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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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sks schaftlichen Kreisen gebührend alseine der bedeutsainsten geschichtlichen Publikationen bewertet; auf Antrag des Präsidenten der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften wurde dem jungen Gelehrten eine ungewöhnliche Auszeichnung, die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, vom österreichischen Kaiser für diese Veröffentlichung zuerkannt. Trotz der angenehmen Stellung, in der er sich befand, trotz der engen Beziehungen zu gleichstrebenden Genossen, blieb die Sehnsucht Baerwalds nach Heimat und Elternhaus ungestillt, und mit Freuden ergriff er die erste Gelegenheit, die sich ihm zur Rückkehr ins Vaterland bot, wenn gleich die in Aussicht stehende Stellung namentlich in der äußeren Form wenig den Ansprüchen, die er stellen durfte, entsprach; reichlich entschädigte ihn für diese mangelnde äußere Bewertung die Aussicht, endlich einmal schulgernäßen Unterricht zu erteilen! In Berlin hatte nämlich der Rektor der Gemeindeknabenschule Horwitz 3 859 die Begründung der noch jetzt bestehenden jüdischen Lehrerbildungsanstalt erwirkt; auf Anraten einiger Berliner Freunde bewarb sich Baerwald um eine Lehrerstelle an der Anstalt und erhielt sie sogleich; um sein Einkommen wenigstens einigermaßen auskömmlich zu gestalten, wurde er daneben von der jüdischen Gemeindeverwaltung zum ersten Lehrer an der Religionsschule der Gemeinde und Vertreter des Leiters der Anstalt ernannt. Bald erwarb sich Baerwald in dem Lehrkörper der Anstalt eine hervorragende Stelle; mit seinem reichen vielseitigen Wissen, dem feinen pädagogischen Takt, seiner vorbildlichen Lehrerpersönlichkeit half er die neue Anstalt in die rechte Bahn leiten und das aus den verschiedensten Gegenden und verschiedenartigsten Verhältnissen stammende Schülermaterial zu ernster Arbeit für das gemeinsame Ziel anspornen. Ebenso übte er als Religionslehrer, vor allem durch seine sittlich-ernste Lebensanschauung, einen nachhaltigen Einfluß auf die Jugend der Gemeinde aus, und noch viele, viele Jahre nach Abschluß dieser seiner Tätigkeit blieben Männern und Frauen die weihevollen Religionsstunden, die sie in ihrer Jugend von ihm empfangen, in lebendigster Erinnerung. Die Befriedigung, die Baerwald in diesem eifrigen Wirken in Seminar und Religionsschule sand, gestaltete sich zu geradezu vollendetem Glück, als er seinen eigenen Hausstand begründen konnte. In dem feinsinnigbehaglichen Heim trafen sich neben Kollegen zahlreiche Freunde zu geistig angeregtem Verkehr; zu ihnen gehörte unter andern Ed. Lasker, den die gleiche Begeisterung für ein einiges deutsches Vaterland und die gleichen Ideen über die Grundlagen des Rechts und der Freiheit, auf denen es errichtet werden müsse, mit Baerwald verbanden. Bei einer dieser Zusammenkünfte, im Mai 1867, wurde, wie uns Baerwald in der Geschichte des Philanthropins anschaulich schildert, der schmerzvolle Verlust besprochen, der das moderne Judentum, und insbesondere das Philanthropin, durch das frühe Hinscheiden Sigismund Sterns betroffen und die Frage der Nachfolge in der Leitung der Anstalt erörtert. Lasker vertrat die Meinung, daß Baerwald für diese Stelle die geeignetste Persönlichkeit sei und übernahm es, die Angelegenheit an zuständiger Stelle anzuregen. In einem warmen Schreiben schilderte der hervorragende Parlamentarier dem Schulrat die wissenschaftliche Bedeutung und den trefflichen Charakter seines Freundes; der Brief hatte zunächst die Wirkung, daß der Schulrat seinen bisherigen Präsidenten Jos. Rütten, der gerade eine Reise nach Berlin unternahm, beauftragte, mit Baerwald in persönliche Verbindung zu treten. Die damals geschlossene Bekanntschaft zwischen den beiden gleichgesinnten Männern gestaltete sich bald zu einem innigenFreundesbunde, der durch ein Jahrzehnt, bis