Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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hat sich die Regsamkeit, das lebendige Interesse für alle geistigen Bestrebungen bis in ihr hohes Alter bewahrt. Mit verehrungsvoller Bewunderung haben alle diejenigen, die das Glück hatten, sie in ihreiu Heim kennen zu lernen, die geradezu erstaunliche geistige Höhe der hochbetagten Greisin wahrgenommen. Der Erziehung der zahlreichen Kinderschar widmeten die Eltern die größte Sorgfalt und opferten willig Geld und Gut, wenn die Förderung der Kinder außergewöhnliche Ausgaben notwendig machte. Durch rührende Dankbarkeit vergalten die Kinder, an ihrer Spitze der älteste, unser Hermann, diese Aufopferung. Allwöchentlich zum Sabbattage erstattete er in der Ferne von seinem und später der Seinigen Ergehen, seinen Leistungen, seinen Hoffnungen, den Eltern regelmäßigen ausführlichen Bericht. Der Tag feiner Einführung als Leiter des Philanthropins wird für ihn, wie er ausdrücklich in den Schulnachrichten hervorhebt, erst zun: Festtag durch die Anwesenheit des greisen Vaters, und wenn irgend möglich, erscheint er nach dem Tode des Vaters mit seiner Familie zum Passahfeste im Hause der Mutter, um dort nach altjüdischem Brauch an Stelle des Vaters den Sederabend abzuhalten. Der aufgeweckte und reichbegabte Knabe wird zunächst in der jüdischen Privatschule in die Elemente des Wissens, daneben vom Vater in das jüdische Schrifttum eingeführt. Bald hat er das Ziel der Schule erreicht und der Vater sendet ihn auf das Konitzer Gymnasium, wo er indes nur kurze Zeit bleibt, da seinein geistigen Streben dort nicht Genüge geschieht. In dem Kandidaten der evangelischen Theologie Richter findet er aber in Könitz einen trefflichen Privatlehrer; Richter führt ihn in die klassischen Sprachen und die Mathematik ein und läßt sich schließlich bereitfinden, den Knaben im Elternhause weiter zu bilden. Neben der allgemeinen Bildung wird auch die religiöse nicht vernachlässigt. Der Vater und talmudkundige Gemeindemitglieder sind auf diesem Gebiet seine Lehrer. In ruhiger geistiger Arbeit reift so der Knabe zum Jüngling heran und verläßt mit 18 Jahren das Elternhaus, um auf dem Gymnasium zu St. Elisabeth in Breslau die Vorbildung abzuschließen. In drei Jahren durcheilt er die sechs oberen Stufen der Anstalt und erlangt 1850 mit Auszeichnung das Zeugnis der Reife. Die großen politischen Bewegungen, die er in den letzten Jahren seines Breslauer Aufenthalts an sich hat vorüberziehen sehen, sowie eine besondere Neigung für das Lehrfach, in dem sich schon der Breslauer Gymnasiast reichlich betätigt, schon um seine Eltern möglichst zu entlasten, weisen ihn auf das Studium der geschichtlichen Entwicklung des Vaterlandes und auf das philologische Gebiet hin, das er sogleich mit regem Eifer und dem sittlichen Ernst beginnt, derber hervorstehende Grundzug seines ganzen Wesens von Kindheit an war und bis zu seinem Lebensende geblieben ist. Wie dem Direktor des Elisabetans. Professor Fickert, einen: ebenso gelehrten wie charakterfesten Mann, hat Hermann Baerwald durch sein ganzes Leben den beiden Breslauer- Lehrern, die ihn nun in das Studium der Geschichte einführten, den Professoren Gust. Ad. Stenfel und Richard Roepell, seine dankbare Gesinnung bewahrt. Aber auch auf diese Männer übte das ernste Streben des tüchtigen jungen Mannes großen Eilldruck aus und gewann ihm ihre geradezu väterliche Fürsorge. Als der engherzige Minister Raumer, der Vater der berüchtigten Regulative, Baerwald die Ablegung des Probejahrs trotz vorzüglich abgelegter Prüfung versagte, weil ein jüdischer Lehrer die Gesinnung der Kinder schädlich beeinflussen könnte, gab der wackere Fickert in Wort und Schrift beim Minister und bei Abgeordneten seiner