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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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89 es nun an der Zeit sei, die volle Gleichberechtigung der Inden ans allen Gebieten, politischen, ökonomischen und kulturellen, anzustreben. Diese demokratischen Ideen müssen endlich einmal zum Durchbruche gelangen. Und nun hat der genannte Redner das richtige Wort gesunden, wenn er sagt, bei den den Inden bevorstehenden Kämpfen inüsse in Erwägung gezogen werden, daß die Unzufriedenheit, welche auch weitere Kreise der Judenschaft ergriffen hat, nicht von einer Partei, welche die nationale, oder, wenn man will, die zionistische genannt wird, genährtwürde, sondern vielmehr das Ergebnis von Erscheinungen sei. die zu den traurigsten in unserer Monarchie gehören. Unmöglich könne deshalb gewissen Postulaten der jüdischen Jugend die Berechtigung versagt werden. Wir meinen, das sei das richtige Wort zur rechten Zeit. Aber so sehr wir es anerkennen, daß die Verhältnisse Galiziens, das materielle Elend und die furchtbare Notlage eines großen Teils der jüdischen Bevölkerung dieses Kronlandes, ganz besondere und außerordentliche seien, müssen wir doch der Meinung Ausdruck geben, daß die Notwendigkeit vorhanden ist, jetzt den Blick auf das Ganze zu! richten lind nicht galizisch-separatistische Politik zu treiben, sondern das gesamte Judentum Oesterreichs im Auge zu behalten. Es gibt nicht nur „Postulate der galizischen Judenschaft", sondern auch solche des Gesamtjudentums Oesterreichs. Alle Parteien schließen sich zusammen; die Christlich-Sozialen sind besonders energisch an der Arbeit; schon haben sie das Gesetz der Wahlpflicht für ihre ureigensten Domänen Wien und Niederösterreich beschlossen. Bon einer politischen Organisation, die von den Wiener Juden ausgeht, haben wir noch nichts gehört. Schlafen diese noch immer? Vielleicht lassen sie sich doch erwecken. Zeit wäre es, daß sie endlich erwachen. lwri. Die Schahs und die Juden in Oerlien. Von A b u Said I b n M a s chall a. H. assred-Din hatte mit seinem ehemaligen Leibarzt und Teheraner Nniversitätsprofessor Dr. Polak auch mauche Unterredungen, die auf beu charaktervollen und überzeugungstreuen israelitischen Arzt, der nicht zu schmeicheln verstand, und den: Despoten nie zu Munde redete, ein bezeichnendes Schlaglicht werfen. Hier nur eine dieser Unterhaltungen, von denen der Schah-il-Schah in seinem Reisetagebuch gleichfalls Notiz nimmt. Es war dies zu Laxenburg, wo der König von Persien im August 1878 dem Wiener Hof einen Besuch abstattete. Dieser erzählt nun darin u. a.: „Mit Haekim Baschi Polak hatte ich hier manches mich interessierende Gespräch; er spricht die Jransprache fast besser als früher, er muß viel daran gearbeitet haben. Er hat auch viel für die Vertretung Irans da draußen in dem riesigen Völkerbazar getan in Wort und Schrift, wofür ich ihn auch belohnen will, er soll Tomans (Brillanten) haben, ich weiß, sie sind ihm lieber wie Orden. Haekim Baschi Polak hat auch, wie ich schon in Teheran wußte, manches gegen mich und mein Reich in Büchern niedergeschrieben. Darüber voll mir zur Rede gestellt, siel es ihm nicht ein, dies zu leugnen. „Die Wahrheit ist immer nur zum guten," meinte er. „Besonders für ihren Schreiber, wenn er mit seinem Kopf nicht erreicht werden kann," sagte ich ihm lächelnd darauf. Ich bin aber überzeugt, Haekim Baschi Polak wäre auch für eine Anzahl von Tomans nicht dazu zu bewegen gewesen, das Gegenteil von dem, was er über mich veröffentlichte, zu schreiben, deshalb achte ich seine Worte, wenn er mir auch nicht schmeichelt. Ich scheide auch von dem guten, redlichen Mann ohne Groll im Herzen. Leid tut es mir nur, daß er nicht ein Haekim Baschi des Herrschers dieses Reiches ist und nicht einmal Eaorfist (General), was er ja auch in Iran gewesen ist." Es lag auf der Hand, daß anläßlich der Besuche, die