Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228753--63317-3297202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

95 Zungen der Eltern nicht. Moses war nach Amerika gegangen, wo so viele schon den Glauben ihrer Väter verlassen hatten. Zankel, der zweite Sohn, dagegen zeigte mehr Wissensdurst; das tröstete die Eltern über Moses Abwesenheit und >ieß sie den jedesmaligen Nachrichten über Moses Fortkommen u Amerika mit Freuden entgegensetzen. Eines Tages brachte Hirsch einen ungewöhnlich großen Brief mit vielen Postmarken mch Hause. Als man den Brief öffnete, fiel Moses Photographie leraus, die erste, die sie erhielten, seitdem er ein Mann;eworden war; denn Moses war erst vierzehn Jahr alt gewesen, als er Winniza verließ, und setzt war er ein junger Rann von dreiundzwanzig Jahren. Die Mutter ergriff das Bild, küßte die geliebten Züge und ief ein über das andermal: „Sieh nur, Hirsch, unser Moische! Wer Hirschleben, mir scheint,unser Moische muß jetzt schönem insgewachsener Mann sein, und hier sieht er aus wie ein Zunge. Kein Bart, keine Peies (Schmachtlocken), und Hirscheben, er trägt auch kein Käppchen! Sieh nur, gekleidet ist er vie ein feiner Herr, mit kurzem Rock und weißer Krawatte. Was ist aus meinem Moische, meinem guten Moische, geworden?" Hirsch blickte das Bild aufmerksam an. „Es ist wirklich inser Moische," sagte er, „und er sieht wie ein feiner Mann ins. Aber Du weißt doch, Chaje Rachel, daß er uns oft gechrieben hat, in Amerika sind die Sitten anders als bei uns. Dort sehen Juden und Christen gleich aus, sie tragen die zleichen Kleider, rasieren alle das Gesicht, und niemand trägt wrt Peies wie unsere Weisen (ihr Andenken sei gesegnet) wrgeschrieben haben. Und hat er nicht geschrieben, daß die großen Rabbiner des Landes dasselbe tun und es den andern erlauben, nach den Worten unsrer Weisen: Gewohnheit vernichtet Gesetze. Daß das hier nicht erlaubt werden kann, ist lar; denn hier ist Gewohnheit wie Gesetz, aber vielleicht ist es n Amerika erlaubt. Vielleicht? Ich werde gehen und den Rabbiner fragen." Er faltete den langen Brief seines geliebten Sohnes ausinander; dabei fielen einige Billetts und eine Geldanweisung mf den Tisch. Sie blickten erstaunt darauf; denn sie vertanden wohl, was die Geldanweisung zu bedeuten habe, vußten aber nicht, was mit den Billetts zu tun. Im Briefe tand wieder, wie schon oft in früheren Briefen, wie glücklich Noische sein würde, wenn er seine Eltern in Philadelphia laben könnte. „In Philadelphia," schrieb er, „geht es mir wie Euren Vorfahren im Lande Israel. Es ist wirklich ein Land, in dein Mch und Honig fließt, und ein Land des Friedens und des Stückes für die Menschen. Erinnert Euch an die Worte: -ehet, wie gut und schön ist, wenn Brüder einträchtig mitinander leben. Unsere Stadt heißt „Philadelphia", weil dieses! Wort in der Sprache der Sternanbeter „Bruderliebe" bedeutet.! Ind so lebt man wirklich in diesem gelobten Lande. Mir ehlt hier nur eins, Ihr fehlt mir, liebe Eltern. Wenn Ihr nit den Kindern zu mir f omnien wolltet, dann wäre ich i virklich glücklich. Ich habe Euch oft gebeten, zu mir zu! ommen; nun flehe ich Euch an, kommt mit den Geschwistern! u mir und laßt uns glücklich Zusammenleben bis hnndert fahr. Ich schicke Euch im Brief Billetts für das Schiff und >ie Eisenbahn und eine Geldanweisung, damit Ihr die Kosten j turer Reise decken könnt." j Nachdem der Brief gelesen war, blickten Mann und Frau! ich eine Weile stumni