Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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dankbar haben die Lehrer das tatkräftige Vorgehen ihres Vorgesetzten zu würdigen gewußt. Die schönste Anerkennung für all seine Tätigkeit brachte dem eifrig wirkenden Leiter das ungewöhnliche Wachstum der Anstalt, die ein Jahrzehnt nach seinem Amtsantritt die höchste Ziffer seit ihrem Bestehen mit 489 Schülern und 385 Schülerinnen aufwies und die Gemeinde zur Erweiterung der Räumlichkeiten nötigte. Blieb auch diese Zahl durch die gerade damals rasch aufeinander folgenden Gründungen mehrerer städtischer höheren Lehranstalten und durch die unglückliche örtliche Lage des Philantropins nicht auf dieser Höhe — der Eifer und die Fürsorge des Direktors war von allen Wandlungen unberührt, und bewunderndes Staunen über das Maß der Arbeitskraft Baerwalds erfaßt uns, wenn wir den unermüdlichen Mann daneben noch mit der Abfassung wertvoller pädagogischer Aufsätze beschäftigt finden, wenn wir vor allem sein ausgebreitetes humanitäres Wirken überschauen. Seine vornehmlichste Sorge war auch hier seinen Mitarbeitern zugewandt; so verdankt ihm u. a. die Witwen- und Waisenkasse der Schule die Goldschmidtsche Annexstistung, die zur Unterstützung der Lehrer für Bade- und Erholungsreisen dient; er veranlaßte seinen Freund Rütten zu dem Vermächtnis, das die Fortbildung von Lehrer und Lehrerinnen fördern soll. Weiterhin kam dieses ■ sein Wirken unglücklichen und gebrechlichen, ferner den armen Kindern zugute, die die Lust und Fähigkeit dazu fühlen, sich aus der Enge des Elternhauses emporzuarbeiten, nm sich auf wissenschaftlichem oder gewerblichen Gebiet zu betätigen. Auf seine Einwirkung erfuhr die B. H. Goldschmidtsche Stipendienstiftung die segensvolle Erweiterung, die ihre Wohltat auch auswärtigen jüdischen Philologen, Theologen und! Lehramtsbeslissenen zugänglich machte; seinen Anregungen folgten die Begründer der Königswarter-Odrellschen und Rießerschen Stipendienstiftungen sowie der hochherzige, ihm eng befreundete Louis Mayer Maas bei Einrichtung ihrer | Vermächtnisse für die Jugend; er war der geistige Urheber der Sigmund Sternschen Waisenstiftung, die gegenwärtig 25 Waisenknaben eine sachgemäße Erziehung ermöglicht. Mit warmherziger Liebe hat er bis in die letzten Monate seines Lebens einen jeden dieser Knaben behütet und die Entwicklung jedes einzelnen mit väterlichem Auge verfolgt! Die gleiche liebevolle Fürsorge wandte er als Leiter des Mädchenwaisenhauses den hilflosen Mädchen zu und widmete dieser Institution, dem Israelitischen Frauenverein, durch 38 Jahre einen großen Teil seiner karg bemessenen freien Zeit. Diese fortdauernde angespannte und vielseitige Tätigkeit beeinflußte seine kräftige Konstitution bis zum Eintritt in das Greisenalter in keiner Weise. Eine streng geregelte und mäßige Lebensführung, eine kurze Ruhepause, die er sich in regelmäßigen Abständen gönnte, erhielt ihn noch im sechsten Jahrzehnt seines Lebens in bewundernswerter körperlicher Frische und geistiger Regsamkeit; nur die Nahestehenden bemerkten, daß eine plötzlich auftauchende schwere Sorge, die Frage des Fortbestandes der Schule, die seine ganze Spannkraft eine Zeitlang in Anspruch nahm, doch den scheinbar allen Anstrengungen trotzenden Körper ins Wanken brachte; aber fest blieb er gegenüber den Bitten seiner Familie, den Mahnungen seiner Freunde auf dem Posten, bis die drohende Gefahr endgültig beseitigt war. Die einzige Erleichterung die er sich