Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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90 nur die Reformierung meines Reiches angeht? Sie haben die Worte» die sie vorbrachten, aus der Frengis-Hauptstadt bezogen. Mein Großvezier warf ihnen ein paar nichtssagende und nichtsversprechende Phrasen zu und sie gingen. Ich glaube, sie sind überhaupt nur gekommen, um mich ganz nahe von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Es war zwar kein Minister unter ihnen, wie bei der Deputation der Frengis- Iuden, aber doch ein Mann, der. wie ich höre, eine Rolle im Rate des Reiches spielt und der die Anrede in der Sprache der Frengis gar geläufig herzusagen wußte, der Mirza Kuranda '). Der Mann soll tüchtig mit der Feder sein und sein Ruf reicht bis zu den Jaehuds der fernsten Länder, seine Nase leider auch. Ich muß mir bei meiner Ankunft in Teheran sogleich ein paar meiner jüdischen Rayets (Untertan) kommen lassen und diesen schönen Leuten erzählen, wie wenig wohlgefällig fürs Auge ihre Glaubensgenossen in den Giaurs-Hauptstädten aussehen. Mein ehemaliger Haekim Baschi Polak sagte mir, die Jaehuds hätten hier gar schöne Weiber, berühmt wegen ihrer Körperreize; warum sie doch nicht lieber eine Deputation von solchen Judenweibern zu mir entsendet haben?" Doch muß dem Schah-il-Schah die Anerkennung gezollt werden, daß er im Grunde genommen kein Feind der Juden war, vielmehr hier und da energisch einschritt, wenn die fanatischen Mullahs, die persischen Pfaffen, es gar zu arg trieben- Gegen die letzteren hegte er einen tiefen Haß, und in seinenr Reisetagebuch überschüttet er sie mit den krästigsteir Flüchen und Verwünschungen. Auch Muzzaffered-Din schützte seine israelitischen Untertanen sogut er es vermochte. Wiederholt erklärte er den Deputationen der „Alliance", des „koarä ok äeputies" und anderen Institutionen, daß er keine Verfolgungen der Israeliten dulden werde, da ihm alle Religionen und Nationalitäten gleich ans Herz gewachsen seien. Doch auch er vermochte der fanatischen Geistlichkeit gegenüber nichts auszurichten, und auch unter seiner Regierung wurden die Juden von dem Pöbel geschlagen, beschimpft und verfolgt und nicht allein von den freien Persern, sondern zuweilen auch von den Sklaven, ohne daß ihnen seitens der Mullahs, die zugleich Richter sind. Recht geworden wäre. In der Tat gibt es außer Marokko kaum ein Land auf der Erde, in dem noch jetzt unsere armen Glaubensgenossen so vielerlei Entbehrungen und Rechtsverkürzungen . erleiden müssen, wie im Lande der Sonne. Manche schwache und charakterlose persische Juden glauben, gerade wie einst die spanischen Juden Marannen, das heißt Scheinchristen, wurden, sich dadurch den Drangsalierungen zu entziehen, daß sie den Glauben ihrer Väter abschwören und sich zum Islam bekennen, zumal ein Gesetz besteht, das das Erbrecht der Juden in Frage stellt, während es dem Rechtgläubigen seine Erbfähigkeit in vollem Maße Gewähr leistet, aber auch dies hilft ihnen gewöhnlich nichts. Die Juden Persiens fristen ihr Leben teilweise als Arbeiter bei der Zubereitung von Wein und Spiritus, oder als Gvld- und Siberarbeiter, teils als Hausierer, Musikanten, Tänzer und Possenreißer. Das Eingehendste und Interessanteste über sie veröffentlichte der schon wiederholt genannte ehemalige Leibarzt des Schah-il-Schah, Dr. Polak, in seinem erwähnten Werke über Persien, und da sich im großen und ganzen in dieser Beziehung in Iran wenig geändert hat, mag aus dem hochinteressanten Buch hier einiges über die Geschichte der Juden in Persien, sowie ihre soziale Stellung, mitgeteilt werden: ') Gemeint ist der bekannte österreichische Publizist Ignaz Kuranda, geboren am 1. Mai 1812 in Prag und gestorben am 4. April 1884, der Begründer und langjährige Herausgeber der Leipziger Wochenschrift „Grenzboten", einer der geistreichsten Publizisten Oesterreichs, 1848 Mitglied des Frankfurter Parlaments und zwei Jahrzehnte später des österreichischen Reichsrates, wo er zu den hervorragendsten und einflußreichsten Rednern gehörte. „Sie waren selbst zu Zeitell der Sassaniden und selbst der W sses Muselmanen im