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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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löriff aus Orlterreich. 'Witte Februar 1907. roße Ereignisse werfen bekanntlich ihre Schatten voraus, und so sehen wir denn, wie die bedeutendste politische Tatsache, vor der wir stehen, die Neuwahl in den Reichsrat, welche nach dein allgemeinen Wahlrechte erfolgen soll, sich allüberall bereits ankündigt. Schon ist das alte Parlament zu seinen Vätern versammelt; mit Eilzugsgeschwindigkeit erledigte es noch eine große Zahl wichtiger Gesetze, machte gleichsam seine Ordnung mit dem Volke und der Regierung, um dann anseinanderzugehen und schon in der nächsten Zeit, man spricht vom Mai, den neuen Männern, denn viele bomines novi werden ins Parlament ohne Zweifel einziehen, das Feld zu räumen. Schon regt es sich überall, die neue Wahlkampagne beginnt in Fluß zu geraten, und Rouge et Noire rüsten sich zum wehrhaften Kampfe. Blau kann nur Vermutungen austellen über den Allsgang dieses Kampfes; wie ec enden wird, wer kann es sagen? Allch bei Wahlen pflegt alles oft anders zu koinmen, ähnlich wie beiin Theater. Doch ivenden wir einen Blick noch dem gelvesenen Parlamente zu. Unter den Gesetzen, die dieses erledigte, ist insbesondere das Beamtengesetz hervorzuheben, durch welches die Bezüge aller staatlichen Beamten, also auch der staatlich augestellten Lehrer, eine solche Erhöhung finden sollen, daß nach dein Ausspruche unseres Finanzministers der österreichische Beamte der bestbezahlte auf dem ganzen Kontinente sein wird. Es war höchste Zeit, daß für Beamte und Lehrer endlich etwas geschah. Die Teuerungsverhältnisse hierzulande sind solche geworden, daß Beainte, auch mit kleinen Familien, nicht mehr ihr Auslangen fanden. Wir begrüßen das neue Gesetz mit Freuden, und zwar insbesondere deshalb, weil auch einige jüdische Religionslehrer seine Vorteile genießen werden. Freundliche Leser dieser Zeitschrift werden wissen, wie wir vor jetzt sieben Jahren für die staatliche Anstellung der jüdischen Religionslehrer an unseren Mittelschulen kämpften. Wir haben nicht vergeblich gekämpft. Vom 1. Januar 1900 wurden einige dieser Männer wirklich an Stäatsiuittelschuleu mit allen Bezügen und Rechten von Professoren augestellt. Es ist das unsterbliche Verdienst des leider am 15. des verflossenen Monats Heimgegangenen ehemaligen Unterrichtsministers Wilhelm Ritter von Härtel, auf die berechtigten Forderungen der jüdischen Religivnslehrer gehört und ihnen eine würdige, unabhängige Stellung eingeräumt zu haben. Was das bedeuten will, kann nur der erfassen, der die Misere kennt, unter welcher diese Lehrer früher lebten und wirkten. Nochmals sei an dieser Stelle dem Dahingeschiedenen der innigste Dank dargebracht, denn erst jetzt, nach Zustandekommen des neuen Beamtengesetzes, werden auch die jüdischen Religionslehrer au unseren Staatsinittelschnlen die Früchte ihrer Anstellung genießen. Nicht nur werden ihre Bezüge namhaft erhöht, sondern es werden auch einige in höhere Rangklassen vorrücken. Wer Hütte dies vor 20 Jahren gedacht? Wir lverden nun jüdische Religionslehrer in der Rangklasse der Majore haben, wahrlich ein Fortschritt, dessen wir uns im Interesse der Sache sehr freuen. Es ist bezeichnend, daß diese Erhöhung im Jahre der Wahlreform erfolgt, in dem auch wir Juden einer neuen Zeit entgegengehen und neues Leben wohl auch in unseren alten Volkskörper einströmen wird. Möge nur die große Zeit kein kleines und kleinliches Geschlecht finden! Wo alles zum neuen Wahlkampfe rüstet, wollen auch wir nicht Zurückbleiben. Der erste Schritt auf diesem Wege ist nun auch geschehen. Zunächst in der Mitte der galizischen Judenschaft. Vor einigen Wochen fand im Lemberger Rathaussaale auf Veranlassung