zugestand, war die Uebertragung der Leitung der Anstalt in den technischen Angelegenheiten und in einigen llnterrichtsgegenständen an den Oberlehrer Dr. Hermann Dobriner, den er als jungen Lehrer an unsere Schule zu fesseln gewußt, und der durch hervorragendes Wissen, außerordentliches Lehrgeschick, einen praktischen Blick für die Bedürfnisse der Anstalt und durch treue Anhänglichkeit eine Zierde des Lehrerkollegiums war. Dank vor allem dieser Treue, mit der der leider allzufrüh von uns Geschiedene das nach mannigfachen Seiten hin schwierige Amt des Direktionsgehilfen führte, war es Baerwald möglich, bis über sein 70. Lebensjahr hinaus die Leitung der Anstalt zu führen. Sein 70. Geburtstag bot dem so großen Kreis, den sein Wirken umfaßte, erneute Gelegenheit zu herzlichen Kundgebungen der Liebe und Verehrung. Leider wurde den Wünschen, die ihm zu diesem Tage entgegengebracht wurden, nur noch kurze Zeit Erfüllung zuteil; die rasch nachlassende körperliche Kraft brachte ihn im Sommer 1899 zu dem Entschluß, die Bürde des Amtes, die er 31 Jahre getragen, jüngeren Schultern zu übertragen. Sein Abschied von der Stätte seines Lebenswerkes gestaltete sich zu einer imposanten Dankesfeier der verschiedenen Behörden, seiner Mitarbeiter und Zöglinge; ihren Höhepunkt erreichte sie in der bedeutsamen Abschiedsrede, in der der scheidende Direktor einen Ueberblick über die Zeit gab, in der er die Anstalt geleitet, dann den Ursprung und die Bedeutung des Philanthropins für die israelitische Gemeinde Frankfurt berührte, und die in den uralten Priestersegen ausklang. mit dem er Gottes Schutz für seine Schulgemeinde erflehte. Mit warmen Worten erkannte auch die Vorgesetzte staatliche Behörde die hervorragende Amtsführung Baerwalds an und wußte dieser Anerkennung durch Verleihung des Roten Adlerordens 3. Klasse mit der Schleife auch ein äußeres Zeichen zu geben. In seiner Abschiedsrede vom Philanthropin hatte Baerwald auch der Institution der Sabbatruhe gedacht und die heil-! bringende, befreiende Bedeutung des Ruhetages in weihevollen Worten gewürdigt. Gott hat die vollendete Arbeit durch den Ruhetag gesegnet und geheiligt; er will dem auf Erden sich strebenden Mühenden, nach Vollendung Ringenden dadurch i die Gewißheit geben, daß sein Werk am Ende der Tage gewürdigt, daß ihm dort, wo des Hochthronenden Gnade und Barmherzigkeit waltet, der würdige Lohn in seliger Ruhe werden wird. Diese feste Zuversicht der seligen Ruhe für den Heimgegangenen schöpfen auch wir aus dem Rückblick über das, was Hermann Baerwald gewesen ist und geleistet hat. Die Schlinge des Vogelstellers. Von David Felsberg.') irsch Lubliner, aus Winniza in Süd-Rußland, seine Frau und seine fünf Kinder erhielten alle zwei Monate einen Brief aus Philadelphia, wo der Erstgeborene aus dem Hause Lubliner lebte, und jedesmal war die Freude der Familie Lubliner groß. Hirsch Lubliner stammte aus einer guten Familie. Einer seiner Vorfahren war der große, fromme Reb Jehnda Leb Jerachmiel, der Sohn des noch größeren, frömmeren und gelehrteren Reb Jizchock Scholem, der der Verfasser des allgemein bekannten Buches „Isaaks Segen" war. Hirsch hatte nichts vom Genius seiner Vorfahren geerbt, aber er sehnte sich danach, den alten Ruhm seines Hauses in seinen Kindern erneut zu sehen. Er hatte zuversichtlich gehofft, sein Aeltester werde sich dem Studium der Heiligen Schrift widmen und eine Leuchte in Israel werden; aber leider erfüllten sich die Hoff- ') Ans dem Englischen von Dr. Amalie Klonower.