Entrüstung gegen diese ungeheuerliche Beschuldigung Ausdruck, freilich ohne bei den traurigen politischen Verhältnissen, »vie sie in den fünfziger Jahren, Preußen herrschten, einen Erfolg zu erzielen; Professor Sten > wieder zog den jungen Studenten zu dem erlesenen Krui heran, der aus älteren Schülern sich in dein historiscl - Seminar geschaffen, und veranlaßte Bärwald, schon nach;u > jährigem Studium die Bearbeitung der Preisaufgabe zu üb > nehiilen, die dainals von der philosophischen Fakultät über m Wahl Rudolfs von Habsburg gestellt war. Berechtigter S! 1 konnte des jungen Studeirten Herz erfüllen, als bei der fei?: lichen Preisverkündigung seine Arbeit als die beste Lös:.» bezeichnet und mit dem Preise bedacht wurde. Richard Roei rl schließlich, der zweite seiner Geschichtslehrer, hat noch in: ho! ci Alter Studenten, die mit Baerwald irgendwie Beziehuiu 01 hatten, aus diesen seinen trefflichen früheren Schüler h n gewiesen; mit Freuden erklärte er sich bereit, als Baerw. l! ihn gelegentlich seiner Bewerbung un: das Direktorat >. Philanthropins um einige empfehlende Zeilen bat, die - c Werbung des lieben Schülers nachdrücklichst zu unterstütz.» Sein Schreiben ist ein ehrendes Zeugnis für den edlen Si u des Lehrers wie für die Achtung und Liebe, die sich te Student bei den Lehrern zn erwerben verstanden hat. Zu seiner weiteren Ausbildung und zun: Abschluß seit Studien suchte Baerwald 1853 die Universität Berlin cn i dort lehrte ja damals der hervorragendste Meister der historisch» Wissenschaft: Leopold von Ranke. Auch Ranke würdigte bei! die Befähigung und das ernste Streben Baerwalds; ge i gewährte er ihm den Zutritt zu den von ihm geleite: : historischen Hebungen und suchte ihn auch sonst möglichst;> fördern. Seine dankbare Gesinnung auch gegen diesen Leh.c, hat Baerwald beim Ableben Rankes in einer warmherzig > e schriebenen längeren Darlegung von der Bedeutung des! c rühmten Historikers bekundet. Nach zweijährigem Aufenthalt in Berlin schloß Baerwcli seineStudien mit der Prvinotion zum Doktor der Philosophie u it in: folgenden Jahre mit der Prüfung für das höhere Lehramt, ü ,i es ihm, wie bereits erwähnt, unmöglich gemacht war, nunnic i> den Lehrberuf zu ergreifen, faßte er den Entschluß, , ie historischen Studien über das Zeitalter Rudolfs von Habsbu» die er mit so großem Erfolg in Breslau begonnen, in d,ni kaiserlichen Haus- und Staatsarchiv und in der H. ibibliothek zu Wien fortzusetzen. In angeregten: V>rkehr mit einer Reihe junger Gelehrter, die dameis in Wien lebten und sich später einen hervorragend » Namen als Geschichtsforscher erwarben, wie Ottokar Lore:; und Karl Friedrich Stuinpf, brachte Baerwald den Wim 't 1856—1857 in Wien zu; bald eröffnete sich ihm auch i ie Aussicht, die recht beschränkten äußeren Verhältnisse, unt r denen er hier lebte, besser zu gestalten und auch seinen lc haften Wunsch nach einer Lehrtätigkeit erfüllt zu sehen: i't preußische Konsul in Wien, Moritz Ritter von Goldschmi t, bot ihm die Stellung eines Erziehers seiner Kinder e i. Länger als zwei Jahre hat Baerwald in dem allen idea- » Bestrebungen zugänglichen Hause zugebracht — er hatte Freude, seine Schüler nachhaltig zu fördern, und immer: u sind sie ihn: in dankbarer Verehrung zugetan gebliebui. Seine Stellung ließ ihm noch hinlänglich Muße zur Fv tsetzung seiner historischen Studien; zwei bedeutsame Vorarbeit» für die wissenschaftliche Aufgabe, die er sich gestellt hatte, si >d während dieser Zeit erschienen; sein wissenschaftlich * Hauptwerk, die Herausgabe und Erläuterung des so? nannten Baumgartenberger Formelbuchs, eit ft Sammlung von Urkundenformeln und Briefen aus der o Rudolfs von Habsburg, konnte erst einige Jahre später, 18i", zum Druck befördert werden und wurde sogleich in wisst»-