der jüdischen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Galiziens eine Versammlung statt, welche eine politische Organisation der Juden dieses Kronlandes bezweckt. Die Versammlung war von mehreren hundert der hervorragendsten Juden Galiziens besucht. Wie nicht anders denkbar, stießen in dieser vielköpfigen Versammlung die Ansichten hart aufeinander und die mannigfachsten Anschauungen traten hier zutage. Deshalb sind auch wir der Anschauung eines der Redner, daß vor allem den Juden Eintracht not tue. Nicht nur die jüdische Bevölkerung Galiziens, auch die ganz Oesterreichs befindet sich angesichts der bevorstehenden Einführung des allgemeinen Wahlrechts an einem bedeutungsvollen, sagen wir dem bedeutungsvollsten Wendepunkte ihrer Entwicklung. Daß es für die Juden an der Zeit sei, sich zu organisieren, wie oft haben wir diesen Ruf ertönen lassen! Aber Sonderinteressen zu verfolgen, ist nach unserer Ansicht nicht an der Zeit. Haben die Juden ivirklich nichts anderes jetzt zu tun, als sich zu organisieren, um nur national - polnischen Interessen zu dienen? Ich denke, es werde Pflicht der zu wählenden jüdischen Abgeordneten sein, jüdische Interessen im Auge zu behalten. Was bedeutet es, ivenn in der in jener Versammlung gefaßten Resolution von allgemeinen „galizischen" Verhältnissen gesprochen wird. Einige von den Wortführern konnten es sich auch nicht versagen, auf die Jugend, d. i. auf die nationale Bewegung im Judentum, loszuschlagen. So sehr eine einseitige Betonung des zionistischen Standpunktes ans Anlaß der konnnenden Wahlen zu bedauern wäre, vergessen wir nicht, daß der Kampf um die nationale Gleichstellung der Juden von der jungjüdischen Partei ausging, und daß sie die bewährtesten Kämpen in diesem Kampfe aufstellte. Natürlich meldeten sich auch die Sozialisten zum Worte. Es ist kein Zweifel, daß einige jüdische Sozialdemokraten im neuen Reichsrate sitzen, ebenso wie wir es nicht bezweifeln, daß diese fürs Judentum gar nichts oder wenig tun werden! Wir sind daher vollkommen der Anschauung des Präsidenten der Lemberger Handelskammer, welcher ausführte, daß sich die Juden vor allen: vereinigen müssen. Nur meinen wir, das müßte von feiten aller Juden Oesterreichs geschehen. Der Zentralsitz für diese Vereinigung ist aber die Reichshauptstadt. Die Vorstehung der Wiener Judenschaft möge eine Delegiertenversaunnlung aller Juden Oesterreichs ohne Unterschied der politischen Parteistellung berufen. Hier wären die Verhältnisse der einzelnen Kronländer zu besprechen, und in diesen wieder die Provinzvrganisationen zu schaffen, die sich mit dem Verhalten der jüdischen Wähler aus Anlaß der neuen Wahlen zil beschäftigen hätten. Es ist richtig, Galizien mit seiner 760 000 Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung nimmt in Oesterreich eine Sonderstellung ein. Es entfallen in diesem Kronlande mit seinen 7 300 000 Bewohnern 12 Prozent auf die Juden. Erwägen wir, daß nach den neuesten Angaben in der österreichischen Monarchie, ohne Ungarn, 4,8 Prozent der Bewohnerzahl Juden seien, dann schreiten der Zahl nach allerdings die Juden Galiziens voran. Aber auchwirklich nur der Zahl nach, denn die Intelligenz der österreichischen Judenschaft ist doch wohl nicht in Kolomeaund Buzacz, auch nichtin Krakau und Lemberg, sondern in Wien 31t suchen. Wir haben damit unser Separatvotum abgegeben, das die Meinung ausspricht: Eine politische Organisation der Judenschaft Oesterreichs habe von Wien auszugehen. Wenn nur die Vertretung der Wiener Juden auf der Höhe der Zeit stände und man dort für etwas anderes auch Interesse zeigte als für Prediger- und Mikwahfragen! Wir sind ferner nach dieser kurzen Abschweifung ganz der Meinung des Präsidenten der Lemberger Handelskammer, daß

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