südlichen Persien sehr zahlreich und mächtig, fct Ui sie okkupierten ganze Gegenden und bevölkerten Städte. Später I I wurden sie durch Druck und Verfolgung sehr reduziert. Sie Ltt € bilden drei große Gemeinden: in Schiras, Jspahan und Kaschan, Ri ,zu kleinere in Teheran, Demavent, Balafrusch und Kazaran. M ekui Einige leben auch versprengt in türkischen Ortschaften. Die R,,ch \ große Judengemeinde in dem Wallfahrtsort Meschhas hörte In p 9 infolge eines von den Priestern angezettelten Aufruhrs fast ganz ftj - gc auf. Viele bekehrten sich scheiilbar zum Islam und bilden da- M bst selbst auch noch jetzt eine geheime Judengemeinde, viele flüch- I;^wi teten sich nach Herat, weil sie mit der dortigen großen Ge- M iter meinde in steter Verbindung standen. M chsck Die Juden sprechen ein Patois, viel mit altpersisch unter- M s S mischt, auch sind sie der einzige Stamm in Persien, der Zisch- L ,rde laute spricht, welche bekanntlich der Perser bei aller Anstrengung I § kaum hervorzubringen vermag. Die gebildeten Klassen schreiben n: xsie und sprechen hebräisch nach richtiger, originärer Art. Gewöhn- R,l cen liche Briefe schreiben sie zwar in persischer Sprache, bedienen I rt l sich aber dazu der hebräischen Targum-Buchstaben. Bekannt- M >bär lich gibt es unter den Juden zwei Typen: den rein arabischen, «-st c mit feiner Adlernase und zierlichen Extremitäten, dann die I„ „lei andere, in alter Zeit mit Chaniten gekreuzte Rasse mit dicker I, j Nase, tiefer Nasen- und Mundfurche, krausem Haar, welches », weg dem Negerhaar sehr nahe kommt. Beide Typen finden sich in Ihtui Persien. Ueberhaupt haben Klima und soziale Verhältnisse I, ngt nicht im geringsten auf sie eingewirkt, so daß sie von Juden I; lge, in anderen Ländern durch nichts zu unterscheiden sind. M schr Jhre Satzungen sind dieselben wie die der übrigen Sefardim- Ijge, Juden, nur ist die Polygamie bei ihnen erlaubt, obwohl solche I? we in den gedrückten Verhältnissen, in denen sie leben, nur aus- I, n C nahmsweise in Anwendung kommt. Sie feiern dieselben Feste. I„ hei Das Purimfest selbst wird mit dem Klopfen beim Namen M ther Hamans begangen. Die ganzen Bücher werden unter den Ix,ste, nämlichen Formalitäten kopiert und aufbewahrt. I 3 Sie leben im äußersten Druck und Elend; auf einen I„,tte Stadtteil (Naodals-joebech zusammengedrängt, fiitb sie gezwungen, la ,füh die Haustür so niedrig zu machen, daß es nur in gebückter I n Stellung einzutreten möglich ist, um sich bei einem etwa I;?si plötzlich eintretenden Ueberfall leicht verbarrikadieren zu I, ttja können. Einzelne Hausverwalter und ihre Unterbeamte I,- eil; nehmen die wirkliche oder vermeintliche Grenzübertretung eines I; tte Judendieners als Veranlassung, die ganze Gemeinde zu brand- Ix ger schätzen. Es wird außerdem von ihnen die von Mohammed Ist ne für die Geduldeten aufgelegte Kopfsteuer (Dschezie) erhoben. In , z Dieser fortwährende Druck veranlaßte die meisten zur In ,cht Auswanderung in die Türkei und die östlichen Länder, obwohl In tgel dieselbe von seiten der Regierung auf alle mögliche Weise I,n tte verhindert wird, und daher nur im geheimen die Flucht aus- Id ß tz geführt werden kann. Bei der Einnahme von Herat wurden I(, zra die Judengemeinden durch den Prinzen Sultan Murat Mirza, lit nei genannt Hessame Sultanah, hart mitgenommen. Es sollte sich In ger nämlich ein im Orient berühmter Diamant, genannt „Saekka", I')j dbc in ihrem Besitz befinden. Dieses Kleinod wurde zum Vor- In atc wand von Plünderung und Vexation. Ob der Diamant sich In -rpe vorgefunden hat, ist nicht ermittelt worden, der Prinz häufte In iß, aber unermeßliche Schätze zusammen, der König wurde mit I (? einem Diamanten von 800 Dukaten im Wert abgefertigt. »w icht Sie leben meist von Seidespinnen, Glasschleifen, Gold- In ird« und Juwelenarbeiten; sie erzeugen Alkohol, Branntwein, Wein, >C ilta Ammoniak, Salz-, Schwefel- und Salpetersäure und verstehen »Lien sich auf die Scheidekunst, daher sie in der Münze unentbehrlich Im ine sind, deren technische Manipulationen sie leiten. Viele gelten I 9 auch als renommierte Aerzte. Sie erfreuen sich ferner des I)' ädc