an. „Nun, Chaje-Rachel, was meinst Du?" begann Hirsch. „Was bedeuten die roten Papiere, Hirschleben? fragte sie. „Damit fahren wir aus dem Wasser." „Mit den roten Papieren? Sprich feinen Unsinn." „Warum nicht? Mit den roten Papieren kommen wir nach Amerika." „Wunder Gottes! Mit den roten Papieren fahren wir übers Meer?" Und sie berührte sie behutsam mit den Fingern. „Ein Talisman vom größten Wunderrabbi kann kein größeres Wunder tun." „Chaje-Rachel, sei nicht dumm. Glaubst Du, nian setzt sich auf die Papiere und fliegt übers Meer? Diese Papiere geben wir dem Besitzer des Schiffes ab, und dafür läßt er uns mitfahren." „Ist es weit nach Amerika, Hirschleben?" „Es ist weiter als von hier nach dem Friedhof," antwortete er lachend. „Sie her, Moisches Brief ist drei Tage vor Peßach geschrieben und heute ist der siebennndzwanzigste Nissan. Der Brief war mehr als zwei Wochen unterwegs. Wenn wir fahren, können sic uns nicht wie die Briefe in Säcke packen, darum werden wir gewiß drei Wochen brauchen, bis wir bei Mvischele ankommen." „Drei Wochen werden wir beständig reisen?"..fragte sie ungläubig. „Höre mich, liebe Frau! Ich habe große Sehnsucht, zu Moische zu fahren; es treibt mich, es zieht mich; ich weiß, ich werde nicht mehr ruhig in Winniza bleiben können. Es gab eine Zeit, wo ich dachte, ich wäre zu alt, um in die weite Welt zu wandern, und die fremden Gebräuche waren nicht nach meinem Geschmack. Aber jetzt fühle ich, ich muß fahren; ich muß unfern Sohn, unfern gebenschten Moische, in Amerika sehen. Sieh Dir mal dies Bild an! Ist er nicht ein schöner, ein feiner Mann? Findest Du in Winniza einen, der ihm das Wasser reichen kann? Wenn Amerika aus Moische solch einen Mann gemacht hat, warum sollen wir die beiden anderen hierin Winniza aufwachsen lassen? Es ist wahr, in Amerika werden die Juden ein bißchen wie Christen, lind nach strengem Gesetz sind sie Sünder; aber wenn die großen Männer in Amerika sagen, daß das Gesetz den Sitten des Landes weichen muß, warum sollen wir nicht in jenes Land gehen? Nur kurze drei Wochen und alles ist überstanden." Nach dem frugalen Abendessen las die Mutter den Brief noch einmal von Anfang bis zu Ende und benetzte, ihn mit ihren Tränen. Die Kinder stritten sich laut um den Besitz der Postmarken, und der Vater ging zum Rabbiner und befragte ihn wegen der Reise und der Sitten des Landes der Freiheit. Als er nach langer Unterredung mit dem Rabbiner diesen verließ, war er sehr zufrieden, denn ihm war die Versicherung geworden, daß er seine Anwartschaft auf den golduen Thron im Jenseits nicht aufs Spiel setze. Er kehrte zu seinem elenden Hause zurück durch Straßen, die nichts als offene Kanäle waren, an Hinterhäusern vorbei, wo Armut und Elend einander Gesellschaft leisteten. Denn Winniza liegt in einem Bezirk des heiligen Rußland, wo nicht immer so viel Brot da ist, wie gefordert wird, und wo das größte Vergnügen darin besteht, das „Haus des Lebens" aufzusuchen. Als Hirsch nach Hause kam, fand er seine Frau noch immer mit dem Briefe in der Hand. „Hirschleben," fragte sie, „was für ein Geschäft betreibt unser Moische, womit ernährt er sich?" Der Vater schaute sie bestürzt an. Eigentümlich war es, daß Moische niemals etwas darüber geschrieben hatte. Daß es ihm gut ging, ergab sich aus den häufigen früheren Geldsendungen, wie aus der heutigen, den Billetts, dem Bilde. Aber wie verdiente er sein Brot? War er ein Kaufmann,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.