sowohl Nassred-Din, wie sein Sohn und Nachfolger Mnzafsered- Din in Europa uuternahmeu, nur sich mit europäischer Bildung und Kultur bekannt zu machen irnd demgeinäß Reformen in Persien einzuführen, die Vertreter der „Alliance Israelile Universelle“ und verschiedene andere jüdische Korporationen in Berlin, Wien, London, Paris dem König der Könige ihre Aufwartung machten, um sie, die unbeschränkten Despoten, rnilder zu stiuullen und sie zu veranlassen, den Notschrei der llnglücklichen Kinder Israels nicht wirkungslos verhallen zn lassen. Die genannten beiden Schahs versprachen denn auch den jeweiligen Wortführern, alles zu tun, um die traurige Lage der zahlreichen Israeliten, die auf dem Hochland Irans unter dem Joche ihrer Verfolger schon lange schmachten, zir verbessern. Wie wenig ernst aber Muzaffered-Din über diese Deputationen und Petenten dachte, und wie oberflächlich er die Leiden eines Teils seiner Untertanen beurteilte, wie frivol er überhaupt gesinnt war, erkennt man aus seinen Aufzeichnungen, die wir in seinem schon erwähnten Reisetagebuch finden. Aus Paris, 12. Juli 1878, als der frühere Minister Cremieur an der Spitze einer Deputation im Namen, seiner Glaubensbrüder bei ihm vorsprach, datiert die nachstehende Aufzeichnung: „Einen ganz unerwarteten Besuch hatte ich heute, die Juden von Paris schickten mir eine Gesandtschaft; anfangs glaubte ich, sie brächten nur Diamanten zum Ankauf und wollten mir etwas Vorsingen. Weit entfernt — sie kamen Fürbitte einlegen für ihre Glaubensgenossen in Iran; ihr Wortführer Cremieux, ein Mann, der schon einigemal im Frengisreiche Haddieh (Minister), wenn auch immer nur ein paar Monate, gewesen, sprach ein langes und breites mit einer Zungengeläufigkeit, die selbst einen besseren Kenner der Frengisspracke, als ich bin, viel zu tun gemacht hätte. Dabei ist der Mann so häßlich, daß ich ihn nicht einmal lange anzuschauen vermochte. Der letzte Branntweinverkäufer unter meinen iranischen Juden sieht wie ein Khan aus im Vergleich mit diesem Mann. Als die Männer mit den scharfen Geberden und den fieberhaften Handbewegungen weg waren, setzte mir Nazar-Aga auseinander, daß sie bitten kamen, ich möchte doch der Juden bei meinen „Reformen" in Iran nicht vergessen. Welcher Vorwitz! Woher wissen Sie dem: schon, das; ich reformieren will und werde? Und dann, ihre Gellossen sind gar nicht unterdrückt unter meiner Regierung, ich vergesse es nicht, das; es ein Jude lvar, Hadschi Ibrahim, der die Kadscharen ans den Thron von Iran z;r erhebet: mitgeholfen und daß aneine geliebte Dscheiram Chanum m:d ihr Sohn Kasin: Khan, (sie ruhen beide im Paradiese Allahs!) einen Juden als Haekim (Leibarzt) hatten. Freilich, Veziere sind die Juden noch nicht geworden und haben auch gar nicht den Ehrgeiz, es zu lverden, denn die Leute halten zuviel auf ihre schön geschnittenen Köpfe und machen lieber in Ammoniak, Salpeter, Juwelen." Und als die Juden Wiens gleichfalls bei ihm vorstellig wurden, damit er gelegentlich der Einführung der Reformen in Persien auch der Israeliten gedenken möge, notierte er unter dem 7. August des genannten Jahres airs Larenburg das Nachstehende, das am besten die hohle Natilr und die Gesinnungslosigkeit dieses absonderlichen asiatischen Selbstherrschers kennzeichrret: „Auch hier haben es die Jaehuds (Juden) für nötig befunden, mir eine Deputation auf den gesegneten Hals zu senden. Das danke ich den Frengis-Jaehuds, ein wahres Glück, daß ich in keiner Giaurenstadt mehr einen längeren Aufenthalt nehme, die Juden schickten mir dann wohl alle Deputanten Zll, die alle dasselbe nnnötige Ze'ug Vorbringen würden. Ich kann nur Allah danken, daß dieser Unfug nicht schon in Petersburg begonnen hat. Auch diese arg gestikulierenden Männer hier schwatzen mir vor, daß ich bei der I Resornliernng des Reiches ihrer Brüder in Iran gedenken möchte. Was sie

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