschliche Fliege, mit dem Kopfe nach unten, auf amerikanischer Erde herumwandere. Dann erwachte er plötzlich und fand sich auf dem Boden; ein starker Wellengang hatte ihn aus seiner Hängematte geworfen. iSchlub folgt.) Sprechsgal. Sehr geehrter Herr! er neulich erschienene fesselnde Aufsatz des Herrn Kreisrabbiners Tr. Max Beermann in Insterburg „Hinter Kerkermauern" bringt die 1904 veröffentlichte Schrift desselben Verfassers: ,,Die Seelsorge an jüdischen Strafgefangenen" (24 Seiten 8°), in Erinnerung, welche einer Anregung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes ihre Entstehung verdankt. Der Bund, der mit Recht eine übersichtliche Zusammenfassung der einschlägigen Gesichtspunkte für zweckmäßig hielt, um auch auf diesem Gebiete den Anstoff zur Förderung seiner hohen ethischen Ziele zu geben, konnte sicherlich keilte geeignetere Feder wählen. Tr. Beermann befaßt sich viel länger als ein Jahrzehnt theoretisch und praktisch mit der Materie, und seine Ausführungen verdienen in allen den Kreisen nicht nur gelesen, sondern auch beachtet und befolgt zu werden, welche sich amtlich der jüdischen Strafgefangenen anzunehmen haben. Nachdem die preußische Negierung der Detinierung solcher in einer begreuzteren Anzahl von Anstalten als seither nicht mehr so ablehnend gegenüberstehen soll wie nach der Verfügung von 1897, so wird die staatlic, besoldete und damit organisierte Wirksamkeit der jüdischen Geistliche; an Strafhäusern, welche an das dauernde Vorhandensein von meh als zehn jüdischen Gefangenen in einer Anstalt gebunden ist, nun wieder weit öfter Platz greifen. Zunächst führt der Verfasser warn herzig aus, wie niemals vergessen werden solle, daß auch der Lei urteilte ein Mensch ist, der nicht verloren gegeben werden darf, un i nun untersucht er mit einem durch reiche Erfahrung geschulte, Kennerblick die Umstände, welche für das Verhalten des Seelsorger.' in Frage kommen, sei es im allgemeinen, sei es der einzelnen, feine: geistlichen Obhut anvertrauten Person gegenüber: „Behandle be i Sträfling nach seiner Weise!" möchte man in Anlehnung an d.;o Spruchweisheit sagen. Der Gegenstand ist von allen Seiten scharf beleuchtet, die Ausführungen sind klar und kurz und enthalten auch manche beachtens werte neue Anregung, z. B. daß auch Frauen zu seelsorgerische Tätigkeit in Gefangenenanstalten herangezogen werden sollten, den: da die Geistlichen in die Zellen weiblicher Häftlinge nur in Gegen wart einer Art von Kustodin Einlaß erhalten, die erschütterndst Wirkung aus das Gemüt oft aber nur unter vier Augen erzielt wird so liegt das Ratsame des Vorschlages nahe, und manche tief angelegt Frau könnte in heutiger Zeit auch diesen Beruf im Nahmen weib licher Wohltätigkeitspflege und Fürsorge zu Ehren bringen. Jndessei will Beermann nicht nur erschüttern, im Gegenteil warnt er mi Recht vor dem Versuch allzu intensiver Beeinflussung, das schläg selbst bei Charakteren fehl, die trotz einmaliger Verschuldung wiede moralische!: Grund zu fassen wissen, viel leichter aber noch be. Gewohnheitsverbrechern oder bei Heuchlern, deren sich in der Klass der Bestraften so viele finden. Die Themata für Anstaltspredigten, denen er zumeist die Wochen abschnitte zugrunde legt, sind geistvoll ausgelesen; für die Privat lektüre der Sträflinge würden nur unter anderen noch die vorzüg liche metrische Nebersetzung der Psalmen von Fedor Spanjer-Hersorl (Braunschweig, C. A. Schwetschke & Sohn. 1896) und das herrliche zur ethischen Erziehung ulächtig anreizende Werk von Wünsche: Di Schönheit der Bibel (Leipzig, Eduard Pseifer, 1906), sowie von älterer Schriften etwa die Zusammenstellung von Parabeln uud Gedankei aus Talmud und Midrasch durch Professor Giuseppe Levi (deutsch vor Rabbiner Ludwig Seligmannj Vorschlägen. Dem Literaturverzeichni über Gesängniskunde usw. soll hier verdientermaßen die ebenso ge mutvolle wie formschöne Erzählung von Wilhelm Speck: Zwei Seelei (Leipzig, Fr. Will). Grunow, 3. Aufl. 1905) nachgetragen werden. Wern: Beermann darlegt, das; der Geistliche sich über das ganz beregte Gebiet, über die Verhältnisse der Anstalt, die Art der Be Handlung darin, das Vorleben, die Fainilie des Detinierten usw gründlich-zu unterrichten habe, um für seine Seelsorge hinter de: abgeschlossenen Mauern auf nachhaltige Erfolge rechnen zu dürfen so können wir die vom Verfasser in Insterburg zu beziehende Schrift welche auch den: Dezernenten im Ministerium des Innern zu Berlin vor gelegen hat, nur als eine überaus geeignete Handhabe und Rieht schnür hierfür empfehlen, die eine viel weitere Verbreitung verdient als ihr bisher zuteil geworden ist. Das tiefe Mitgefühl für die Un glücklichen der Gesellschaft, der warme Ton, welcher die ganze Ab Handlung durchzieht und uns fast die Warnung nahelegt, darin nich zu weit zu gehen, darnit man uns Juden nicht etwa gar unan gebrachte Begünstigung unserer verurteilten Glaubensgenossen vor rverfen möchte — sie erstrecken sich selbst bis auf den Rainen des Berline Druckers: Arthur Scholeu:. Ja, so schließen wir diesen Hinweis au ein Feld der Seelenunruhe und Trostlosigkeit, das den n:eisten vw uns glücklicherweise fern liegt, aber nichtsdestoweniger die ernste Be Handlung durch Mäi:ner und Frauen erfordert: „Jelii scholoi bechelech!" Es werde Friede in deinen Mauern. Brau u schw ei g, 6. Februar 1907. Ergebenst Felix Herzfeld. Druck und Verlag von Rudolf Mo ffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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