zuin Hinscheiden Rüttcns, beide eng aneinander kettete. Nachdem dann Baerwald in der Weihnachtszeit 1867 noch zur persönlichen Vorstellung in Frankfurt erschienen und Einblick in die Verhältnisse der Schule genommen, kainen im März 1868 die Wahlverhandlungen zum Abschluß. Der staatlichen Bestätigung hatte ein collo <|uium vor dem Berliner Provinzialschnlkolleginm vorzngehen; gegen Ende desselben legte ihm, so berichtet Baerwald. der Oberpräsident von Jagow die Schwierigkeiten dar, die er als preußischer Direktor in der alten, erst vor kurzem in den preußischen Staatsverbaud aufgenommenen Reichsstadt finden würde und richtete an ihn die Frage, wie er diesen Schwierigkeiten begegnen, was er zur Erlangung des unerläßlichen guten Willens und der freudigen Mitarbeit der Lehrer, zur Behauptung seiner Autorität tun würde? „Primutn ineipere a se ipso!" (Zuerst bei mir selbst anfangeil!) „Ich werde mich selbst in Zucht nehmen und jederzeit meine Pflicht und Schuldigkeit tun. Ich habe früh aus innerer Neigung den Lehrberuf ergriffen, ich liebe uleine Schüler, mir ist jede Unterrichtsstunde eine Stunde der Weihe, des Gebens und Empfangens. Mich erfüllt jede Lehrerpersönlichkeit mit hoher Achtung. Von denen, die ich dort im Lehrerkvllegiunl als solche erkenne, werde ich lernen, mit ihnen werde ich inich verbinden, allen aber möchte ich ein Beispiel werden treuer Pflichterfüllung. Ich bin entschlossen, mit aller Kraft und mit Einsetzung meiner ganzen Persönlichkeit der Schule jit dienen. So hoffe ich nach und nach aller Schwierigkeiten Herr zu werden!" Wo solch ernster Wille, solche Selbstzucht und solche Begeisterung herrschen, da muß bald reicher Segen der Arbeit Lohn sein, und so ist die mehr als 30 jährige Tätigkeit Baerwalds für das Philanthropin eine fortdauernde Quelle dieses Segens geworden und hat zu ihrem Ruhm und der Anerkennung, die die Anstalt bereits genoß, neue Reiser gefügt. Alle die Maßnahmen und Anordnungen, die Baerwald geschaffen, auch nur kurz anzuführen, ist unmöglich; es sei indes gestattet, einige der bedeutsamsten Schöpfungeil des neuen Leiters zu erwähnen. Zunächst unterzog er den gesamten Lehrplan des Philanthropins einer durchgreifenden Aenderung und brachte das Ziel der Anstalt in llebereinstiinmung mit den Forderungen der preußischen Unterrichtsverwaltung. Diese Arbeit, so mühevoll sie an und für sich war, wurde dadurch erschwert, daß die Schule auf bestimmten Grundlagen errichtet war, die sie allezeit in Treue gepflegt hatte. Diese Grundlagen mußten schon aus Gründen der Pietät und um das Interesse der Gemeindemitglieder an der Institution gleich rege zu erhalten, peinlichst gewahrt werden, auch wenn sie im Lauf der Zeit ihre Bedeutung für die Schule eingebüßt hatten. Nicht geringere Schwierigkeit bot die nvtwendige Umgestaltung des Lehrkörpers; an Stelle des bisherigen Systems der Fachlehrer, die zumeist autodidaktisch vorgebildet waren und die Kunst des Unterrichtens sich erst in der Praxis, in der Tätigkeit an der Schule angeeignet hatten, mußte ein Lehrkörper treten, der aus einheitlich vorgebildeten Persönlichkeiten bestand uild in dem jeder einzelne sich als Glied, das dem Ganzen sich einznfügen und unterzuordnen habe, fühlte. Das Vorbild des Direktors, dessen Maßnahmen jederzeit nur von dem einen Gesichtspunkt, der Förderung der Schule, diktiert waren, schweißte allmählich die oft disparaten Elemente zusammen, und so führten auch diese seine Bemühungen schließlich zu dem erwünschten Ziele. Eine große Förderung fand er hierbei in seinein unausgesetzteir Streben, auch die äußere Lage der Lehrer zu bessern, au Stelle der ungewissen, oft von der Willkür der jeweiligen Schul- und Gemeindeverwaltung abhängigen Einkünfte festgeregelte Normen für die Gehälter zu schaffen. Er hatte die Freude, auch hier nach langem Bemühen einen vollen Erfolg zu erzielen, und

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